Donnerstag, 26. juni 2008

Das Thema ist nicht neu, die Realität weit davon entfernt - die klassische Familie ist längst nicht mehr selbstverständlich und die Großfamilie mit mehreren Generationen unter einem Dach existiert kaum noch. Die Trends in der Gesellschaft gehen hin zur Individualisierung und Privatisierung - gleichzeitig aber sind vor allem die persönlichen Blogs ein Zeichen für das Interesse an der Öffnung des Privaten. Dahinter steht ein schlichtes Bedürfnis - allein zu sein macht auf Dauer einsam und was übrig bleibt, ist das Bedürfnis nach Kontakt, nach Kommunikation, nach Gemeinschaft.

Aus einer psychologischen Perspektive ist ein Netzwerk sozialer Unterstützung wünschenswert - nicht nur privat, sondern auch im beruflichen Bereich. Komplexe Aufgaben lassen sich im Team besser bewältigen, das ist eine Einsicht aus der Sozialpsychologie. Und die therapeutische Perspektive zeigt viele Elemente auf, die im Grunde auch außerhalb des therapeutischen Settings möglich sind, eine sehr lange Tradition haben, aber in ihrer Bedeutung kaum wirklich erkannt werden.

Manchmal geht es einfach darum, sich aussprechen zu können. Manchmal ist es an sich schon hilfreich zu wissen, "da ist jemand, mit dem ich mich austauschen kann".

Paare neigen dazu, sich abzugrenzen und zurückzuziehen, Kleinfamilien betrachten sich gern als Einheit, Freundschaften über die Familie hinaus sind ein "Zusatz", für den neben dem Berufsleben wenig Zeit bleibt. Großstädte ermöglichen zwar auf der einen Seite eine Fülle von Kontakten, fördern aber auch die Anonymität - und dabei kann so manche und mancher untergehen, ohne dass es jemand merkt. Was geht mich schon der Nachbar an? Letzten Endes bedeutet es, dass beinahe jede Dienstleistung professionalisiert und ökonomisiert wird, alles kostet Geld, umsonst gibt es nichts.

Was dabei verlorengegangen ist, betrifft den schlichten Gedanken des Dienstleistungstausches, die Selbstverständlichkeit einer Gemeinschaft, die sich um Einzelne kümmert und insgesamt eine Fülle von Kompetenzen weiterzugeben und auszutauschen vermag. Vielleicht lohnt es sich, über neue Formen des Gemeinwesens nachzudenken, die das Gefühl von Zugehörigkeit nicht mehr an familiäre Verwandtschaft koppeln, sondern anderen Prinzipien folgen. Was dabei entstehen könnte, sind Lebensgemeinschaften, die über das Modell der Wohngemeinschaft hinausgehen.

DIe theoretischen Überlegungen dazu sind eine Sache - die praktische Realisierung etwas ganz anderes. Zunächst geht es um den Aufbau sozialer Beziehungen, die entweder aufgabenbezogen (und damit eher funktional), inhaltsbezogen (also auf ein Hobby, eine Sportart oder ähnliches ausgerichtet) oder personbezogen (also auf freundschaftichen Kontakt ausgerichtet) sind. Je konkreter der Gedanke gegenseitiger Unterstützung weitergeführt wird, umso deutlicher dürfte werden, dass wir weit davon entfernt sind, in einer Gesellschaftsordnung zu leben, die den Grundbedürfnissen des Menschen wirklich entspricht. Aber vielleicht genügt ein einfacher Denkanstoss, um die Chancen, die sich bieten, ins Auge zu fassen und weiter zu verfolgen.

s. dazu: Ratlos: Hilfsbedürftigkeit und Stolz

von Methusalem veröffentlicht in: Prävention Community: Wellness und Gesundheit
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Montag, 16. juni 2008

In einem Artikel bei GMX wird beschrieben, dass die Kosten für die Entgiftungen von Komasäufern in den letzten fünf Jahren auf das Doppelte gestiegen sind. Sorgen machen sich die Krankenkassen, die für jeden 540 Euro bezahlen müssen. Wovon wohl? Von den Krankenkassenbeiträgen natürlich...

Darüber wird auch im Anschluss an den Artikel diskutiert.

Ein paar Meinungen habe ich hier zusammengetragen:

  • "Fahrlässig oder gar grob fahrlässig verursachte Kosten sollten sowieso immer selbst getragen werden, oder müssen durch Zusatzversicherungen abgedeckt werden."
  • "...wo fängt man dann an und wo hört man auf? Müssen übergewichtige Menschen, die gern zu Cola, Pizza, Chips und Burgern greifen, demnächst ihre Herzbehandlungen selber zahlen?"
    "...vielleicht sollten diese Kinder und Jugendliche auch mal in der Reha oder im Krankenhaus arbeiten und sehen was mit dem Körper passiert wenn jahrelang Alkohol (oder Nikotin) missbraucht wurde."
  • - "...die Eltern belangen, denn die haben ja die Aufsichtspflicht in einigen Fällen bestimmt verletzt."
  • - "Vermutlich müsste man erstmal die Eltern stärken damit die Kinder zu starken Persönlichkeiten werden, die dann bei Problemen nicht zu Drogen oder Alkohol greifen."
  • - "Wenn man zu Hause keine Problemlösungsstrategien mitbekommen hat und die Eltern auch nur gelangweilt vor der Glotze hängen, glaubst Du die Jugendlichen kommen von selbst drauf sich Perspektiven zu suchen? Ein paar bestimmt aber viele eben auch nicht."
  • - "Ich glaube auch, daß viel daran liegt, daß wir Erwachsenen es vorleben."
  • - "Alkohol müsste teurer werden und vor allem müssten die Vorbilder stärker werden, dass das sich Besaufen nicht nur ein ungesundes, sondern auch asoziales Verhalten ist." ...


Zunächst einmal finde ich es gut, dass überhaupt über dieses Thema diskutiert wird. Man kann da ja wirklich unterschiedlicher Meinung sein - die Überlegungen zum Selbertragen fahrlässig verursachter Kosten wirft aber wirklich die schwierige Frage auf, wo da Anfang und Ende sein soll, wer beurteilt, was fahrlässig ist und was nicht...

Insgesamt bleibt die Einsicht, dass es für uns alle wesentlich billiger wäre, wenn die Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit einen höheren Stellenwert bekommen würde. Starke Persönlichkeiten, die das Komasaufen einfach nicht nötig haben, weil sie sich auf andere Weise bestätigen können, das ist ein schönes Ziel.

"Man MUSS nicht trinken, um Spaß zu haben". Wie wahr.

von Methusalem veröffentlicht in: Prävention Community: Wellness und Gesundheit
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Mittwoch, 21. mai 2008

Der Holzklotzwurf, der am Ostersonntag die Mutter zweier Kinder tötete, ist aufgeklärt.  30 Jahre alt sei der Täter, heisst es im Bericht, und: drogenabhängig. Die Gruppe von Jugendlichen, zu denen es ein Phantombild gibt, ist noch nicht gefunden - und hat mit dem Wurf gar nichts zu tun. Also, ein kurzer Blick zurück auf die Spekulationen: da gab es Vermutungen über die Hintergründe und Prozesse, die da im Spiel gewesen sein könnten. Was bleibt jetzt noch davon übrig? Entwicklungsdefizite und Gruppendynamik passen nicht mehr, wenn der Täter 30 Jahre alt ist, ebensowenig wie die Schlussfolgerungen, über eine Verschärfung des Jugendstrafrechts nachzudenken. Dass Alkohol oder Drogen im Spiel gewesen sein könnten, hat sich nun aber bestätigt. Das Phänomen, dass Drogen das kurzfristige Denken fördern, die Konsequenzen des eigenen Handelns damit schnell aus dem Blick geraten und Denkstörungen auftreten können, ist ja nicht neu. Gewalthandlungen können aus übermäßigem Alkoholkonsum, aber auch aus dem Konsum von Drogen heraus entstehen. Entweder als instrumentelle Aggression, um an Geld für Drogen zu kommen, oder aus einer spontanen Aktion heraus, weil der Umgang mit Gefühlen beeinträchtigt ist und Kontrollmechanismen fehlen. Soweit also lässt sich der Erklärungsansatz aufrecht erhalten. Der Tatverdächtige habe sich in Widersprüche verwickelt und gelte schon länger als drogenabhängig. Konsequenterweise muss also Gewaltprävention auch Suchtprävention bedeuten - wäre der Betreffende zu einer Beratungsstelle gegangen, hätte er sich einer Entgiftung und einer stationären Entwöhnungstherapie unterzogen, wäre der Holzklotz vielleicht geblieben, wo er war.
Dem Ruf nach dem "Strick um dem Hals", der in den Meinungen zum Thema geäußert wird, kann ich mich als prinzipieller Gegner der Todesstrafe nicht anschließen. Neben dem Anliegen, die Öffentlichkeit zu schützen, bleibt das therapeutische Anliegen bestehen - und es würde mich nicht wundern, wenn das Gericht zusätzlich zu einer Haftstrafe eine Therapie "dringend nahelegt" - und wenn es sein muss, eben im Rahmen des Massregelvollzugs. Das Problem ist allerdings, dass Suchttherapie nur auf freiwilliger Basis wirklich funktioniert. Schwierig ist aber auch, dass Drogenabhängigkeit sehr lange "gelebt" werden kann, bis endlich der Gang zur Beratungsstelle erfolgt. Entgiftungen werden häufig abgebrochen, und selbst dann, wenn eine Therapie begonnen wird, ist ein Abbruch nicht auszuschließen - auch dann nicht, wenn sie als Alternative zur Haftstrafe nach §35 BtMG erfolgt.
Das System funktioniert, wenn es zu einer drastischen Straftat gekommen ist - die Tatsache einer hohen Aufklärungswahrscheinlichkeit könnte aber auch ein Argument sein, früher an die möglichen Folgen des Drogenkonsums zu denken und deutlich zu machen, dass es nicht nur um eine individuelle Krankheit, sondern auch um die Gefährdung anderer geht. Mechanismen zu entwickeln, die früher einsetzen und eine "Zwangstherapie" anordnen, ist ein fragwürdiger Ansatz. Zu den unverzichtbaren Bemühungen gehört aber die Arbeit der Suchberatungsstellen, die sich darum bemühen, über Sozialberichte und Anträge einen Therapieplatz finanziert zu bekommen.
Nur - wer alkohol- oder drogenabhängig ist, muss dort eben erstmal hingehen. Die Einsicht "ich bin abhängig" muss erstmal da sein. Es genügt schon die Einsicht "ich habe ein Problem mit Suchtmitteln". Bis es soweit ist, können Jahre vergehen - und oft sind Freunde und Angehörige eifrig damit beschäftigt, alles was schiefgeht irgendwie wieder "hinzubiegen" und stabilisieren damit gewollt oder ungewollt die Suchtentwicklung.
Bei einem 30-Jährigen kann man nicht auf ein "Machtwort" der Eltern warten, es würde wohl nicht angenommen. Was bleibt, ist Motivationsarbeit - möglichst überall dort, wo Auffälligkeiten auf starken Suchtmittelkonsum hinweisen. In Schulen, Ausbildungspätzen, im Betrieb. In der Familie, im Freundeskreis. Das kann schwer sein: sich klar zu machen, dass "gut gemeint" und "gut gemacht" zwei verschiedene Dinge sind - und alles, was letzten Endes die Sucht unterstützt, sei es das Leihen von Geld oder die Unterstützung in einer Notlage, die durch Suchtmittel entstanden ist, als falsch zu erkennen.
Abhängige brauchen ein klares Signal, eine Wand, die signalisiert: hier geht es nicht weiter.
Niemand kann vorhersehen, was alles geschieht, wenn Alkohol und/oder Drogen gefährliches Verhalten "erlaubt". Die Verkehrsstatistiken sprechen hier allerdings eine klare Sprache - nur bewirken sie eben nicht viel, denn Drogenkonsum ist oft schwer zu erkennen, Alkohol wird eben toleriert, also...

Bleibt nur der Appell an die Vernunft?

von Methusalem veröffentlicht in: Prävention Community: Wellness und Gesundheit
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Zitat von philosophenlexikon.de

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