"Damit komme ich nicht klar"

Veröffentlicht auf von Methusalem

Ein Satz. Ein Spruch. Ein Zugeständnis. Da ist eine Grenze erreicht, irgend etwas ist geschehen, das einfach nicht so stehen bleiben kann. Damit komme ich nicht klar, das kann bedeuten: ich weiss nicht weiter. Ist es dann, wenn es ein Nichtweiterwissen beschreibt, eine Frage des Wissens?
Damit komme ich nicht klar: was ist dieses Etwas, mit dem da jemand nicht klar kommt? Und was heisst überhaupt "mit etwas klar kommen?". Mit etwas nicht klar kommen, das kann bedeuten, dass etwas unklar ist. Dann aber geht es nicht um Wissen, sondern um Klärung.
Was wie Wortklauberei anmuten mag, hat den Sinn, nach einer angemessenen Antwort zu fragen, denn die Aussage "damit komme ich nicht klar" enthält mehr oder weniger deutlich eine Frage, vielleicht einen Hilferuf, der da heisst: ich brauche jemanden, einen Hinweis, einen Weg, wie ich mit dem, womit ich jetzt nicht klar komme, klar kommen kann. Ob nun dieser Weg darin besteht, eine neue Strategie zu finden oder zunächst Klarheit zu bekommen über das ungeklärte Etwas - bevor eine sinnvolle Antwort auf diese Zustandsbeschreibung erfolgen kann, stellt sich die Frage, was dieses Etwas ist, mit dem jemand nicht klar kommt.
Es kann ein Ereignis sein, ein Vorfall, ein Unfall, eine Tragödie, ein Drama, ein schreckliches Erlebnis, aber auch etwas scheinbar Unbedeutendes, eine beiläufige Bemerkung, die jemand fallen gelassen hat, ein Spruch, der verletzt. Ob das, was da fallen gelassen wurde, aufgehoben werden sollte, das ist die Frage, der es nachzugehen gilt, wenn sich jemand aufgehoben fühlen soll mit der Aussage: damit komme ich nicht klar.
Die Wege gehen auseinander, je nachdem, wie die Antwort lautet. Das Anleiten als Methode, "zu zeigen, wie es geht" kann helfen, mit einer konkreten Aufgabenstellung klar zu kommen, die Wissen und Fertigkeiten erfordert. Für die Bewältigung traumatischer Erfahrungen dagegen ist das Anleiten im pädagogischen Sinne völlig fehl am Platz.
Ich komme damit nicht klar, das kann bedeuten: da gibt es etwas, das kann ich einfach nicht akzeptieren, ich kann mich nicht damit abfinden, es ist nicht auszuhalten, unerträglich und gleichzeitig nicht zu verändern. Da erfährt vielleicht ein Junge im Alter von 10 Jahren, dass seine Eltern nicht wirklich seine Eltern sind, dass die leibliche Mutter in weggegeben hat, den Wunsch hat, dass ihr Sohn niemals ihren Namen erfährt. Viele Jahre später beginnt er zu fragen, wer die leiblichen Eltern sind, bekommt keine Antwort und sagt: damit komme ich nicht klar. Eine andere Szene: gut gelaunt im Auto unterwegs öffnet einer auf dem Rücksitz eine Dose Bier, lässt den Knall direkt am Ohr des Fahrers erschallen, es war ja nur Spass, aber der erschrockene Fahrer reisst das Steuer herum, es kommt zu einem Unfall, drei Tote, der einzige Überlebende hält mit schweren Verletzungen seine Dose noch in der Hand. Jahrelang erfährt niemand den genauen Ablauf des Unfalls, Alkohol und Drogen helfen nur scheinbar, das Ganze zu vergessen, aber immer wieder dringt der Gedanke durch: ich bin schuld. Und damit komme ich nicht klar.
Es sind unterschiedliche Situationen, deren Grundmuster in vielfältigen Varianten täglich geschehen. Mit dem klar zu kommen, was mir selbst widerfahren ist, was andere mir angetan haben - oder damit klar zu kommen, was ich anderen angetan habe. Nicht klar kommen bedeutet: da ist etwas nicht in Ordnung, nicht zu akzeptieren, nicht annehmbar. Erinnern und Durcharbeiten mag jenen durch den Kopf gehen, denen die Psychoanalyse vertraut ist, und die kritische Stellungnahme klingt als Nachsatz vielleicht schon an. Was soll es denn nützen, in der Vergangenheit zu bohren, wenn sich daran nichts ändern lässt?
Als Erstes geht es um Anerkennung: wir alle müssen damit rechnen, eines Tages Zeuge eines Unfalls zu sein, vielleicht schreckliche Dinge zu erleben, die wir nicht so einfach "wegstecken" können. Situationen, die wir nicht unmittelbar verarbeiten können, sind Realität. Sprüche wie "denk nicht darüber nach" helfen nicht, sie wirken wie ein Schlag ins Gesicht, wenn sich jemand wirklich Nacht für Nacht hin und her wälzt, weil es da etwas gibt, das einfach nicht in Ordnung ist. Beruhigungsmittel, Alkohol und Drogen helfen nicht. Im Gegenteil, sie machen das Ganze noch schlimmer.
Mit etwas klar kommen, das bedeutet, eine Haltung zu finden, mit der es sich leben lässt.
Mit etwas klar kommen lernen, das bedeutet, einen Prozess wieder in Gang zu setzen, der stehen geblieben, hängen geblieben, unverdaut geblieben ist. So schlimm es auch sein mag, es ist vorbei und ich kann es nicht ändern. Ändern lässt sich die eigene Haltung, ändern lässt sich das eigene Verhalten, und vielleicht gibt es Konsequenzen, die sich aus der Erfahrung ableiten lassen, die zunächst die eigenen Grenzen spüren lässt und die Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt. Manches lässt sich vielleicht verstehen, klären, aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und damit besser verarbeiten. Manches lässt sich vielleicht verändern und sei es auch nur durch ein höheres Mass an Aufmerksamkeit aus der Erfahrung heraus, wie schnell ein Unfall geschehen kann. 
Mit etwas klar kommen lernen, das ist vielleicht ein mühsamer Weg, schwere Brocken zu verdauen. Nicht, um lange Zeit an der Frage nach dem Warum? zu bohren. Auch nicht: platte Sprüche umzusetzen, die da lauten: "Kopf hoch, wird schon wieder" oder "mach Dir keine Gedanken". Erfahrungen, mit etwas nicht klar zu kommen, sind Lehrmeister im eigenen Leben - sie zeigen Verwundbarkeit, Grenzen, Notwendigkeiten, Gefahren und Zusammenhänge auf. Die Antwort auf die Frage "WIE komme ich damit klar?" ist stets eine persönliche. Vielleicht ist sie für den einen oder die andere ohne Hilfe von aussen nicht zu finden. Vielleicht gibt es auch immer wieder neue Antworten, tiefere Einsichten, grundlegendere Impulse, an irgend einer Stelle im eigenen Leben Veränderungen einzuleiten. Vielleicht bedeutet es auch, das Beunruhigende zur Ruhe kommen zu lassen, eine Haltung zu finden, in der die Vergangenheit der Zukunft nicht mehr im Weg steht.
Damit komme ich nicht klar. Trauma, Störung, Krankheit - so kann man sich dieser Aussage nähern.
Es gibt Krankheit, Hunger, Gewalt und Krieg auf der Welt. Und es gäbe noch viel mehr davon, wenn es nicht Menschen gäbe, die damit nicht klar kommen und sich deshalb immer wieder für Veränderungen einsetzen würden. Menschen, die immer und überall mit allem "klar kommen", die alles "cool und locker" sehen, die "immer gut drauf" sind, haben keinen Anlass, sich für irgend etwas einzusetzen. Damit komme ich nicht klar. Sollte ich? Vielleicht ist Lebenskunst ja auch die Fähigkeit, damit klar zu kommen, dass wir manchmal mit manchen Dingen nicht klar kommen.

Veröffentlicht in Psychotherapie

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Methusalem 05/22/2008 17:40

Danke, Ingo,ja, das ist auch mein Eindruck. Das Leben ist komplizierter geworden, die Technik immer schwerer zu durchschauen und viele Lebensbereiche erfordern immer wieder, umzudenken, Neues dazuzulernen... verständlich, dass da manche nicht mehr mitkommen. Gut ist dann, wenn man jemanden fragen kann, irgendwo Unterstützung bekommt. Und wenn's auch ne Hotline ist...lg Methusalem

Ingo unterm Sonnensegel 05/22/2008 16:41

Sehr guter Text, da ist nichts mehr hinzuzufügen!Aber dennoch muss ich sagen, dass es heut zu Tage sehr viele Leute gibt, die sich einfach nicht getrauen zu sagen, dass sie mit irgendetwas nicht klar kommen. Entweder weil sie sich deswegen schämen, oder aus anderen Gründen. Und sowas kann dann schnell außer Kontrolle geraten...