Lebensmotive und Lebensgestaltung

Veröffentlicht auf von Methusalem

Es ist schön festzustellen, dass manche Gedankengänge nicht allein im luftleeren Raum stehen... mit der Frage nach den Motiven, die das menschliche Leben prägen, hat sich schon Abraham Maslow ausführlich beschäftigt.

Einen Hinweis auf einen neueren Ansatz, der viel Stoff zum Nachdenken liefert, findet sich im Blog der Diplom-Psychologin Felicitas Heyne. Besonders interessant ist der Blog für Frauen, die Probleme mit ihrer Schwiegermutter haben, aber darauf möchte ich jetzt nicht besonders eingehen... sondern: auf den Artikel über Lebensmotive.

Wer den Dingen gern auf den Grund geht, findet eine ausführlichere Darstellung der Lebensmotive nach Steven Reiss auf der Website des Instituts für Lebensmotive.

Zunächst schließe ich mich dem Kernanliegen von Felicitas Heyne an, das auf eine Anleitung zur Klärung der eigenen Motive hinausläuft, damit das Motiv "Neugier" anspricht und eine Hilfestellung für Menschen darstellt, die etwas mehr über sich selbst erfahren wollen. Die eigenen Lebensmotive kennen zu lernen bedeutet, mehr Klarheit zu gewinnen über das, was das eigene Leben prägt - und über typische Schwierigkeiten und Konflikte, die sich daraus ergeben können.

Die Fragen am Ende des Artikels sind dabei Ansatzpunkte, die eigene Motivstruktur kritisch zu beleuchten, Lebensprobleme zu erkennen, zu bemerken, welche Motive oder Motivbereiche unerfüllt geblieben sind. Für sich persönlich ein Profil zu erstellen kann eine Hilfe sein, über die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Motiven nachzudenken.

Die einzelnen Motive können sich gegenseitig unterstützen, manche lassen sich zu einem sinnvollen Cluster verbinden.  Macht, Erfolg, Anerkennung und Status sind Motive, die sinngemäß nahe beieinander liegen, Ernährung, Aktivität und Ruhe bilden ebenfalls eine Einheit. Zwischen den Motiven können aber auch Konflikte entstehen, die das Thema „work-life-balance“ berühren: berufsbezogene Motive wie Macht und Status sind mit einem stark ausgeprägten Familiensinn schwer zu vereinbaren. Zum Teil sind die Motive voneinander abhängig: Idealismus wird zum Problem, wenn die eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness keinen Rahmen finden, in dem sie sich realisieren können - ohne Macht läuft Idealismus also meist „ins Leere“. Anerkennung anzustreben legt Anpassung nahe, was wiederum Konflikte mit eigenen Idealen oder den individuellen Vorstellungen von „Ehre“ nach sich ziehen kann. Das Motiv „Rache“ ist ein Thema, das wie kein anderes destruktive Potentiale in sich birgt: es zeigt die „dunkle Seite der Macht“, wenn es zu Unterdrückung und aggressiven Verhaltensmustern führt - es sei denn, das Motiv „Gerechtigkeit“ wirkt hier als Korrektiv. Die Beschreibung deutet allerdings mehr auf Konkurrenz, auf das Motiv, sich durchzusetzen, zu gewinnen.

Felicitas Heyne weist auch auf mögliche Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung hin - und öffnet damit den Weg zur Konfliktanalyse auf der Grundlage unterschiedlicher Lebensmotive, die außerdem noch von verschiedenen Personen unterschiedlich eingeschätzt werden können. Es liegt auf der Hand, dass dabei ziemlich verwickelte Situationen entstehen können, wenn Motivstrukturen schwer miteinander zu vereinbaren sind.

Die Liste der Lebensmotive lässt sich auch als Darstellung von Grundpositionen in zentralen Konfliktfeldern verstehen: in den Spannungsfeldern

 

*      Macht vs. Unterordnung

*      Autonomie vs. (Inter-)Dependenz

*      Theorie vs. Praxis

*      Kontakt vs. Isolation

*      Struktur vs. Spontaneität

*      Dinge verwenden vs. Dinge behalten

*      Pragmatik vs. Prinzipientreue

*      Realismus vs. Idealismus

*      Innenorientierung vs. Außenorientierung

*      individuelle Freiheit vs. Familienbindung

*      Bescheidenheit vs. Statusbewusstsein

*      Harmonie vs. Konkurrenz

*      Askese vs. Erotik

*      Sich ernähren vs. Genießen

*      Gemütlichkeit vs. körperliche Anstrengung

*      progressiv vs. konservativ

 

lassen sich irgendwo Stellungen beziehen - die einzelnen Begriffe sind dabei nicht exakt voneinander abgegrenzt, überlappen sich teilweise. Und über die Bezeichnungen lässt sich streiten...

Die Frage, was denn nun das Beste ist - ist sehr vielschichtig. Dort, wo sich die Erkenntnis durchsetzt, dass alle Aspekte ihre Bedeutung haben, gewinnt das Bemühen um Persönlichkeitsentwicklung viele Ansatzpunkte. Extreme und Ungleichgewichte, Spannungen zwischen Lebensmotiven, die schlecht zueinander passen, werden früher oder später zum Problem.

Reifer zu werden kann bedeuten, bisher vernachlässigte Aspekte stärker zu betonen, insgesamt eine dynamische Balance anzustreben, in dem möglichst viele wünschenswerte Aspekte Berücksichtigung finden. Aus der Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien der Persönlichkeit erscheint mir persönlich nur ein einziges Modell wirklich unangemessen: die Vorstellung, Persönlichkeit bestehe aus einer festen Anordnung von unbeweglichen "Charaktermerkmalen" oder Eigenschaften, die womöglich auch noch genetisch vorherbestimmt sind. Dann bliebe nur der Schluss, "ich bin so wie ich bin, ich kann eben nicht anders" und jedes Nachdenken über Persönlichkeitsentwicklung wäre an sich schon unsinnig. Wer sich selbst oder andere dagegen aufmerksam beobachtet, wird feststellen können, dass sich durchaus Veränderungen, Verschiebungen und neue Schwerpunktsetzungen ergeben können. Manchmal "wie von selbst", manchmal auch sehr bewusst und gewollt.

Selbst dann, wenn uns unsere Gene, unsere Geschichte und die bisher im Leben getroffenen Entscheidungen Grenzen auferlegen - langfristig sind selbst unsere Gene lernfähig. Das zumindest legen neuere Ergebnisse der Epigenetik nahe.

 

s. auch:

Lebenskunst: Ansichten und Einsichten

Lebensgestaltung und Lebenskunst

Sich selbst verstehen - sich ändern lernen

 

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Veröffentlicht in Lebensentwurfarbeit

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