Dienstag, 24. juni 2008

Rückfälle bei Abhängigkeitserkrankungen beschäftigen mich jetzt schon seit vielen Jahren. In der Fachliteratur finden sich verschiedene Modelle zum Rückfallgeschehen, die typische Phasen beschreiben. Wesentlich interessanter aber ist die Analyse realer Rückfallprozesse, die eine Reihe von Schlussfolgerungen nahelegen. Die nähere Betrachtung zeigt dabei recht unterschiedliche Verläufe und Problembereiche auf - und die Einsicht, dass es oft bereits bis zu 2 Monate vorher Warnsignale gab, die einen Rückfall hätten verhindern können. Vorausgesetzt eben, sie werden erkannt und entsprechend berücksichtigt.

Rückfälle gehören zur Abhängigkeitserkrankung und bedeuten nicht, dass die Therapie "sinnlos" war.

Die Sichtweise und der Umgang mit Rückfällen hat sich in der stationären Entwöhnungstherapie verändert. Die Zeiten, in denen die "disziplinarische Entlassung nach Rückfall" sehr häufig war, sind vorbei. Auch dann, wenn Rückfälle im Verlauf der Therapie stattfinden, wird meist die Chance gelassen, die Therapie fortzusetzen. Dabei wird jedoch meist vorausgesetzt, dass die prinzipielle Bereitschaft zur Abstinenz gegeben sowie die Therapiemotivation vorhanden ist.

Ein Rückfall ist kein Zufall, kein Schicksal und niemals unausweichlich.

Auch wenn es manche so beschreiben ("... und da kam es plötzlich über mich und ich musste was trinken") geht jedem Rückfall etwas voraus: mit dem Begriff der "scheinbar unbedeutenden Entscheidungen" sind viele kleine Prozesse beschrieben, die eine langsame Annäherung an den erneuten Konsum nach sich ziehen. Die Bestandteile dieser Prozesse lassen sich meist recht gut herausarbeiten, als zusammenfassendes Modell verwende ich hier den Begriff der "Permissionstriade", den ich noch einmal gesondert beschreiben möchte. Zusammengefasst geht es um einen inneren Prozess, der darauf hinausläuft, sich einen erneuten Konsum zu "erlauben".

Suchtrelevante Schemata

Die Auswertung von Rückfallanalysen zeigt eine breite Palette von suchtrelevanten Schemata auf. Welche davon wirksam werden ist individuell verschieden. Es können unangenehme Gefühle sein, die einem Rückfall vorausgehen, Situationen, die ohne Suchtmittel scheinbar nicht zu bewältigen sind, aber auch Leichtsinn und Übermut, ein zu hohes Mass an Sicherheit. Ich vergleiche diese Prozesse gern mit den Problemen eines Diabetikers - wenn der Blutzuckerspiegel gut eingestellt ist, kann nicht sehr viel passieren, ein Diabetiker muss aber auch ständig darauf achten. Bei Süchtigen geht es mehr um das emotionale Gleichgewicht, das ständiger Aufmerksamkeit bedarf. Das Suchtgedächtnis produziert gewissermassen regelmäßig in ganz bestimmten Situationen den Wunsch nach erneutem Konsum - während der Aufarbeitung eines Rückfalls geht es darum, diese Muster zu identifizieren und Alternativen zu entwickeln.

Verdeckte Rückfälle

Verdeckte Rückfälle sind ein Sonderproblem - wenn nach einem Rückfall verheimlicht und vertuscht wird, ist der therapeutische Prozess unterbrochen und es besteht die Gefahr, dass das süchtige Verhalten mit fortgesetztem Konsum mit aller Macht zurückkehrt. Nach längerer Abstinenz wird ein Rückfall schnell lebensgefährlich, weil der Körper entwöhnt ist und schnell eine Überdosis erreicht ist. Ein Rückfall kann also auch tödlich ausgehen - und das gilt nicht nur für die harten Drogen sondern auch für Alkohol. Rückfälle anzusprechen und aufzuarbeiten ist wirklich notwendig - und wenn sie nach einer stationären Therapie geschehen, ist professionelle Hilfe sehr wichtig. Die Entscheidung, dann eine Auffangbehandlung anzuschliessen ist die bessere Alternative gegenüber dem Versuch, "irgendwie allein damit fertig zu werden".

von Methusalem veröffentlicht in: Suchttherapie Community: Wellness und Gesundheit
Kommentar hinzufügen Kommentare (0)    Trackback erstellen empfehlen
Freitag, 20. juni 2008

Was scheinbar harmlos beginnt, endet meist im Abseits: Jugendliche, die anfangen, Drogen zu konsumieren, schließen sich bestimmten Gruppen an oder konsumieren, weil die Bezugsgruppe konsumiert. Sich über die Folgen klar zu werden, dauert meist seine Zeit - und zuerst zeigt sich in der Suchttherapie eben auch das typische Szenenverhalten, das so selbstverständlich wird, dass neben der Abstinenzentscheidung eine weitere Entscheidung notwendig wird. Ich nenne das die Integrationsentscheidung, sie bezieht sich darauf, in die Gesellschaft hineinfinden zu wollen.

Bei illegalen Drogen ist der Weg in die kriminelle Szene nicht weit - spätestens dann, wenn Beschaffungskriminalität notwendig wird, um den Drogenkonsum zu finanzieren.

"Szene" bedeutet die Missachtung elementarster Regeln des menschlichen Zusammenlebens, gelegentlich mit den "drei grossen T" bezeichnet: Täuschen, Tarnen, Tricksen. Ehrlich ist gefährlich, zugegeben wird nur das, was schon zweifelsfrei bewiesen ist, mit allen möglichen Tricks wird beschummelt und gemogelt, bis die Vertrauenswürdigkeit so gründlich zerstört ist, dass sich auch Freunde und Verwandte abwenden.

Eltern leiden sehr stark darunter, wissen irgendwann nicht mehr, wie sie mit der gesamten Problematik umgehen sollen, müssen oft genug mit ansehen, wie der eigene Sohn oder die eigene Tochter in Handschellen abgeführt wird. Das Szeneverhalten folgt sehr wohl bestimmten Regeln - ein typisches Muster dabei sind Schonverträge: "ich weiss was von Dir, Du weisst was von mir, wir beide halten den Mund". Solche Muster werden dann auch munter im Rahmen der Suchttherapie praktiziert, mit der Konsequenz, dass Therapeuten und andere "Vertreter des Systems" zu "natürlichen Feinden" werden, vor denen man sich hüten muss. Es könnte ja hier und da eine Regelverletzung bekannt werden, Sanktionen drohen, die wirklich wichtigen Dinge müssen also immer "streng geheim" besprochen werden. Irgendwann gewöhnt man sich daran, dass eben "gezockt" wird, wo immer es geht.

Ärgerlich ist es trotzdem - all das bewusst zu machen, die Folgen aufzuzeigen und deutlich zu machen, wo das alles hinführt: in ein Leben am Rande der Gesellschaft, in dem die "Gesellschaftsfähigkeit" zunehmend verloren geht. Man kann es drehen und wenden, wie man will - die Drogenszene zeigt mit aller Deutlichkeit, wie wichtig die elementaren Prozesse sind, zu denen es eben auch gehört, den Sinn von Regeln zu verstehen, Verbindlichkeit einzuüben, für das eigene Verhalten Verantwortung zu übernehmen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche Konsequenzen das je eigene Verhalten hat. Präventiv gedacht bedeutet es auch, dass die Unterstützung beim Hineinwachsen in die Gesellschaft Lernprozesse in Gang setzt, die der Suchtentstehung und Suchtentwicklung entgegenwirken. Grenzen erkennen und respektieren, Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse anderer - was für viele "normale Menschen" selbstverständlich ist, gilt keineswegs für die Drogenszene. Irgendwann wird alles einfach gleichgültig. Manchmal frage ich mich, wie Eltern das eigentlich aushalten können, wenn ihre Kinder sich nichts mehr sagen lassen, nichts mehr einsehen wollen, als menschliches Gegenüber immer mehr entgleiten. Weiter gefragt: was läuft schief in unserer Gesellschaft, wenn solche Muster überhaupt entstehen und gedeihen können?

von Methusalem veröffentlicht in: Suchttherapie Community: Wellness und Gesundheit
Kommentar hinzufügen Kommentare (2)    Trackback erstellen empfehlen
Donnerstag, 22. mai 2008

Ein interessantes Video fand ich neulich auf dem Blog "Rette sich, wer kann". Die Philosophie der Freiheit - interessante Gedanken, die nicht völlig neu sind, aber mit ihrer Prägnanz vielleicht doch immer wieder neue Anstösse zum Weiterdenken geben können.
Selfownership - übersetzt in etwa "Selbstaneignung", bezeichnet einen Begriff, zu dem der Gedanke gehört: mein Leben gehört mir. Im Moment möchte ich der Frage nachgehen, was diese Idee mit dem Phänomen Sucht zu tun hat. Als Gegenstück zum Suchtverhalten, zum Sichgehenlassen, Sich-Bestimmen-Lassen von einer Substanz, kann der Freiheitsgedanke eine mächtige Idee sein, die zur Abstinenz hilft.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - Eigentum, Freiheit und das eigene Leben. Spätestens dann, wenn Süchtige immer mehr dazu übergehen, alles zu verkaufen, was sie haben, um ihren Konsum zu finanzieren, wird deutlich: Sucht zerstört das Eigentum. Spätestens dann, wenn deutlich wird, dass der "Stoff" immer stärker das Verhalten bestimmt, wenn sich das eigene Leben immer mehr um die Droge dreht, wird deutlich: Sucht zerstört die eigene Freiheit. Spätestens dann, wenn die Schädigung der eigenen Gesundheit nicht mehr zu übersehen ist, wenn das Leben immer kürzer wird, von immer mehr Folgeerkrankungen bedroht wird, wird deutlich: Sucht zerstört das eigene Leben.
Die Neigung zur Kriminalität, der schwindende Respekt vor anderen Menschen, ihrer Freiheit, ihrem Eigentum und ihrem Leben, zeigt die Zerstörung ethischer Prinzipien: wer mit dem Handel von Drogen beginnt, wer mit Diebstählen beginnt, anderen etwas wegnimmt, sie zum Drogenkonsum anstiftet und damit auch ihr Leben gefährdet, nimmt sich fremdes Eigentum, nimmt anderen die Freiheit und bedroht ihr Leben. Eine Gesellschaft, der Freiheit etwas bedeutet, die Freiheit als einen Wert erkennt und anerkennt, kann Sucht deshalb nicht einfach hinnehmen, denn Sucht bedroht einen Grundwert, längst bevor sie im Einzelfall in Kriminalität mündet. Suchtprävention und Suchttherapie als Ermunterung zur Freiheit zu verstehen setzt an diesem Gedanken der Selbstaneignung an.
Keine Substanz der Welt hat das Recht, mir mein Eigentum zu nehmen, keine Substanz der Welt soll mich dazu bringen, alles zu verkaufen, was ich mir rechtschaffen erarbeitet habe. Keine Substanz der Welt hat das Recht, mir meine Freiheit zu nehmen, mein Verhalten, mein Handeln zu bestimmen und als Kernprinzip meiner Lebensgestaltung über mich zu bestimmen. Keine Substanz der Welt soll meine Gesundheit so schädigen dürfen, dass sie mein Leben verkürzt, mir meine Zukunft nimmt. Wenn eine neue Generation heranwächst, die immer stärker dazu neigt, Drogen zu konsumieren, dann hat eine andere Generation versagt - es ist nicht gelungen, deutlich zu machen, was Freiheit und Leben bedeuten und wie wertvoll diese Werte wirklich sind. Im Laufe der Geschichte haben immer wieder Menschen gegen Unterdrückung und Sklaverei gekämpft - und dafür ihr Leben aufs Spiel gesetzt und geopfert. Heute... ist es schon beinahe Mode, Freiheit einfach wegzuwerfen. Jede Form der Sucht ist auch eine Form der Sklaverei. Mit Soldaten lässt sich hier kein Krieg gewinnen, aber der Kampfgeist gegen Unterdrückung ist hier trotzdem gefragt.
Und diejenigen, die jeden Tag neu um ihre Abstinenz ringen, sich gegen die Fremdbestimmung durch eine abhängig machende Substanz zur Wehr setzen, bekommen vielleicht langsam eine Ahnung davon, was Freiheit bedeutet. Sie wissen um die Schwierigkeit, für sich selbst zu sorgen, für sich selbst und das eigene Leben Verantwortung zu tragen.
Man das Thema auch aus einer ganz anderen Perspektive betrachten - viele Dinge sind gefährlich, bedrohen also auch den Wert Gesundheit. Und trotzdem sind sie legal, ein Verbot wäre politisch nicht durchsetzbar. Zur Freiheit gehört eben auch die Entscheidung, sich selbst in Gefahr bringen zu dürfen - und leider auch, andere in Gefahr bringen zu dürfen. 
Das Autofahren zu verbieten, weil dabei jemand zu Schaden kommen könnte, das wird sich nicht durchsetzen lassen. Sämtliche Suchtmittel zu verbieten und sämtliche Verhaltensweisen zu untersagen, die potentiell zu einer Sucht führen könnten, ist ebenfalls nicht realisierbar. Solange noch Wahlmöglichkeiten bestehen, lässt sich der Konsum von Suchtmitteln als Freiheit wahrnehmen - Freiheit, die man hat oder sich einfach nimmt. Im Spruch "high sein, frei sein" kommt diese Idee auch deutlich zum Ausdruck. Entwickelt sich daraus Abhängigkeit, kippt die Relation - und nach vielen Jahren zeigt sich dann die erlebte Freiheit als Illusion. Die Entscheidung für die Abstinenz markiert den Kampf um das Wiedergewinnen der eigenen Freiheit. Zuerst erscheint es als Verlust: ich darf nicht mehr.
Aber so mancher, der es geschafft hat, blickt später voller Mitgefühl auf die ehemaligen Saufkumpane, die eifrig weiterbechern und denkt sich: die müssen noch, ich nicht.

Freiheit ist ein schwieriges Thema - und wird als verabsolutierter Wert ein echtes Problem. Wenn Freiheit zu verantwortungsloser Fremdgefährdung führt, muss sie irgendwo auch ihre Grenze finden. Um zum oben erwähnten Video zurückzukommen: das Leben der anderen gehört mir eben nicht. Versteht man Selfownership auch als Selbstverantwortung, dann schliesst sie auch das eigene Handeln in ihrer Bedeutung und mit ihren Konsequenzen für andere ein. Ich glaube, dass Freiheit immer auch eine persönliche Bedeutungskomponente hat, mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen verbunden sein kann. Gerade deshalb aber ist es spannend, immer wieder einmal darüber nachzudenken.

Was ist für mich Freiheit? Und: was ist mir meine Freiheit wert?

von Methusalem veröffentlicht in: Suchttherapie Community: Wellness und Gesundheit
Kommentar hinzufügen Kommentare (3)    Trackback erstellen empfehlen

Werbung

Zitat

Zitat von philosophenlexikon.de

Über diesen Blog

Kalender

Juli 2008
M D M D F S S
  1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31      
<< < > >>

Tag cloud: Links

Blogverzeichnisse

 Pagerank  Google® PageRank®
 Feedleser  
bloggerei.de - deutsches BlogverzeichnisBlog Top Liste - by TopBlogs.de
blog-o-rama.deDeutsches Blog Verzeichnis 
Bloggeramt.de Blogverzeichnis
Blog ButtonBlogkatalog 
Blog-Webkatalog

Diese Seite zu Favoriten.de hinzufügen      Add to Google
Add to Technorati Favorites        Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen 
Handy mit Zugabe
Statistiken
Blog : Freizeit sur de.over-blog.com - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden