Mittwoch, 14. mai 2008

Manchmal ist es schon verzwickt: die Erfahrung, dass manche Dinge einfach nicht gelingen wollen, ist eine Erfahrung, die nicht nur bei Depressiven zu beobachten ist. Das Thema Realisierungsprobleme bezieht sich auf eine Erfahrung, die einen Konflikt beschreibt. Eine feste Absicht ist da, ein Ziel ist klar, aber der Weg dahin scheint unerreichbar. Die klassische Situation eines Problems also - zwischen Ausgangszustand und Ziel befindet sich eine Barriere.

Auf die vielen Dinge, die vielleicht als Erklärung dienen können (die Sterne, die Hormone, der Biorhythmus...) aber für die Praxis nicht hilfreich sind, möchte ich hier nicht eingehen. Um der Ehrlichkeit genüge zu tun: ein Patentrezept habe ich auch nicht anzubieten. Es geht um eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt: was geschieht mit einem Impuls auf dem Weg durchs Gehirn?

Es geht um ein Modell, das helfen soll, Realisierungsprobleme genauer einzugrenzen.

Die ideale Variante ist so ideal, dass es sich kaum zu lohnen scheint, darüber nachzudenken. Absicht und Realisierung ergeben sich gewissermassen automatisch, die subjektive Erfahrung zeigt den unmittelbaren Erfolg: "ich nehme mir etwas vor und tue es einfach". Nachdem es bereits ein Buch über die "Logik des Misslingens" gibt, fehlt noch das Gegenstück: die Logik des Gelingens.

Also fragen wir einmal: was geschieht denn, wenn etwas gelingt?

In einer bestimmten Situation entwickelt sich eine bestimmte Absicht, die zu einer konkreten Handlung führt. Die Situation verändert sich nach Wunsch. Ein Erfolgserlebnis also, kurz: "ich kann".

Wieviele Voraussetzungen dabei bereits enthalten sind, wird auf den ersten Blick kaum nachvollziehbar, also betrachten wir die Angelegenheit etwas näher...

Die "Situation an sich" haben wir nie "im Kopf", immer nur ein Abbild. Oder: eine Situationseinschätzung. Schätzung bedeutet dabei, dass es manchmal nicht so klar ist, wie die Situation nun wirklich ist.

Wenn also irgend etwas nicht gelingt, dann könnte es daran liegen, dass die Einschätzung der Situation nicht ganz korrekt war - Täuschungen können dazu führen, dass die Absicht "ins Leere" geht, weil sie einfach nicht "passt". Einsichten, die diese Fehleinschätzung korrigieren, erhöhen damit (ganz vorsichtig ausgedrückt) die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Versuch ein Treffer wird.

Genauer hinsehen? Nochmal nachdenken? Auch das kann zum Problem werden, wenn die Lageorientierung zu stark wird.

"Ich kann nichts tun, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, darüber nachzudenken, in welcher Lage ich mich befinde und was ich jetzt wohl am besten tun könnte"

Logisch: manchmal denken wir, bevor wir handeln. Manchmal steht das Denken dem Handeln aber auch im Weg (sagt ein Akademiker aus eigener Erfahrung).

Das ist noch lange nicht genug... Situationen können unangenehm und belastend sein und trotzdem keinen Handlungsimpuls auslösen. Es macht eben einen Unterschied, ob sich da jemand sagt "das passt mir nicht, da ändere ich etwas" oder: "das passt mir zwar nicht, aber ich kann es ja nicht ändern". So gelangen wir zu einem ersten "Knoten", der recht zuverlässig verhindern kann, auch nur einen Schritt weiter zu kommen.

"Ich will ja etwas erreichen, aber Ich kann es nicht erreichen, weil ich davon überzeugt bin, dass ich sowieso nichts ändern kann."

Ob es gelingt, Ziele zu erreichen, Absichten zu verwirklichen und in einer bestimmten Situation etwas zu verändern, hängt also auch von den inneren Überzeugungen ab, die mit der Wahrnehmung der Situation verbunden sind. Im allgemeinen wird dieser Zusammenhang mit dem Begriff "Selbstwirksamkeitserwartungen" bezeichnet. Indirekt steckt aber auch die Überzeugung dahinter, dass Situationen verändert werden können - eine Erfahrung, die so selbstverständlich wohl nicht ist.

Auch das ist noch nicht alles... so mancher würde ja gern wollen, mag aber nicht.

Löst die Situation oder die Absicht, die sich aus ihrer Einschätzung ergibt, unangenehme Gefühle aus, haben wir einen weiteren möglichen Stolperstein vor uns. Die klassische Situation dazu wurde von Kurt Lewin als Appetenz-Aversions-Konflikt beschrieben. Seiner Tochter war ihr Ball am Meer ins Wasser gefallen. Natürlich hätte sie den Ball gern wieder gehabt, aber jedesmal, wenn sie sich ins Meer wagte, kamen Wellen... und mit den Wellen die Angst. Emotionale Konflikte sind auch Zielkonflikte: wenn es nicht gelingt, eine bestimmte Absicht zu realisieren, dann sind möglicherweise gleichzeitig Zielvorstellungen entstanden, die ebenjene Absicht wieder sabotieren. Vermeidungsziele, der Wunsch, der Situation auszuweichen, weil sie unangenehm, bedrohlich oder beängstigend ist.

Ein König weiss sich hier zu helfen und schickt seine Soldaten an die Front. Das Mädchen am Strand könnte auf die Idee kommen, ihren Papa zu rufen: soll er doch bitte den Ball holen. Dumme Sache, wenn man niemanden hat, der die Kohlen aus dem Feuer holt, niemand da ist, dem man die unangenehme Aufgabe einfach delegieren kann. Manches muss man eben selbst erledigen - und das Gelingen hängt davon ab, ob die unangenehmen Gefühle überwunden werden können. Wenn es dabei "nur" um Angst geht, ist die Situation immer noch relativ einfach...

Kompliziert wird es, wenn nicht nur ein Konflikt zwischen Verstand und Gefühl das Handeln blockiert ("ich weiss ja, was ich tun müsste, aber meine Gefühle stehen mir im Weg"). sondern das Gefühlsleben selbst "verknotet" ist. Um zu erläutern, was ich damit meine, muss ich eine kleine Geschichte erzählen...

Es geht dabei um eine Frau, die von ihrem Mann seit Jahren geschlagen wurde, damit verständlicherweise keinesfalls einverstanden ist. Sie will ihn verlassen, kann es aber nicht. Vernünftig wäre es schon, zumal ihr Mann auch noch fremd geht. Aber - allein zu sein, diese Vorstellung ist furchtbar und ausserdem sagt sie, dass sie ihn liebt. Nach längerem Nachdenken versuche ich also, diesen "Knoten" in Worte zu fassen:

"Ich bin unglücklich, weil ich Angst habe, etwas zu verlieren, das ich brauche, um glücklich zu sein."

Rein rational betrachtet ist das irgendwie unlogisch, aber Gefühle haben eben manchmal ihre eigene Logik. So ein "emotionaler Knoten" hat aber immer auch einen Schwachpunkt (behaupte ich jetzt einfach mal) und hier ist es das Wort "brauche". Solange diese Frau davon überzeugt ist, dass sie ohne ihren Mann nicht glücklich werden kann, wird sie alles erdulden - so schmerzhaft es auch sein mag. Die Absicht, sich zu trennen, so vernünftig sie auch erscheinen mag, wird sie nicht realisieren können.

Was sich hier schon andeutet, beschreibt ein weiteres mögliches Problem: die Frage nach Motiven nämlich, die ebenfalls Konflikte, Verwicklungen und Knoten aufweisen können. Versuchsweise formuliert:

"Ich kann das eine nicht erreichen, weil ich auch etwas anderes will, das sich aber mit dem einen nicht vereinbaren lässt"

Sind beide Tendenzen gleich stark, finden wir wieder eine klassische Situation. Buridans Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll. HIlfreich könnte es sein, wenn uns unsere Motive mit allen Verwicklungen und Konflikten vollständig präsent wären - möglich wäre aber auch, dass wir dann vor lauter Heuhaufen überhaupt nichts mehr erkennen. Wer etwas unterlässt, das er sich "eigentlich" vorgenommen hatte und hinterher sagen kann: "das war mir dann wohl doch nicht so wichtig", hat dann zwar sein Ziel nicht erreicht, aber eine Lösung gefunden, mit der es sich leben lässt. Wenn es aber um wirklich wichtige Dinge geht, die Absicht vielleicht so klar ist, dass andere Dinge zurückstehen müssen, und trotzdem noch irgend etwas im Wege steht, dann müssen wir weiterfragen. Vielleicht gibt es noch mehr mögliche Hindernisse auf dem Weg von A nach B?

Eine beliebte Frage Fremder an unbekannten Orten: "wo bitte geht's zum Bahnhof?" Mit neuen Kenntnissen versorgt können wir antworten. Sie haben wohl ein Realisierungsproblem? Sind möglicherweise davon überzeugt, dass Sie den Weg zum Bahnhof allein nicht finden? Vielleicht einen emotionalen Knoten im Kopf? Kenner der Methode "Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte" ergänzen vielleicht: das macht Sie jetzt ganz schön unsicher. Sie haben keine Ahnung, wie es weiter gehen soll...

Der Ortskundige hat eine Landkarte im Kopf. Und die hilfreiche Wegbeschreibung (wirklich eine Kunst!) gibt Hinweise, wie der Fremde von A nach B kommt. Daran kann es also auch liegen:

"Ich kann nicht, weil ich nicht weiss wie"

Vielleicht fehlt eine Landkarte. Vielleicht aber auch eine Methode, eine Fertigkeit, ein Hinweis, der angibt, wie das angestrebte Ziel erreicht werden kann. Leider ist damit das Universum potentieller Realisierungsprobleme noch keinesfalls erschöpfend behandelt...

Stellen wir uns vor: der Weg zum Bahnhof führt über abgesperrtes Gelände. Grosse Schilder hängen vor der Absperrung: "Kinder haften für ihre Eltern" - oder so.

"Ich will, ich möchte, ich weiss auch wie - aber das kann ich doch nicht machen!"

Innere oder äussere Verbote also können ebenfalls den Weg versperren. Wertgrenzen, der "innere Kritiker", reale oder vorgestellte Personen, die die geplante Absicht nicht erlauben - auch das kann ein Grund sein, warum so manches zwar gedacht und geplant, aber nicht realisiert wird. Manchmal ist das ja auch gut so... Aber manchmal stehen uns diese inneren Verbote auch wirklich im Weg.

Okay - vielleicht gibt es einen Umweg zum Bahnhof.

Auch da möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen... als ich wirklich einmal den Bahnhof suchte und dank hilfreicher Hinweise der Ortskundigen auch fand. Toll, dachte ich, jetzt habe ich den Bahnhof gefunden. Nur - es gab keine Gleise. Logischerweise gab es auch keinen Zug, mit dem ich hätte fahren können. So ist das nun mal im Leben - hinter jedem gelösten Problem kann sich ein neues zeigen. Das Leben ist eben wirklich nicht einfach!

 

von Methusalem veröffentlicht in: Psychotherapie Community: Wellness und Gesundheit
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