Der Therapiepark: Wirkfaktoren in der Anwendung

Veröffentlicht auf von Methusalem

Der Therapie-Park ist ein Akronym - leicht zu merken, zusammengesetzt aus den Buchstaben für die vier zentralen Wirkfaktoren, die Klaus Grawe für die Psychotherapie formuliert hat. Nur die Reihenfolge wurde verändert, inhaltlich sind die Bezeichnungen nicht verändert. Die Anwendung möchte ich aus drei Perspektiven betrachten - aus der Perspektive der Klienten bzw. Patienten, aus der Perspektive der Therapeuten und schließlich aus einer sprechwissenschaftlichen Perspektive, als Hintergrund für die Analyse und Beurteilung des therapeutischen Prozesses insgesamt.

Aber zunächst eine kurze Erläuterung des PARKs:

P steht für Probleme bearbeiten,

A für Aktive Hilfe

R für Ressourcen

K für Klären und Perspektiven entwickeln

1. Die Patientenperspektive

Wer sich auf einen therapeutischen Prozess einlässt, hat ein Problem. Mindestens eines. Meist mehrere - und so einfach es klingen mag: diese Probleme sollten dann auch in der Therapie angesprochen werden. Im Einzelfall aber können diesem Prozess viele Hindernisse im Weg stehen. Zum einen stellt sich die Frage nach der Therapiemotivation. Ich muss ja, will aber eigentlich nicht... andere haben mich hier her geschickt, vielleicht steht eine Therapieauflage dahinter... Ängste können eine Rolle spielen, man weiß ja nicht so recht, was da in der Therapie passiert. Oder - die Erwartung, dass es unangenehm, peinlich werden könnte... Angst vor dem, was da vielleicht bewusst wird und anstrengend oder belastend sein könnte. Realistisch also ist es, vorsichtig anzufangen, zunächst mit "kleineren Problemen" zu beginnen und sich dann nach und nach voran zu tasten. Nicht alles von Anfang an auf den Tisch zu legen, sondern Erfahrungen zu sammeln. Der zweite Wirkfaktor spielt dabei eine entscheidende Rolle: wenn die aktive Hilfe zur Problembewältigung erfahrbar wird, entwickelt sich auch die Selbstmotivation in der Therapie. Hilfreich ist es, wenn an dieser Stelle auch benannt wird, wo konkret Hilfe gewünscht und benötigt wird. Da ist etwas, da komme ich allein nicht mehr weiter. Da gibt es eine Frage, auf die ich keine Antwort finde. Da möchte ich etwas ändern, weiß aber nicht wie. Ressourcen aktivieren: Denkanstösse können sehr hilfreich sein, wenn sie Lösungsansätze bewusst machen. Vielleicht gibt es Zeiten, in denen das Problem nicht auftaucht, Lebensbereiche, die "in Ordnung" sind, Bezugspersonen, die unterstützen können. Klären: vielleicht kann ich mir über das eine oder andere auch selbst Klarheit verschaffen, meine Gedanken ordnen und dadurch genauer auf die wichtigen Fragen zu sprechen kommen. Die vier Wirkfaktoren im Auge zu behalten ist nützlich. Entlastung hat oft damit zu tun, dass etwas klarer wird und dort, wo eine Situation bisher schwierig oder ausweglos erschien, Perspektiven sichtbar werden.

2. Die Therapeutenperspektive

Therapie bedeutet, Probleme zu bearbeiten. Als selbstverständlich vorauszusetzen, dass alles von selbst und automatisch zum Thema wird, ist eine Fehlhaltung. Das Prinzip der "aktiven Hilfe" ernst zu nehmen bedeutet, auch dort bereits Unterstützung anzubieten, wo es um die Formulierung eines Problems geht und gleichzeitig zu akzeptieren, dass es thematische Sperren, Bearbeitungsängste und Widerstände gibt. Der therapeutische Auftrag kann eingeschränkt, die Ziele können unklar sein. Die Grundhaltung der personenzentrierten Gesprächspsychotherapie kann sehr viel Energie frei setzen - wenn hohe Bewältigungspotentiale vorhanden sind. Fehlen solche Strategien, lässt das spiegelnde Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte den Patienten allein. Dann sind konkrete Hinweise, Fragen und Impulse notwendig, um den Bearbeitungsprozess zu unterstützen. "Ressourcen aktivieren" ist ein Prinzip, das von einer rein defizitorientierten Betrachtung weg führt, Ansatzpunkte bewusst macht, die das Selbsthilfepotential entwickeln helfen. "Klären" schließlich konzentriert sich methodisch auf geeignete Fragen, die Lösungen aufzeigen, entwickeln und ausarbeiten. Alle vier Faktoren sollten in einer guten Therapie vorhanden sein.

3. Die sprechwissenschaftliche Perspektive

Psychotherapie ist ein Prozess, in dem zwei (oder mehr) Menschen miteinander sprechen, sich miteinander über etwas verständigen. Die Rollen (konkreter beschrieben als Sprechrollen) sind dabei nicht tauschbar - die Person des Therapeuten ist in der Regel nicht Thema, die Situation ist kein gemütliches Kaffeekränzchen, sondern eine bewusst gestaltete, zielorientierte Dienstleistung. Die Wirkfaktoren zu berücksichtigen bedeutet dann, den thematischen Verlauf im Auge zu behalten, mitzuverfolgen, was wie zum Thema gemacht wird - und zu bemerken, wenn bestimmte Themen verkürzt, gemieden, ausgeblendet werden. Die Kategorien des Sprechausdrucks (artikulatorische, melodische, dynamische und temporale) sind dabei diagnostisch wertvoll: sie decken häufig Unstimmigkeiten auf, die deutlicher als die Inhalte selbst innere Prozesse erkennbar machen. Psychotherapie ist eine Form rhetorischer Kommunikation - die Überlegungen zum Klärungsgespräch als Gesprächsform lassen sich daher gut in die Praxis umsetzen. "Der klärende Prozess ist oft wichtiger als der geklärte Inhalt" (GEISSNER, H. (1986). Sprecherziehung. Didaktik und Methodik der mündlichen Kommunikation. Frankfurt am Main: Scriptor. S.103). Begriffe wie Exploration, Verhaltensanalyse, Problemanalyse u.ä. zeigen die Nähe zum Klärungsgespräch sehr deutlich - das Klären ist als Prozess ein wirkungsvolles Prinzip. Für die Beurteilung des therapeutischen Prozesses leistet das Gesprächsmodell noch mehr - ob ein bestimmtes Problemfeld "zur gemeinsamen Sache wird", ob jenes "Etwas" (die diagnostizierte Störung nämlich) "gemeinsam" zur Sache wird oder nicht, lässt sich im Gesprächsverlauf erkennen. "Probleme bearbeiten", das ist auch ein potentielles Konfliktfeld - denn darüber, was ein Problem ist, welche Probleme bearbeitet werden sollten oder nicht, darüber können Patient und Therapeut sich durchaus uneinig sein. Kann, soll oder muss ein therapeutisches Gespräch ein Konfliktgespräch sein? Welche Rolle spielt das Streiten (als Gesprächsform) und damit das Argumentieren in der Psychotherapie? Ausgehen von den vier Wirkfaktoren scheint ein gewisser Grundkonsens eine notwendige Voraussetzung für das Gelingen der Therapie zu sein - sich über Probleme und Ziele zu verständigen und erst dann wirklich "einzusteigen", wenn ein Konsens über den Auftrag erarbeitet wurde, erleichtert den Prozess ungemein. Es macht wenig Sinn, ein Problem bearbeiten zu wollen, das aus der Patientenperspektive nicht als solches anerkannt wird. Geht es aber um die Aspekte der "aktiven Hilfe" und der "Ressourcen", kann das Argumentieren sehr wohl ein nützliches Prinzip sein. Weniger mit dem Ziel, einen Streit vom Zaun zu brechen, eher mit dem Anliegen verbunden, Vorgehensweisen zu begründen und damit den therapeutischen Prozess transparenter zu machen. Im Kontext der Kognitiven Therapieverfahren wird das Prinzip der Argumentation schließlich zentral - denn Konzepte, die sich mit irrationalen Überzeugungen oder dysfunktionalen Schemata beschäftigen, bemühen sich ja darum, Einstellungen zu ändern, neue Überzeugungen zu entwickeln. Überzeugen und überzeugen lassen sind damit Haltungsfragen, die Kontroversen über den Sinn und die Angemessenheit von Lebenshaltungen nicht nur zulassen, sondern zu einem Kernmoment wirksamer Therapie machen. Die eigene Erfahrung scheint dabei die höchste Überzeugungskraft zu besitzen - wer über den Prozess der Infragestellung zu neuen Einsichten gelangt, darüber im Alltag (also außerhalb der Therapie) Erfahrungen machen kann, die angenehmer, weniger belastend, weniger angstbesetzt usw. sind, kann veränderte Einstellungen auch integrieren und realisieren. Psychotherapie ist eben keine akademische Diskussion, sondern eine Dienstleistung für die konkrete Lebenspraxis. In der Gegenwart Prozesse zu gestalten, Probleme zu bearbeiten und die Vergangenheit zu bewältigen ist kein Selbstzweck, sondern auf die Zukunft gerichtet. Deshalb füge ich dem Prinzip des Klärens gern noch ein weiteres hinzu: Perspektiven schaffen. Das wirkt.

Veröffentlicht in Psychotherapie

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