Feindbilder

Veröffentlicht auf von Methusalem

Im Gespräch mit einem Bundeswehrsoldaten, als die Mauer noch stand: "wir haben kein Feindbild", sagte er. Die Hamas haben ein Feindbild. Macht das einen Unterschied?

Aus der ehemaligen DDR kamen keine Raketen in die Bundesrepublik geflogen. Irgendwie scheint in dem Spruch "wir sind ein Volk" etwas zum Ausdruck zu kommen, das tief verwurzelt ist. Auf die eigenen Landsleute zu schießen... nein, das passt nicht. Ein Feind muss irgendwie ganz anders sein, bedohlich auf jeden Fall und - böse. Nur dann kann man für sich selbst in Anspruch nehmen, zu den Guten zu gehören, und dann ist es ja auch berechtigt, gegen die Bösen zu kämpfen...

Was würde Mahatma Gandhi wohl zum Krieg in Gaza sagen, wenn er noch am Leben wäre?

Es ist der falsche Weg. Der Verzicht auf Gewalt macht es dem anderen schwer, ein Feindbild zu entwickeln. Es ist schwer, einen Feind als Feind zu erkennen, wenn er sich einfach weigert, böse zu sein. Aber so... wird das Feindbild Israel bei den Palästinensern nur bestätigt und vertieft.


"..durch den Krieg werden die gemäßigten Kräfte geschwächt und die radikalen werden neue Anhänger dazu gewinnen." (Michael Lüders)

 

Wenn er damit Recht hat, wird eine Lösung der Probleme im Nahen Osten immer schwieriger. Feindbilder werden sich verfestigen, das Konfliktpotential wird größer anstatt abzunehmen. Schon jetzt zeigen die Demonstrationen und Proteste auf der Welt, dass Israel zum Bösewicht wird - und damit in eine gefährliche Ecke gerät. Gibt es einen Weg zurück?

Es gibt einen Weg der Vernunft - ein nüchternes Kalkül, die Frage, ob es Sinn hat, einen Krieg zu führen, den man nicht gewinnen kann. Es gibt einen Weg der Menschlichkeit, der zumindest einen begrenzten Waffenstillstand nahelegt - egal, ob die Hamas mit dem Raketenbeschuss aufhören oder nicht. Es gibt einen Weg der Gewaltfreiheit - würden die israelischen Soldaten aufhören, sich wie ein Feind zu benehmen, käme die Logik der Hamas, ihre gesamte Argumentationsgrundlage kräftig ins Wanken. Und es gibt einen politischen Weg, der an Verhandlungen nicht vorbeiführt.

Wie führt man einen heiligen Krieg, wenn es keinen Feind mehr gibt, der für den eigenen ehrenvollen Tod sorgt? Wie gewinnt man einen Wahlkampf, wenn sich eines Tages zeigt, dass die eigenen Entscheidungen alles nur noch schlimmer gemacht haben?

Als Bewohner von Ashkelon oder Sderot... allein die Vorstellung, dass trotz aller Opfer im Gazastreifen der Beschuss nicht aufhört, die Hamas nur noch stärker und aggressiver geworden sind... ein Albtraum... Trotzdem scheint es in dieser "logischen Blase" keinen anderen Weg zu geben, um die Bedrohung loszuwerden - nach dem Prinzip "es kann kein Mensch in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt" ist ein Krieg eben unvermeidlich. Bis zum bitteren Ende, auch dann, wenn die Vereinten Nationen etwas anderes im Sinn haben.

Visionen, so absurd, wie sie nur von einem stammen können, der weit weit weg ist... Eine Busreise von Gazastadt nach Ashkelon, einfach so. Nach der Rückkehr gibt es Streit mit dem Nachbarn, der eine Rakete abschießen will: "hör mal, da war ich schon, da kannst du doch nicht einfach eine Rakete hinschießen?" - Ob es wohl gelingen würde, einem jungen Moslem in Deutschland beizubringen, dass er in Berlin oder sonstwo ein Selbstmordattentat gegen den Feind verüben soll, um im heiligen Krieg zu sterben? Womöglich ist er in Deutschland geboren, hat Freunde in Berlin und sagt nur: völlig absurd.

Es gab eine Zeit, in der Frankreich für die Deutschen der "Erzfeind" war. Heute gibt es keine kollektiven Feindbilder mehr in Deutschland. Zu viele Verbindungen, zu viele Reisen, zu viel Normalität, was die Kontakte über verschiedene Länder hinweg betrifft. Der Schritt zum Bewusstsein, Europäer zu sein, ist nicht sehr weit. Vielleicht wirkt das jetzt überheblich, so als solle Europa als "gutes Beispiel" vorgeführt werden. Im Grunde geht es mir nur um den Gedanken, dass Feindbilder nicht zwingend sind, sondern aus erworbenen, erlernten und emotionalisierten Einstellungen bestehen. Und - dass man sie abbauen kann. Das kann dauern. Zuerst aber ist es eine Frage, ob der Wille dazu da ist.

siehe dazu auch: Vorurteile und Feindbilder

 

 

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Veröffentlicht in Konflikte

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