Gestalttherapeutische Elemente in der Suchttherapie

Veröffentlicht auf von Methusalem

Die lupenreine Zuordnung bestimmter Vorgehensweisen zu einer bestimmten Therapierichtung ist so eine Sache… fest steht, dass mir Grundelemente der Gestalttherapie doch immer wieder durch den Kopf gehen und ihren Ausdruck finden. Dazu gehört die Orientierung im Hier und Jetzt, der Versuch, innere Prozesse deutlich zu machen und Konflikte zu bearbeiten. Konkret ging es mir heute um den Zugang zu einem inneren Konflikt im Rahmen der Rückfallbearbeitung. Dazu waren zunächst zwei Stühle nötig, auf denen Manfred (Name geändert) seinen Abstinenzkonflikt darstellen sollte. Auf dem einen Stuhl sollte jener Teil zur Sprache kommen, der mit Drogen aufhören will, auf dem anderen die süchtigen Anteile, jener innere Part also, der den letzten Rückfall verursacht hatte. Dabei spielten auch Leistungsängste eine Rolle, die Aussicht auf einen Ausbidlungsplatz war durch den Rückfall zunichte gemacht worden. Die Absicht und Botschaft hinter dieser Übung besteht in der Vorstellung, dass sich die süchtigen Anteile nicht einfach eliminieren lassen und ihren Tribut fordern, wenn sie längere Zeit einfach ignoriert werden. So ungefähr passte das Bild dann auch – rein rational unterwegs blieben die Gefühle lange Zeit im Hintergrund, bis sie im Rückfallgeschehen die Oberhand gewonnen hatte und der Kopf mehr oder weniger ausgeschaltet war. Unterstützung hatte dieser Part durch die Vorstellung „das schaffst Du ja doch nicht“. Und das Resultat: Selbstsabotage, ein längeres Rückfallgeschehen und das Aus für den Vertrag. Solche Dinge geschehen immer wieder, süchtige Anteile zu ignorieren ist also keine Lösung. Die Zielvorstellung, an der noch längere Zeit zu arbeiten ist, richtet sich auf Integration. Nur so lässt sich das ewige Hin und Her, das Pendeln zwischen Suchtgedanken und Abstinenzwille beenden. Süchtige Anteile anzunehmen und zu integrieren bedeutet dabei nicht, der Sucht freien Lauf zu lassen. Wohl aber anzuerkennen, dass Sucht eben auch etwas „gibt“. Wenn ich stellenweise den Part der süchtigen Anteile übernehme, wird deutlich, welche Argumente für die Abstinenz sprechen. „Eben nur für eine Nacht“. Die Schwierigkeit besteht darin, verständnisvoll mit diesen Anteilen umzugehen, im Sichzusichverhalten herauszufiltern, welche Wünsche und Bedürfnisse hinter der Sucht stehen. Mal abschalten, mal etwas anderes erleben, Ausgleich finden, das sind durchaus menschliche Bedürfnisse, die ihre Berechtigung haben. Und der Lernprozess, um denen es dabei geht, zielt nicht auf das Abspalten ab, sondern auf die Integration – eine Lösung, die solchen Gefühlen Raum lässt, ohne dass sie sich im Konsum von Drogen oder Alkohol ausdrücken müssen. Der Blick von aussen, die Betrachtung des Prozesses, zeigt dann die kämpferische Haltung, mit der beide Seiten miteinander kämpfen – bis eben eine Seite verloren hat, weil die Vermittlung und Integration fehlt. Stundenlang, tagelang kann es hin und her gehen: „soll ich konsumieren oder nicht?“.

Das Hier und Jetzt, das Akzeptieren, was ist – die süchtigen Anteile werden nicht verschwinden, das Suchtgedächtnis bleibt erhalten, die Muster und bisherigen Lösungsversuche bleiben präsent. So lange, bis bessere Wege erkannt und eingeübt worden sind, die alle Wünsche und Bedürfnisse, alle angenehmen und unangenehmen Bilder, Gedanken und Gefühle hinter den süchtigen Anteilen auf anderen Wegen lebendig bleiben dürfen. Dann erst wird der Kopf frei für die Entscheidung zur Abstinenz – ohne das Wertvolle in sich selbst, die Lebendigkeit der eigenen Gefühlswelt wegschieben, unterdrücken und abspalten zu müssen. Es geht darum, dass verschiedene Anteile miteinander in einen Dialog treten, der innere Konflikt real erlebt und ausgetragen wird. Mit einer einzigen Übung sind die vielfältigen Probleme, die damit verbunden sind, noch lange nicht gelöst. Die Erfahrung, dass die süchtigen Anteile eben auch „ein Teil von mir sind“, öffnet aber den Weg zu einem realistischeren Umgang mit sich selbst. Clean bleiben zu wollen, dabei aber die eigenen Gefühle konsequent wegschieben – das geht auf Dauer nicht gut.

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