Die Halbgötter in Weiss geraten in Bedrängnis, die Rolle des Arztes verändert sich. Selbstdiagnosen mit Informationen aus dem Internet - ist das sinnvoll?
Die Entwicklungen, die mit dem Internet und den wachsenden Informationsmöglichkeiten verbunden sind, lösen ein Kernmoment traditioneller Kommunikationsmuster im Gespräch zwischen Arzt und Patient immer mehr auf. Das Bild vom fachkundigen, objektiv diagnostizierenden Arzt, der einem unwissenden Patienten sagen kann, sagen darf und sagen muss, was er hat und wie er wieder gesund werden kann, scheitert immer häufiger an einer Haltung, die bei aller Problematik auf eine mündiger werdende Patientenschaft deutet.
Der fachkundige Laie will mitbestimmen, nicht nur passives Objekt medizinischer Behandlung sein, sondern selbst Verantwortung tragen für sich, seine Gesundheit und seine Entwicklung, damit auch mitbestimmen über die Art und Weise der Behandlung. Was und wie mit welchen Mitteln und Medikamenten geschehen soll wird damit immer mehr zum Thema, vielleicht auch zum Streitthema.
Angekratzt wird dabei das Verständnis von Autorität, zu dem die Vorstellung gehört, ein Laie könne schliesslich keine Diagnose stellen und wenn es keine objektive Ursache gebe, könnte ein Mensch auch keine Schmerzen haben, vor allem aber: Diagnose und Therapie seien Pflicht und Aufgabe des Arztes und - NUR des Arztes.
Nachdenklich machen Geschichten, in denen es um Krankheiten geht, die von ärztlicher Seite nicht erkannt und oft zuerst geleugnet wurden, von den betroffenen Patienten aber sehr wohl mit Nachdruck benannt waren - Konflikte sind dann vorprogrammiert, eine Klage im Einzelfall durchaus möglich. Manchmal verlaufen diese Geschichten tragisch - einer meiner Studienkollegen hatte wochenlang seinem Arzt von Schmerzen im Rücken berichtet, die aber abgetan wurden - "da ist nichts", hiess es. Schliesslich handelte es sich um einen Psychologiestudenten und "die spinnen ja alle ein bisschen".
Erst bei einer genaueren Untersuchung zeigte sich dann, woher die Schmerzen kamen - ein Tumor in der Niere, der schnell wuchs und wenige Wochen später zum Tod
führte. Vorwürfe und Kritik am damals behandelnden Arzt machen keinen Toten lebendig - die Geschichte zeigt aber exemplarisch grundsätzliche Probleme auf.
Möglichkeiten und Grenzen medizinischer Diagnostik
Eine umfassende Darstellung der Möglichkeiten und Grenzen, die mit der modernen Apparatemedizin verbunden sind, ist hier nicht mein Anliegen - dafür bin ich nicht kompetent. Realistisch erscheint
mir aber die Einschätzung, dass es oft einfach nicht möglich ist, einen winzigen Tumor zu entdecken oder herauszufinden, ob Schmerzempfindungen denn nun eine organische Grundlage haben oder nicht
- verantwortlich und korrekt ist dann die Durchführung weiterer Untersuchungen, wenn es Hinweise auf ein mögliches Problem gibt. Der kritische Punkt an dieser Stelle ist eine Haltungsfrage - kann
ein Patient Hinweise geben, als Quelle diagnostischer Hypothesen dienen oder wird das ärztliche Gespräch vom Grundgedanken bestimmt, dass der Patient ja sowieso keine Ahnung hat, seine eigene
Wahrnehmung also diagnostisch irrelevant ist?
Betrachten wir Diagnostik als einen gemeinsamen Erkenntnisprozess, in dem es darum geht, mehr zu erfahren, Informationen zusammenzutragen und eine möglichst genaue Diagnose zu stellen, dann hat es seine Rationalität, möglichst viele Informationsquellen zu nutzen.
Der potentielle Kunstfehler, der von ärztlicher Seite geschehen kann, liegt dann möglicherweise in der Ignoranz von Informationen, die sehr wohl zutreffend sein
können, auch wenn die exakte wissenschaftliche Beweisführung fehlt. Die Grundlage der diagnostischen Beziehung ist für einen naturwissenschaftlich denkenden Menschen eine Subjekt-Objekt-Beziehung
- der Arzt als Diagnostiker übernimmt die Rolle des erkennenden Subjekts - der Patient ist Objekt, damit passiv. Seine eigene Wahrnehmung interessiert nicht. Kritisch reflektiert könnte und (wie
ich meine, sollte auch) daraus eine Subjekt-Subjekt-Beziehung werden. Gehen wir einfach einmal davon aus, dass Menschen sich selbst beobachten können, dass ihre subjektive Wahrnehmung des eigenen
Körpers zwar begrenzt, aber deshalb noch lange nicht "falsch" ist. Gehen wir einfach einmal davon aus, dass der internetkundige Laie mit seiner Selbstdiagnose recht haben könnte - welcher Weg ist
dann der vernünftige?
Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung
Dieser einfache Grundgedanke der Wahrnehmungspsychologie beruht auf dem Phänomen der Perzeptbildung - die Sinnesorgane liefern eben kein exaktes Abbild der Realität, das Gehirn dreht
gewissermassen seinen eigenen Film. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das - jede Wahrnehmung ist subjektiv. Der Normalfall ist dann nicht, dass alle die Dinge auf dieselbe Art und Weise
wahrnehmen - der Normalfall ist, dass es Unterschiede gibt. Gehen wir von einem Beziehungsmodell aus, das dem Arzt als Fachmann und Autorität das Recht zubilligt, "zu sagen, was Sache ist",
mithin sich mit seiner Wahrnehmung auch durchsetzen zu können und zu sollen, wird jede "andere Wahrnehmung" per se schon sekundär. Allenfalls könnte der Rat der Fachkollegen noch von Bedeutung
sein, insbesondere wenn es sich um Fachärzte handelt, die spezifische diagnostische Mittel einsetzen oder über speziellere Kenntnisse verfügen. Aber der Patient? Den kann man, darf man, muss man
nicht ernst nehmen. Aufgabe des Patienten ist es schliesslich, krank zu sein. Nicht aber, einen wie auch immer gearteten Beitrag zur Diagnostik zu leisten... Ist es mit der Würde des Mediziners
zu vereinbaren, aus der Einsicht in die Begrenztheit des je eigenen Erkenntnisvermögens den Patienten um Hilfe zu bitten? Ist es diagnostisch korrekt, die Wahrnehmung des Patienten selbst als
Quelle diagnostischer Informationen zu akzeptieren und zu nutzen, zumindest als Hypothese? Welche Art von Beziehung wird entwickelt und gestaltet, wenn das ärztliche Gespräch die Wahrnehmung des
Patienten wirklich ernst nimmt, auch und gerade wenn sie von der eigenen fachkundigen Auffassung abweicht?
Gemeinsam Verantwortung tragen
Die Entwicklungen und die umfassender gewordenen Möglichkeiten der Selbstinformation beinhalten eine große Chance - medizinische Informationsseiten betreiben einen geradezu systematischen Abbau
von Macht, genauer gesagt: die Informationsmacht, die Asymmetrie zwischen dem wissenden Arzt und dem unwissenden Patienten löst sich immer mehr auf. Umso wichtiger ist es dann aber auch, klarer
zu definieren, wo die spezifische Fachlichkeit beginnt - und deutlich zu machen, dass es nicht darum gehen kann, die laienhafte Selbstdiagnose über die Diagnose des Arztes zu stellen. Gemeinsam
Verantwortung tragen - das kann bedeuten, dass Patienten ihre Ärzte informieren, ihre eigene Wahrnehmung thematisieren und damit deutlich machen, dass sie für sich und ihre eigene Gesundheit
etwas tun. Lernprozesse sind dabei auf beiden Seiten erforderlich - denn mit der Aussage "ich hab da was im Internet gelesen" wird sich so mancher Arzt schwer tun. Die entsprechende Website zu
benennen oder einen Ausdruck mitzubringen könnte den Dialog dabei erleichtern - und die Chance erhöhen, mit dem eigenen Anliegen ernst genommen zu werden. Langfristig wird sich dadurch das
Verständnis medizinischer Behandlung grundlegend ändern - die passive Haltung "mach mich gesund" wird immer stärker abgelöst durch das aktive Bemühen, mit ärztlicher Hilfe wieder gesund zu
werden.
Das Studium der Medizin wird dabei keinesfalls entwertet - so umfangreich die Informationsmöglichkeiten im Internet auch sein mögen, eines können sie nicht ersetzen: die Fähigkeit, durch
umfassende Kenntnisse Details einzuordnen und in ihrer Bedeutung zu bewerten. Der Wissende kann sehr wohl erklären und begründen, warum bestimmte Methoden und Vorgehensweisen sinnvoll erscheinen
- und auch die Intuition, die auf Erfahrung beruht, hat ihren Wert. Gemeinsam Verantwortung zu tragen bedeutet nicht, Fachkompetenz zu ignorieren und die irreführende Vorstellung zu unterstützen,
langfristig könne jeder per Internet zu "seinem eigenen Arzt" werden. Vielmehr geht es darum, Fachlichkeit im Dialog neu zu bestimmen und sich auf jenen "neuen Patiententypus" einzustellen,
Entscheidungen zu begründen und deutlich zu machen, wo und inwieweit die Mitverantwortung des Patienten überhaupt sinnvoll und wo sie notwendig ist. Als Patient bleibt der Nichtmediziner trotzdem
Laie - und sollte sich davor hüten, eine metakomplementäre Beziehung etablieren zu wollen, in der dem Arzt gesagt werden soll, "wo es lang geht". Gemeinsam geht es besser - wenn sich der
teilkompetente Laie seines Nichtfachmannseins bewusst bleibt und den Respekt, der für die eigene Person gewünscht wird, auch anderen entgegen bringt.
Vielleicht rückt dabei ein in den Hintergrund getretenes Element der ärztlichen Kunst wieder stärker ins Blickfeld, jenes Relikt aus einer Zeit, in der es eben noch nicht so viele Apparate gab...
das Gespräch. Und mit "Gespräch" meine ich dabei nicht die Idee, dass "ein Sender einem Empfänger eine Nachricht übermittelt" - sondern das Miteinandersprechen, sich über etwas verständigen - mit
dem Ziel gemeinsamen Handelns.
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