Vorläufige Antworten auf eine schwierige Frage: wie entwickeln sich Gruppen vom Gegeneinander zum Miteinander? Zu zweit, zu dritt, in einer kleinen Gruppe, in einer
großen Gruppe, in einem Unternehmen, einem sozialen Gemeinwesen, einem Verein, wo auch immer Menschen zusammen kommen, entwickelt sich in der Regel beides: das Gegeneinander und das Miteinander.
Gemeinschaft fällt nicht vom Himmel, irgend jemand muss etwas dafür tun. Und wenn es die Einzelnen nicht sind, die dafür Sorge tragen, dann braucht das Zusammenleben integrative Elemente und
Figuren, die die Werte des Gemeinsamen leben, vertreten und wachhalten. Eine alte Einsicht, an der wir nicht vorbeikommen, besagt, dass die Menschen zwar in der Lage sind, die Erde mehrfach zu
vernichten - aber miteinander in Frieden zu leben, das ist immer noch ein ungelöstes Problem. Elementar betrachtet liegt eben beides im Bereich des Menschlichen und im Bereich des Möglichen. Die
Situation der "gemischten Motive" ist eher der Normalfall - sowohl das Kooperative als auch die Konkurrenz sind beinahe allgegenwärtig. Die Frage ist eben, wo der Schwerpunkt liegt, welche Seite
letzten Endes das Zusammenleben bestimmt und prägt.
Die Betrachtung des Individuums: dissoziale und prosoziale Einstellungen und Verhaltensmuster
Dissoziale Einstellungen und Verhaltensmuster sind auf individuelle Interessen ausgerichtet, die im Extremfall einfach nur auf Zerstörung angelegt sind - Grundprinzip ist der Eigennutz, der
deutlich über den Werten des Zusammenlebens steht. Jeder ist sich selbst der Nächste, kümmert sich nur um sich selbst, die anderen sind Gegner oder Feinde, das Andere ist falsch und böse, muss
begrenzt, eingeschränkt oder zerstört werden, wird benutzt und manipuliert, wo immer es auch geht. Diagnostisch gibt es dafür den Begriff der dissozialen Persönlichkeitsstörung, die als schwer
behandelbar gilt und in jeder Gemeinschaft einen gravierenden Störfaktor darstellt. Die andere Seite ist das prosoziale Verhalten, die altruistische Einstellung, die vom Prinzip ausgeht, bei
Bedarf auch eigene Interessen zugunsten anderer zurückzustellen. Mitgefühl und Fürsorge, Fairness und Verzicht sind Elemente, ohne die eine Gemeinschaft niemals auskommt, wenn sie funktionieren
soll. Nüchtern betrachtet ist die Orientierung am Wir-Bewusstsein langfristig die einzig vernünftige, die einzig tragfähige, weil sich die Gemeinschaften praktisch überall auf der Welt längst
soweit entwickelt haben, dass kein Mensch mehr wirklich allein leben kann. Diese schlichte Einsicht, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, dass die Arbeitsteilung dazu geführt hat, dass sich
niemand mehr wirklich umfassend selbst versorgen kann, begründet den Sinn des Gemeinsamen. Gemeinschaft funktioniert nur dort, wo alle verstanden haben, dass das Individuum auf die Gemeinschaft
angewiesen ist und von ihr lebt.
Die Betrachtung der Beziehungen: Kooperation und Konkurrenz
Der Spruch, dass Konkurrenz "das Geschäft belebt", gilt nicht nur in der Wirtschaft. Konkurrenz kann Leistung anregen, fördern und steigern, sich mit anderen zu vergleichen ist nun einmal ein
menschliches Grundbedürfnis und ist nicht "an sich schlecht". Kritisch wird es allerdings, wenn Konkurrenz zum Kampf wird, der immer mehr mit allen verfügbaren Mitteln ausgetragen wird, wenn es
nur um das Rechthabenwollen, Gewinnen und Sich Durchsetzen geht. Der Ausgangspunkt "gemischter Motive" macht aber auch deutlich, dass die kooperativen Ansätze höchst selten ganz verloren gehen -
die Frage ist also, welche Seite gestützt und gefördert wird. Überall dort, wo gemeinsame Anliegen und Ziele bewusst werden und wachgehalten werden, lässt sich auch die kooperative Tendenz
fördern. Elementar zeigt sich der Unterschiede am Umgang mit Konflikten: von der Durchsetzungsorientierung zur Lösungsorientierung lassen sich Wege finden, Unterschiede nicht als Anlass für die
Gestaltung von Kampfbeziehungen zu betrachten, sondern als Aufgabe, die Klärungsprozesse und Formen konstruktiver Auseinandersetzung benötigt. Über das Klären führt der Weg zum Miteinander
Streiten, in dem nicht das Rechtbehalten im Vordergrund steht, sondern die Entwicklung von tragfähigen Lösungen.
Die Betrachtung des Systems: Regularien des zwischenmenschlichen Umgangs
Umgangsformen und Konventionen unterliegen dem gesellschaftlichen Wandel und sind kulturell geprägt. Die Frage ist, ob wir Kultur als eine Angelegenheit verstehen, die einfach irgendwie "da" ist
oder erkennen, dass unser Verhalten eben auch Kultur prägt: Kultur ist das, was wir daraus machen, in begrenztem Mass lässt sich Kultur eben auch schaffen. Vereinbarungen über die Art und Weise,
wie das Miteinander gestaltet werden soll, prägen also einen bewussten Umgang mit kulturellen Hintergründen, die sozialen Wandel nicht nur als passives Geschehen markiert, sondern aufzeigt, wie
sich dieser Wandel mitgestalten lässt. Theoretische Überlegungen zur Ethik des Miteinander sind dabei als Hintergrund hilfreich, um bestimmte Aspekte zu benennen. Praktisch wird das Ganze aber
erst dort, wo die Erfahrung des Miteinander als positives Erlebnis spürbar wird. Das Miteinander hat überall dort gute Chancen, zur Normalität zu werden, wo es sich bewährt und deutlich wird,
dass es gemeinsam eben besser geht.
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