IT-Jobs machen krank...

Veröffentlicht auf von Methusalem

Einen Artikel im manager magazin über IT-Jobs möchte ich als Aufhänger benutzen, "mal wieder" über das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz nachzudenken.

Warum IT-Berufe krank machen, das wird im genannten Artikel ausgeführt, beschrieben werden dabei Arbeitsbedingungen, die eben nicht gerade gesundheitsfördernd sind.

Projektarbeit wird da genannt, aber darin scheint nicht "an sich" das Problem zu liegen. Mit dem Begriff "widersprüchliche Arbeitsanforderungen" wird das Belastende schon konkreter. Lösungsansätze fehlen jedoch an dieser Stelle, und vielleicht lohnt es sich, dem nachzugehen... so spezifisch ist das Thema nicht, widersprüchliche Arbeitsanforderungen gibt es in vielen Arbeitsfeldern, die Frage könnte also zunächst lauten, worin denn die Widersprüche eigentlich bestehen. Ins Blaue hinein fantasiert können es gegensätzliche Orientierungsmuster sein, mal die Notwendigkeit, sehr detailorientiert zu denken, auf Kleinigkeiten zu achten, mal größere Zusammenhänge im Auge behalten und das Wesentliche herausfiltern. Dem einen liegt das eine mehr, das andere ist schwieriger, die andere hat gerade dort ihren Schwerpunkt und findet das erstere belastend... Ein wichtiger Schritt könnte sein, diese Widersprüche genauer zu benennen, dem Konflikt (denn genau darum handelt es sich) einen Namen zu geben.

Lösungsrichtungen können dann personenbezogen sein, sich also darauf beziehen, Widersprüche auszugleichen, beweglicher zu werden. Oder - aufgabenbezogen, also auf die Arbeitsorganisation, sofern es mehr um "Probleme beim Umschalten" geht. Realistisch betrachtet wäre es aber auch möglich, dass bestimmte Widersprüche überhaupt nicht auflösbar sind - der klassische Konflikt zwischen Quantität und Qualität gehört hier her. Sorgfalt erfordert eben mehr Zeit, Quantität geht mit Zeitdruck verbunden immer auf Kosten der Qualität. Einen Mittelweg finden, eine Balance?

Wechseln wir auf die Managementebene werden die widersprüchlichen Arbeitsanforderungen zu einem Führungsproblem. Anforderungen zu stellen und entsprechende Arbeitsanweisungen zu stellen, das ist leicht, der Frage nachzugehen, ob diese Anforderungen auch erfüllbar sind, das ist etwas anderes. Eine Frage an den Führungsstil also, grundsätzlich die Frage, ob das Menschliche im Menschen Berücksichtigung findet. Ein Mensch funktioniert eben nicht rein nach Algorithmen und selbst wenn es so wäre, bliebe ein kleines Problem - wenn ein Computer abstürzt, weil er widersprüchliche Anweisungen nicht verarbeiten kann, dann könnte ein Mensch damit möglicherweise auch Probleme haben... wenn es nicht gelingt, jene Spannungsqualitäten dialektisch zu vermitteln, was ein Computer nicht kann, aber gerade im IT-Bereich ist ja schließlich das logische Denken in Algorithmen gefragt... wie weit geht eigentlich die Anpassungsfähigkeit des Menschen an das Medium "Informationstechnologie"?

 

Wenn das "Ganze" verlorengeht, die Zusammenhänge nicht mehr erkennbar ist, die Spezialisierung einen problematischen Grad erreicht, dann geht auch der Sinn, die Einsicht in den Wert der eigenen Arbeit verloren. Standardisierung bedeutet Verlust des Individuellen, der Mensch wird zunehmend selbst zur Maschine, die bloß zu funktionieren hat, in ihrer Kreativität aber keinen Ausdruck mehr finden kann. Managementkonzepte werden schließlich als weiterer Punkt genannt, unerreichbare Ziele, Verantwortungszuschreibungen für Prozesse, die nicht mehr steuerbar sind. Aus einer motivationspsychologischen Perspektive sind die Folgen absehbar - Ziele, die mit Anstrengung gerade noch erreichbar sind, können motivieren. Ziele, die nicht erreichbar sind, bauen Motivation radikal ab, führen zu Misserfolgsmotivation. Warum also soll sich jemand noch anstrengen, wenn die Anforderungen sowieso nicht erfüllbar sind?

Okay, denken wir noch einen Schritt weiter, die psychosomatischen Beschwerden nehmen also zu, im günstigen Fall finden die Betroffenen den Weg in eine, sagen wir, optimal effiziente Therapie. Und dann? Bleibt ihnen nur der Weg der Anpassung, denn die Führungskräfte, jene, die für die ungesunden Arbeitsanforderungen verantwortlich sind, die kommen natürlich NICHT mit in die Therapie. Also beginnt die Mühle von vorn und vielleicht kommt dann der gut gemeinte therapeutische Rat, einfach den Job zu wechseln... so als könnte man mal kurz etwas anderes studieren, von vorn anfangen, dann aber womöglich in einem ganz anderen Arbeitsfeld in dieselbe Falle tappen...

 

Medizin und Psychotherapie greifen zu kurz, wenn sie nur am Individuum ansetzen. Krank kann auch ein System sein, eine bestimmte Struktur pathologischer Arbeitsbedingungen, eine Folge von Situationen, die systematische Überforderung auslösen und einen ungesunden Arbeits- und Lebensstil geradezu erzwingen. Lange ist es her, als mich ein Professor für Sozialpsychologie verständnislos ansah, weil ich mir über "so etwas wie eine klinische Organisationspsychologie" Gedanken machte.

Ist das nachvollziehbar, dass bestimmte Aspekte der Arbeitsorganisation krank machen können, der Ansatz "Individuum" deshalb oft eine fragwürdige Sache ist und eine Entwicklung des Bewältigungspotentials, anpassungsorientiertes Stressmanagement also, auf Dauer an vielen Ursachen schlicht vorbei geht?

 

Klar, mehr für die Gesundheit tun, Fitness, gesunde Ernährung und so, das wäre schon was. Folgt man dem Artikel im manager magazin, haben die Computerfachleute dafür einfach keine Zeit. Irgendwie, so scheint es, läuft da etwas schief... from x=1 to 1000 do work stop thinking return. Or loop. End of file.

 

s. auch: Psychologisch gesunde Arbeitsplätze

 

 

Veröffentlicht in Wirtschaft

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