Engagement: Sinngebungsleistung und Konfliktpotential

Veröffentlicht auf von Methusalem

Ein Prozess, der täglich rund um die Welt geschieht: da werden Dinge wichtig und irgendjemand setzt sich für etwas ein. Engagement ist Ausdruck einer Haltung, die „für etwas“ steht. Meist sind es Veränderungen, die angestrebt werden, Ziele, die wertvoll erscheinen, Projekte, die begonnen werden und etwas Neues schaffen sollen. Sich dort und dabei zu finden, das ist die große Chance. Sich dabei dann zu verlieren, die große Gefahr. Engagement, das ist meist Idealismus, Energie, Begeisterung und Tatkraft. Engagement ist Sinngebung, Aufgabe und Lebensinhalt. Engagement ist aber auch ein Konfliktpotential, eine mögliche und wahrscheinliche Ursache für Gegensätze, Widersprüche, Widerstände, Hindernisse und Gefahren. Wer sich für Veränderungen einsetzt, hat früher oder später mit Kräften zu tun, die sich gegen Veränderungen sträuben. Nicht immer, aber immer wieder. Wenn Viktor Frankl davon sprach, der Mensch habe einen „Willen zum Sinn“, dann ist der „Wille zum Engagement“ nicht weit. Sich für etwas einzusetzen, das ist eine spezifische Art der Lebensgestaltung, die dem Leben eine Richtung, einen Inhalt gibt. Weit davon entfernt, wirklich zu Ende gedacht zu haben, möchte ich einige Einsichten darstellen, die vielleicht auf viele unterschiedliche Bereiche übertragbar sind und Ansatzpunkt zum Nachdenken sein können.

   

  1. Engagement braucht Realitätsbezug. Jede Idee hat „ihre Zeit“ und passt in einen bestimmten Zusammenhang – oder auch nicht. Dort, wo Engagement auf Ablehunung stösst und keine Früchte trägt, ist vielleicht die Zeit (noch) nicht reif oder der Zusammenhang stimmt einfach nicht.
  2. Engagement braucht Geduld. Wer etwas verändern will, braucht oft das beharrliche Bemühen – vielleicht über Jahre hinweg. Tiefgreifende Veränderungen geschehen nicht von heute auf morgen.
  3. Engagement braucht Kompetenz. Man kann sich sehr aktiv an der falschen Stelle einsetzen, von falschen Voraussetzungen ausgehen und damit eine Menge Unheil anrichten… Wenn ich mich sinnvoll für etwas einsetzen will, muss ich mich kundig machen. Fällt die „Kunde“ in den Bereich einer oder mehrerer wissenschaftlichen Disziplinen, bedeutet „sich kundig machen“ eben auch „sich fachkundig machen“.

 

Vielleicht gehört noch mehr dazu… sicher gehört noch mehr dazu, die Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die nächsten drei Punkte bilden eine Einheit:

 

·         Engagement braucht eine Handlungssituation,

·         eine Rolle mit klaren Entscheidungsbefugnissen und

·         Macht.

 

Macht ist dabei vielleicht für den einen oder die andere etwas Dubioses, Zwiespältiges, beinahe Anrüchiges. Hier liegt m.E. eine der Gefahren eines Lebenskonzepts, das auf Engagement ausgerichtet ist – Macht kann zum Selbstläufer, zum Selbstzweck werden. Inhalte treten gegenüber dem Machtanspruch zurück, ursprüngliche Anliegen werden vielleicht korrumpiert, dem Machterhalt untergeordnet. Politikwissenschaftler, Soziologen und Historiker wissen darüber eine Menge zu berichten… Aber beschränken wir uns einmal auf die ganz normalen Menschen, die sich irgendwo für etwas Sinnvolles einsetzen wollen. Die besten Chancen, etwas zu bewegen, haben Menschen, die aufgrund ihrer Position über das Recht und die Legitimation verfügen, Entscheidungen zu treffen und damit Situationen zu gestalten, zu verändern, Mittel und Energien in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken.

 

Und genau da fängt der Frust dann vielleicht auch schon an. Was soll ich denn schon tun, auf mich hört ja keiner. Ich hab ja doch nichts zu sagen… Wenn „die da oben sowieso machen, was sie wollen“, was sollen dann Otto und Petra Normalverbraucherin schon groß verändern…

Zurück also zum Gedanken „Engagement braucht Realitätsbezug“ – eine mögliche Fragerichtung bezieht sich auf die Möglichkeiten, die ganz real gegeben sind. Was also kann ich denn tatsächlich bewegen, welche Entscheidungen kann ich konkret treffen und woran, an welchen Werten und Prinzipien kann ich und will ich mich orientieren? Die zweite Fragerichtung ist: in welcher Position müsste ich sein, um die beabsichtigten Veränderungen einleiten zu können?

 

Hier scheint mir eine Denkpause angebracht. Ich bin froh, wenn ich mit mir und meiner kleinen Welt einigermassen zurecht komme, mag der eine oder die andere sagen, was soll ich mich da noch groß für etwas einsetzen? Sobald jemand etwas anderes will oder das Bestehende verteidigt, gibt es Konflikte. Und das kostet Kraft, Energie, macht Mühe. Ist das überhaupt sinnvoll, etwas verändern zu wollen? Wäre es nicht besser, alles so zu belassen, wie es ist, sich mit dem Bestehenden abzufinden? Einfacher wäre es gewiss, es wäre auch ein Fehler, das Gute engagiert zu zerstören… verzichten wir aber generell darauf, das Gute besser zu machen, Neues zu suchen und zu entwickeln, uns für das Bessere einzusetzen, wenn wir es erkannt haben, dann verzichten wir auf einen elementaren Bestandteil des menschlichen Daseins.

Veröffentlicht in Lebenskunst

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