Sucht und Familie

Veröffentlicht auf von Methusalem

Sucht ist zunächst ein individuelles Problem, so scheint es. Tiefer in die Problematik einzudringen bedeutet aber auch, immer wieder auf Familienzusammenhänge zu stossen - sei es, dass ein Elternteil ebenfalls süchtig ist, sei es, dass Alkohol, Drogen oder Medikamente ein bestimmte Funktion erfüllen: eine unerträgliche Situation irgendwie auszuhalten. Die Vorstellung, Abhängigkeit mit allem "Drum und Dran" als individuelles Fehlverhalten zu betrachten, greift dann zu kurz.

Nur - wie steht es eigentlich um die Bedeutung der Familientherapie, wenn es um das Thema Sucht geht? Süchtig ist ja das Individuum, eine Therapie wird für die Abhängigen finanziert, nicht aber für die Angehörigen, denn die sind ja schließlich nicht krank.

Welche Konsequenzen ergeben sich denn, wenn wir Sucht als Symptom eines kranken Systems "Familie" betrachten und der Frage nachgehen, welche Aspekte dabei eine Rolle spielen?

Auffallend häufig tritt der fehlende Vater auf, oder zumindest eine stark gestörte Beziehung zum Vater. Oft aber auch erhebliche Probleme mit der Mutter. Die Familiensituation als Hintergrundbelastung, als möglicher Auslöser, als Spannungsfeld, das sich zwischen den Polen "Abhängigkeit" und "Autonomie" bewegt - das sind Ansatzpunkte für ein tieferes, umfassenderes Verständnis von Suchterkrankungen. Sucht kann auftreten in einer Familie, in der die Ablösung von den Eltern nicht gelingt - starke Bindungen, hohe oder überhöhte Anforderungen, verwickelte Beziehungsmuster, erfahrene Ablehnung oder emotionale Verwahrlosung können die Entwicklung stören und den Boden für auffälliges Verhalten in vielfältigen Variationen legen. Fehlende Grenzen, der Mangel an Orientierung und angemessener Fürsorge - Erziehungsfehler also können die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung begünstigen. Suchtmittel können die Funktion haben, dem Chaos zu entkommen - bis es sich dann zeigt, dass dadurch noch mehr Chaos entsteht.

Eine ganz andere Frage bezieht sich auf die Kinder in Suchtfamilien - wenn also die Eltern süchtig sind und deshalb ein Ungleichgewicht schaffen, die Erziehung vernachlässigen und Strukturen schaffen, die zumindest nach außen das Bild einer "heilen Familie" aufrecht erhalten sollen...

Als Denkanstoss und Hintergrundinformation eignet sich eine Seite des Vereins "Leuchtfeuer e.v" - hier sind Rollenmuster beschrieben, in die Kinder aus Suchtfamilien geraten können. Schön gemacht - in einer Grafik lassen sich verschiedene Themen anklicken und vertiefen.

Zum Themenfeld "Suchtvorbeugung" gibt es ebenfalls nähere Informationen zu den Themen Glücksspielsucht, Alkoholismus, Internetabhängigkeit und Illegale Drogen.

Sucht und Familie - früher oder später tritt der Begriff "Coabhängigkeit" auf und damit die Frage, durch welche Verhaltensmuster und Prozesse die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung gefördert und aufrechterhalten wird... ein schwieriges Thema, weil es schnell an den Schuldbegriff gekoppelt wird, den Eindruck hinterlässt, die Angehörigen seien schuld an der Suchtentwicklung. Wie auch immer - Sucht betrifft nicht nur ein Individuum, sondern meist auch eine ganze (?) Familie.

Suchttherapie ohne die Frage nach der Ablösung aus problematischen Beziehungsmustern in der Familie bleibt ein unvollständiges Werk - vor allem dann, wenn die "alten Probleme" wieder auftauchen, werden schnell jene Muster wieder aktuell, die zum Suchtmittelkonsum geführt haben. Und dann - ist der nächste Rückfall vorprogrammiert.


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Veröffentlicht in Suchttherapie

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beate 10/29/2008 13:11


schaut mal auf http://www.doktor-norden.de da gibt es auch sehr interessante Themen!
lg beate

Volker 10/27/2008 21:55

Oft fungieren Familienangehörige auch als sogenannte Coabhängige, da sie, ob bewußt oder nicht und egal in welcher Form, die Abhängigkeit unterstützen. Sei es um das Gesicht zu wahren(heile Welt) oder um den Abhängigen vor eventuellen Straftaten(Geld für die Sucht beschaffen) abzuhalten.