Selbstregulation: Zielrichtungen für den Umgang mit sich selbst

Veröffentlicht auf von Methusalem

Mit sich selbst zurecht zu kommen, sich selbst steuern zu können, das ist eine sehr elementare Angelegenheit. Aber auch nicht gerade einfach – weil es nicht leicht ist, dem auf die Spur zu kommen, was sich hinter dem Begriff Selbstregulation verbirgt. „Ich möchte mit mir selbst besser klar kommen" - mit einer solchen unklaren Zielvorstellung kommen wir nicht sehr weit. Die Überlegungen zur Selbstregulation sollen hier Struktur und konkrete Ansatzpunkte liefern, dem Anliegen „mit sich selbst besser klar zu kommen" eine Richtung geben. Auch wenn die folgenden Erläuterungen knapp gehalten sind, so können sie doch helfen, präziser zu benennen, wo es „hängt", wenn es „hängt".

 

1. Wahrnehmung

1.1. Die Realität erkennen und annehmen: das Tatsächliche bejahen

Es hat wenig Sinn, sich darüber aufzuregen, dass im Wald Bäume stehen... es ist aber auch nicht immer leicht, einfach das zu akzeptieren, was ist. Die Realität zu erkennen ist keine passive Haltung, denn dort, wo etwas ist, kann sich auch etwas ändern. Sofern irgend jemand etwas tut, damit sich etwas ändert...

1.2. Die Intuition entwickeln und nutzen: Möglichkeiten erkennen

Intuition ist keine Zauberei, sie hat viel mit Erfahrung zu tun. Zusammenhänge, die wir zum Teil bewusst verarbeiten, können Elemente enthalten, die sich nicht als klare Gedanken äußern, sondern unterschwellig mitwirken – als dumpfe Ahnung wird so manches erkennbar, noch bevor es sichtbar ist.

 

2. Gefühle

2.1. Gefühle wahrnehmen, regulieren und ausdrücken
Schwierigkeiten im Umgang mit Gefühlen sind häufig der Hintergrund für den Eindruck, „mit sich selbst nicht klar zu kommen". Es kann bedeuten, von Gefühlen überschwemmt zu werden, nicht zu wissen, was mit diesen seltsamen Dingern geschehen soll.


2.2. Selbstwertgefühl entwickeln und pflegen

Auch wenn hier von einem Gefühl die Rede ist, geht es hier mehr um das Selbstbild, um die Einstellungen zu sich selbst – einigermaßen realistisch sollte es sein, aber insgesamt positiv.

2.3. Lebenswertgefühl entwickeln und pflegen

Hier geht es um die Haltung dem Leben insgesamt gegenüber: man kann es verschlafen, einfach geschehen lassen oder mit Sinn füllen. Das Lebenwertgefühl zu pflegen bedeutet, immer wieder nach dem zu fragen, was das Leben lebenswert erscheinen lässt.


3. Denken


3.1. Klären, was unklar ist

Es wird nie ein endgültiges Ende finden, soll aber nicht in endloses Grübeln ausarten – die vollkommene Klarheit ist ein unerreichbares Ideal. Ab und zu lohnt es sich schon, Unklarheiten Aufmerksamkeit zu schenken, sich über wichtige Dinge Klarheit zu verschaffen – was oft auch bedeutet, Entscheidungen zu treffen.


3.2. Irrationale Gedanken erkennen und bearbeiten, vernünftig urteilen

Es irrt der Mensch, solang er strebt... aber die Erkenntnis von Denkfehlern und Irrtümern ermöglicht auch ihre Korrektur, stellt die Grundlage vernünftigen Urteilens dar.


3.3. Denkprozesse steuern (metakognitive Selbstregulation)

Die metakognitive Selbstregulation gehört zum schwierigsten Feld der Selbstregulation – es ist schon schwer genug, die eigenen Denkprozesse zu erkennen, dem auf die Spur zu kommen, was sich mehr oder weniger automatisch vollzieht. Mit etwas Übung und Anleitung lässt sich aber das Gespür für Prozesse entwickeln, die nicht konstruktiv sind, „in die falsche Richtung gehen" oder einfach nur Verwirrung stiften.


4. Planen und Organisieren

4.1. Die Zukunft planen und aktiv mitgestalten

Einfach in den Tag hinein zu leben ist natürlich auch eine Lebenseinstellung. Langfristig wird sehr wahrscheinlich Unzufriedenheit entstehen – Glück und Zufriedenheit scheinen immer wieder mit der Erfahrung verbunden zu sein, etwas aufgebaut, entwickelt, erreicht zu haben. Und das sind üblicherweise Menschen, die etwas dafür getan haben, oft jahrelang, jahrzehntelang auf ein bestimmtes Ziel hin gearbeitet haben.

4.2. Ziele formulieren

In vielen Ratgebern ist von Zielen die Rede – am besten gefällt mir immer noch der Begriff der „aktionsorientierten Zielsetzung" (Shane Murphy) – hier geht es darum, Ziele so zu formulieren, dass in ihnen die Tätigkeiten beschrieben werden, um die es geht. Die Umsetzung in Handlungen gelingt so schneller und leichter.

4.3. Prioritäten setzen

Klare Prioritäten zu formulieren setzt dem Chaos im Kopf schnell ein Ende. Nicht immer sind die Dinge, die vordergründig wichtig erscheinen, auch wirklich die Wichtigsten – im günstigen Fall führt also das Nachdenken über Prioritäten immer mehr zur Erkenntnis der zentralen Dinge, der persönlich wichtigen Angelegenheiten und den Grundlagen für das eigene Leben.

4.4. Entscheidungen treffen und umsetzen

Die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen, ist eine Sache – Entscheidungen auch umzusetzen, sie durchzutragen eine andere. Eine sinnvoll konsequente Lebensführung setzt dem immer neuen Infragestellen eine Grenze, ohne dabei in Sturheit umzuschlagen.


5. Verhalten und Handeln


5.1. Sichzusichverhalten: mit sich selbst in Frieden leben


„Wer mit sich selbst in Frieden lebt, der wird genauso sterben. Und ist selbst dann lebendiger als alle seine Erben" (Novalis). Wir alle sind so vielfältigen Einflüssen ausgesetzt, dass die lebenslange Harmonie wohl kaum vom Himmel fallen kann. Zielvorstellungen, Ideen, Neigungen und Interessen werden immer wieder in verschiedene Richtungen gehen – Kompromisse, Veränderungen und auch innere Versöhnungsarbeit erfordern.

5.2. Lernen (im umfassenden Sinn) und sich entwickeln

Der Begriff Lernen ist meist an die Schulzeit gekoppelt, mit Inhalten verbunden und damit stark verkürzt. Was Lernen sonst noch alles bedeuten kann, zeigen Hobbyisten in den unterschiedlichsten Bereichen – da wird auch etwas gelernt, weil Interesse da ist, weil sich jemand entwickeln möchte, auch wenn es nicht um einen Abschluss oder eine Medaille geht. So ganz nebenbei lassen sich Lernprozesse anregen, wenn man sich entsprechend anregenden Situationen einsetzt.

5.3. Unerwünschtes Verhalten ändern

Wer etwas tut, tut es mit Absicht. Das ist falsch. Nicht immer, aber manchmal. Manchmal klaffen Absichten und Verhalten auseinander. Eingeschliffene Muster können den eigenen Absichten zuwiderlaufen – die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten kann zu der Einsicht führen „das will ich nicht, aber ich tue es trotzdem immer wieder". Lange kann man darüber nachdenken, warum und wieso... schneller geht es mit der Frage, WIE und WAS anders gehen kann.

5.4. Sozialverhalten: mit anderen leben, arbeiten und sich entwickeln

Schwierigkeiten im Umgang mit sich selbst sind oft eng gekoppelt an soziale Probleme – innere Unausgeglichenheit wird nach außen spürbar, verursacht Stress und Konflikte.


6. Stress bewältigen

6.1. Belastungen bewältigen

„Mit sich selbst besser klar kommen" - das kann sich darauf beziehen, Belastungen bewältigen zu können, mit schwierigen Situationen umgehen zu lernen. So ganz allgemein lässt es sich schwer beschreiben, „wie man so etwas macht". Leichter wird es anhand konkreter Situationen, die man „auseinander nehmen" kann.

6.2. Probleme lösen

Edward de Bono hat in seiner „Denkschule" unter anderem ein einfaches Problemlöseschema dargestellt, mit dem sich eine Menge anfangen lässt. Vereinfacht dargestellt geht es um fünf Fragen: Was will ich erreichen? Welche Informationen brauche ich? Was kann ich tun? Was von dem, was ich tun kann, will ich tatsächlich tun? Und die fünfte... besser nicht fragen, sondern tun. Wenn der erste Versuch nicht gelungen ist, stellt sich die Frage, was es denn sonst noch für Möglichkeiten gibt. Simple Weisheit an dieser Stelle: Menschen lösen Probleme, weil sie sich lange genug damit beschäftigen.

6.3. Sich Entspannen

Wer sich nicht entspannen kann, hat auch mehr Schwierigkeiten, mit sich selbst zurecht zu kommen. Ständig unter Strom, stets unruhig und gehetzt... das ist nicht das ganze Leben. Irgendwo hat auch die Ruhe ihren Platz und ihre Berechtigung.


7. Konflikte lösen

7.1. Innere Konflikte lösen

Mit den inneren Konflikten kommen wir dem inneren Unfrieden auf die Spur... Ziele, Prinzipien, Werte, aber auch unterschiedliche kulturelle Prägungen können starke innere Konflikte auslösen und die Erfahrung innerer Zerrissenheit prägen.

7.2. Kontakt aufnehmen

Bei allem Verständnis für die Rationalität der Konflikvermeidung zeigt sich die Lösung von Konflikten meist nur über den Weg der Kontaktaufnahme – dort, wo sich lösungsorientierte Konfliktbereitschaft im klärenden Verstehen entfaltet, werden nicht nur Konflikte bewältigt. Es bedeutet auch, mehr über sich und andere zu erfahren.

7.3. Interessen durchsetzen können

Der Eindruck, sich „alles gefallen lassen zu müssen", ist eine ziemlich unangenehme Lebenserfahrung. Das Wissen um eigene Rechte und die Strategien, berechtigte Interessen auch durchsetzen zu können, vermittelt ein ganz anderes Lebensgefühl.

7.4. Freundschaft und Partnerschaft: miteinander aneinander wachsen

Freundschaftliche Kontakte stabilisieren ungemein – als Kontakt- und Austauschmöglichkeit gehören sie zu den menschlichen Grundbedürfnissen und können die persönliche Entwicklung erheblich fördern.

7.5. Das Familienleben gestalten

Was im Themenfeld „Familie" alles gestaltungsfähig und gestaltungsbedürftig ist, lässt sich kaum in ein paar Sätzen ausdrücken. Klar ist, dass viele Schwierigkeiten im Umgang mit sich selbst ihre Wurzeln in der Ursprungsfamilie, den in ihr geltenden Regeln und Umgangsformen haben.

7.6. Konflikte am Arbeitsplatz lösen

Ein großes Sonderthema... von der Schwierigkeit, „sich etwas sagen zu lassen" über Antipathien, unangemessenen Ansprüchen an sich selbst und/oder andere bis hin zu destruktiven Formen, Mobbing und arbeitsrechtlichen Problemen reicht die Palette möglicher Probleme, die sich eben auch als innere Unzufriedenheit zeigen kann.

8. Lebensgestaltung

8.1. Lebensentwurf: klären, wofür es sich zu leben lohnt

Schwierig, aber lohnend – der Lebensentwurf ist das Fundament, auf dem sich Strategien für den Umgang mit sich selbst entwickeln lassen. Die deutlichste Ausprägung des „Mit-sich-selbst-nicht-Klarkommens" ist die Sichtweise „ich habe keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll".

8.2. Werte klären und verwirklichen

Wertvoll wird das Leben, wenn man sich an Werten orientiert... und es lohnt sich, darüber nachzudenken, das je eigene Wertsystem in eine ausgewogene Balance zu bringen.

8.3. Berufliche Entwicklungsplanung

Was will ich mit meinem Leben anfangen? Neben der Berufswahl ist die berufliche Entwicklungsplanung ein Feld bewusster Lebensgestaltung. „Irgend ein Job" findet sich früher oder später immer. Nur – zufrieden sind die meisten Menschen nicht damit. Entwicklungsbedürfnisse erkennen, Interessen klären und berücksichtigen, dass sich Interessen im Laufe des Lebens entwickeln und verändern können... das ist ein Anfang.

8.4. Persönliche Entwicklungsplanung

So manches entwickelt sich von allein. So manches aber eben auch nicht. Zielrichtungen persönlicher Entwicklungsplanung können sich aus konkreten Fähigkeiten ergeben, die wünschenswert, ausbaufähig oder einfach nützlich sind. Es ist eine persönliche Entscheidung, ob ich meine Entwicklung dem Zufall oder äußeren Einflüssen überlasse – oder in ganz bestimmte Richtungen steuern will.

8.5. Privatleben und Freizeit gestalten

Alles, was mit Hobby, Freizeit, rein privaten Interessen und Ausgleichsbedürfnissen in der Freizeit zu tun hat, gehört hier her. Gerade jene, die viel arbeiten, sollten sich um Ausgleich bemühen, wenn sie gesund bleiben wollen. Schließlich soll das Leben ja auch Spass machen, oder nicht?

 

Veröffentlicht in Psychotherapie

Kommentiere diesen Post