Rückfälle bei Abhängigkeitserkrankungen beschäftigen mich jetzt schon seit vielen Jahren. In der Fachliteratur finden sich verschiedene Modelle zum Rückfallgeschehen, die typische Phasen beschreiben. Wesentlich interessanter aber ist die Analyse realer Rückfallprozesse, die eine Reihe von Schlussfolgerungen nahelegen. Die nähere Betrachtung zeigt dabei recht unterschiedliche Verläufe und Problembereiche auf - und die Einsicht, dass es oft bereits bis zu 2 Monate vorher Warnsignale gab, die einen Rückfall hätten verhindern können. Vorausgesetzt eben, sie werden erkannt und entsprechend berücksichtigt.
Rückfälle gehören zur Abhängigkeitserkrankung und bedeuten nicht, dass die Therapie "sinnlos" war.
Die Sichtweise und der Umgang mit Rückfällen hat sich in der stationären Entwöhnungstherapie verändert. Die Zeiten, in denen die "disziplinarische Entlassung nach Rückfall" sehr häufig war, sind vorbei. Auch dann, wenn Rückfälle im Verlauf der Therapie stattfinden, wird meist die Chance gelassen, die Therapie fortzusetzen. Dabei wird jedoch meist vorausgesetzt, dass die prinzipielle Bereitschaft zur Abstinenz gegeben sowie die Therapiemotivation vorhanden ist.
Ein Rückfall ist kein Zufall, kein Schicksal und niemals unausweichlich.
Auch wenn es manche so beschreiben ("... und da kam es plötzlich über mich und ich musste was trinken") geht jedem Rückfall etwas voraus: mit dem Begriff der "scheinbar unbedeutenden Entscheidungen" sind viele kleine Prozesse beschrieben, die eine langsame Annäherung an den erneuten Konsum nach sich ziehen. Die Bestandteile dieser Prozesse lassen sich meist recht gut herausarbeiten, als zusammenfassendes Modell verwende ich hier den Begriff der "Permissionstriade", den ich noch einmal gesondert beschreiben möchte. Zusammengefasst geht es um einen inneren Prozess, der darauf hinausläuft, sich einen erneuten Konsum zu "erlauben".
Suchtrelevante Schemata
Die Auswertung von Rückfallanalysen zeigt eine breite Palette von suchtrelevanten Schemata auf. Welche davon wirksam werden ist individuell verschieden. Es können unangenehme Gefühle sein, die einem Rückfall vorausgehen, Situationen, die ohne Suchtmittel scheinbar nicht zu bewältigen sind, aber auch Leichtsinn und Übermut, ein zu hohes Mass an Sicherheit. Ich vergleiche diese Prozesse gern mit den Problemen eines Diabetikers - wenn der Blutzuckerspiegel gut eingestellt ist, kann nicht sehr viel passieren, ein Diabetiker muss aber auch ständig darauf achten. Bei Süchtigen geht es mehr um das emotionale Gleichgewicht, das ständiger Aufmerksamkeit bedarf. Das Suchtgedächtnis produziert gewissermassen regelmäßig in ganz bestimmten Situationen den Wunsch nach erneutem Konsum - während der Aufarbeitung eines Rückfalls geht es darum, diese Muster zu identifizieren und Alternativen zu entwickeln.
Verdeckte Rückfälle
Verdeckte Rückfälle sind ein Sonderproblem - wenn nach einem Rückfall verheimlicht und vertuscht wird, ist der therapeutische Prozess unterbrochen und es besteht die Gefahr, dass das süchtige Verhalten mit fortgesetztem Konsum mit aller Macht zurückkehrt. Nach längerer Abstinenz wird ein Rückfall schnell lebensgefährlich, weil der Körper entwöhnt ist und schnell eine Überdosis erreicht ist. Ein Rückfall kann also auch tödlich ausgehen - und das gilt nicht nur für die harten Drogen sondern auch für Alkohol. Rückfälle anzusprechen und aufzuarbeiten ist wirklich notwendig - und wenn sie nach einer stationären Therapie geschehen, ist professionelle Hilfe sehr wichtig. Die Entscheidung, dann eine Auffangbehandlung anzuschliessen ist die bessere Alternative gegenüber dem Versuch, "irgendwie allein damit fertig zu werden".
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