Gefangen im Spiel - Spielsucht und die Folgen

Veröffentlicht auf von Methusalem

Ein Fallbeispiel. Der Anfang und Hintergrund: Liebeskummer. Die Trennung von der Freundin nach 8 Jahren - und der durchaus verständliche Gedanke, Ablenkung könnte hilfreich sein. Ein Werbeposter, das für das Spiel "World of Warcraft" wirbt, wird zum Auslöser für den Beginn der problematischen Entwicklung. Zunächst sind die Erfahrungen wenig angenehm, das Motiv "Ablenkung suchen" bleibt aber stark. Schließlich stellen sich Erfolgserlebnisse ein, die das Spielverhalten verstärken (als positiver Verstärker) und die unangenehmen Gefühle zunehmend aus dem Bewusstsein verdrängen (als negativer Verstärker). Die Beschreibung, dass "die Karte der entdeckten Gebiete immer umfangreicher" wurde, deutet auf Neugier als weiteres Motiv, das den Prozess zunehmend stabilisiert. Die virtuelle Welt hat einen grossen Vorteil - da gibt es keinen Menschen, der die eigenen Gefühle verletzen oder auch nur bewusst machen könnte. Hier lässt sich alles kontrollieren... hier lässt sich Macht in einem Ausmass erfahren, das es im realen Leben nicht gibt.
Die Zeit, die mit dem Spiel verbracht wird, nimmt zu - ein typischer Prozess in der Suchtdynamik, der bei substanzbezogenen Abhängigkeiten als Toleranzsteigerung bezeichnet wird.
Nach einigen Wochen zeigen sich unangenehme Nebenwirkungen: Beschwerden im Beruf, die Leistung lässt nach. Und - es zeigt sich, dass der Liebeskummer eben immer noch da ist. Spätestens zu diesem Zeitpunkt könnte die Einsicht entstehen, dass der Lösungsversuch nicht gelungen ist - das Problem wurde einfach beiseitegeschoben, weder bearbeitet noch bewältigt.
Das Problem der Spielsucht weitet sich aus - das Spielverhalten dringt in das Berufsleben ein, Mitspieler im Internet werden immer mehr zu wichtigen Bezugspersonen, die die Kontakte im realen Leben zurückdrängen. Die virtuelle Realität überlagert alles andere und wird zur dominierenden Lebenskonzeption. Nicht nur das Berufsleben, auch die bisherigen Freizeitaktivitäten verlieren an Bedeutung. Sport, Essen, Haushaltsführung werden zunehmen vernachlässigt. Die Spieldauer erhöht sich auf 15 bis 20 Stunden täglich.

Finanzielle Probleme werden drückend - nach 6 Monaten entsteht der Impuls, der Suchtentwicklung ein Ende zu setzen, drückt sich aber zuerst im Bemühen aus, die Spielzeit zu kontrollieren. Das ist ebenfalls ein typischer Prozess, der auf der Illusion beruht, Suchtverhalten begrenzen zu können.
Schließlich folgt der körperliche Zusammenbruch, der die entstandene Krise so deutlich zeigt, dass sich eine Abstinenzentscheidung abzeichnet: "ich musste das ändern". Der Entzug gelingt: der Ausflug zu den Eltern, das zunehmende Erschrecken über die entstandenen Probleme führen langsam wieder in die Realität zurück. Nach mehreren Tagen ohne Spiel kehrt er in die eigene Wohnung zurück und ordnet sein Leben neu. Das Grundproblem - die Trennung und der Liebeskummer - werden wieder bewusst. "Ich werde nie wieder ein Computerspiel anrühren" - mit den Erfahrungen, das Leben wieder genießen zu können, auch wenn es eine Menge Probleme zu lösen gibt, bekommt die rationale Abstinenzentscheidung eine emotionale Grundlage.
Gerade noch rechtzeitig zieht der Spieler die Notbremse - bei allen Schwächen zeigt sich die vollzogene Abstinenzentscheidung als Stärke, die Respekt verdient. Wie groß ist die Gefahr, rückfällig zu werden und wieder mit dem Spielen anzufangen?
Der zweite Beitrag im Forum Onlinesucht berichtet von der Entsorgung des Suchtmittels - das ist ein wichtiger Schritt. Der gelungen Rückweg in die Realität, die jetzt eine neue Bewertung erfahren hat, stellt wohl einen der wichtigsten Faktoren dar, die Abstinenz zu stabilisieren. Zur realistischen Selbsteinschätzung gehört die EInsicht, suchtgefährdet zu sein - eine vernünftige Entscheidung, die daraus resultiert, ist der Verzicht auf einen neuen Kauf entsprechender Software. Selbstkontrolle ist ein weiterer grundsätzlicher Aspekt - die Eigendynamik, die Spiele entwickeln können, gleicht der Wirkung von Nikotin, Alkohol und Drogen. Wenn man berücksichtigt, dass in dieser Phase die Kontrolle über das eigene Verhalten zunehmend verloren geht, sind Überlegungen zur Prävention schwierig - denn erst dann, wenn die Einsicht in das Problem wirklich "angekommen" ist, wird sich die Bereitschaft zur Veränderung entwickeln können.
Das Wichtigste bei der ganzen Geschichte ist aber, das Grundproblem zu bearbeiten, das für die Suchtentwicklung überhaupt erst verantwortlich war - als Belastungsmoment stellt die nicht verarbeitete Trennung ein Rückfallrisiko dar. Insgesamt betrachtet besteht die effizienteste Form der Suchtprävention darin, nach Faktoren zu fragen, die verhindern können, dass Sucht überhaupt entsteht. Vor solchen Spielen zu warnen und das Suchtpotential dabei deutlich zu benennen ist eine Seite - die andere Seite ist die Fähigkeit, mit kritischen Lebenssituationen umgehen zu lernen. Die negativen Verstärker, die durch die Ablenkung von einer als unerträglich erlebten Realität die Suchtentwicklung fördern und stabilisieren, könnten dann nicht in diesem Ausmass wirksam werden. Die Entscheidung, eine Psychotherapie zu beginnen und dort die belastende Trennung von der Lebenspartnerin aufzuarbeiten hätte ihm die Sucht mit allen Konsequenzen sehr wahrscheinlich erspart.

 

Link zum Originalbeitrag: "Barefoott" auf onlinesucht.de 20.3.2008

Veröffentlicht in Suchttherapie

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