64 Prozent der Arbeitnehmer spulen am Arbeitsplatz einfach nur ihr Pflichtprogramm ab - schreibt das "manager magazin". Von Defiziten in der
Personalführung ist da die Rede, der mangelnden Berücksichtigung von Bedürfnissen und Erwartungen der Arbeitnehmer. Wenn die Umfrageergebnisse auch nur annähernd repräsentativ sind, sind 88% der
Arbeitnehmer unzufrieden und können sich mit ihrem Arbeitgeber nicht identifizieren. Es ist schwierig, Probleme über alle Branchen hinweg und nur auf der Grundlage statistischer Daten zu
beschreiben und Antworten zu finden auf die Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen lassen.
Dienst nach Vorschrift: ist das schlecht?
Wenn die Vorschriften angemessen sind, muss "Dienst nach Vorschrift" nicht unbedingt schlecht sein. Genauer betrachtet drückt die Formulierung aber auch Resignation aus: "ich mache nur das,
was ich muss, und keinen einzigen Schritt mehr. Und das, was ich muss, eher widerwillig..." Pünktlich Feierabend, auf keinen Fall eigene Ideen einbringen. Ein Blick auf die vielen
Geschichten über die Probleme am Arbeitsplatz, die mir bisher zu Ohren gekommen sind, legt eine wichtige Schlussfolgerung nahe: in vielen Branchen ist nichts so unerwünscht wie neue Ideen. Wer
irgendwo neu anfängt und eigene Vorstellungen mitbringt, wird zuerst "eingestiefelt", muss sich die betrieblichen Scheuklappen aufsetzen und das tun, was eben üblich ist und oft genug "schon
immer so gemacht wurde". Und das gilt auch, wenn die "eigenen Vorstellungen" fachlich gut begründet sind, aus einem Qualifizierungslehrgang stammen und im Prinzip auf qualitativ hochwertige
Arbeit ausgerichtet sind. Wer gezwungen ist, schlecht Arbeit zu leisten, weil es schnell gehen muss, und dabei die eigenen Qualitätsansprüche "in die Ecke stellen" soll, hat es schwer. Zwei
Männer werde ich nicht vergessen, die mit einer solchen Situation konfrontiert waren - der eine hatte Tränen in den Augen, weil er nicht so schweissen durfte, wie er es gelernt hatte. Der andere
bekam Magengeschwüre, weil er als Drucker jahrelang gezwungen war, giftige Substanzen ins Abwasser zu schütten. Beide hatten keine Möglichkeit, am Arbeitsplatz selbst ihre Konflikte zu
besprechen, einer Lösung auch nur einen einzigen Schritt näher zu kommen.
"Dienst nach Vorschrift" lässt sich also verstehen als
resignative "Lösung" eines inneren Konflikts, der zwischen Arbeitsanforderungen und eigenen, fachlich oder ethisch begründeten Ansprüchen besteht.
Identifikation fällt nicht vom Himmel
Corporate Identity, das Wir-Gefühl fördern... von solchen Ideen beflügelt erzählte mir einmal ein Betriebswirt, wie er die Identifikation mit dem Unternehmen entwickeln wollte. Ein
Fortbildungsprogramm sollte es sein, sorgfältig geplant, als Zeichen, dass die Firma etwas für ihre Arbeitnehmer tut. Etwas enttäuschend waren für ihn dann die Fragen, die am häufigsten zu den
Seminaren gestellt wurden. Was gibt's zu Essen? Und: wann kommen wir wieder nach Hause? Die Sache selbst... war für viele weit weg. Die Tradition des Arbeitnehmerdaseins besteht
darin, Anweisungen auszuführen und die Haltung, "einfach nur seinen Job erledigen" macht das Arbeitsleben leichter. Wenn Führungskräfte also erwarten, dass sich Arbeitnehmer mit ihrer Arbeit und
dem Unternehmen identifizieren, dann ist das schon sehr hoch gegriffen - und begründungspflichtig. Auf jeden Fall scheint es unangemessen, eine solche Identifikation als Selbstverständlichkeit
vorauszusetzen. Identifizieren kann ich mich dort, wo "etwas von mir" sichtbar und erfahrbar wird. Solange aber Mitarbeiterführung mit der Vorstellung verbunden ist, dass die Arbeitnehmer letzten
Endes "nichts zu sagen" haben, als ausführende Instanz das zu tun haben, was man ihnen vorschreibt, steht es schlecht um die Identifikationsmöglichkeiten.
Der Schluss liegt nahe, dass Identifikation dort leichter gelingt, wo es Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten gibt. Die Frage ist aber auch,
welche Arbeitnehmer in welcher Branche überhaupt das Bedürfnis haben, mitzugestalten und mitzubestimmen. Die geniale Variante, ein Leitbild zu entwickeln und im Betrieb aufzuhängen, verbunden mit
dem Vermerk: "das sind unsere Grundlagen" löst nicht selten Kopfschütteln aus. Identifikation funktioniert eben nicht auf Kommando, entwickelt sich nicht "nach Vorschrift". Es ist ein Prozess,
der Zeit benötigt und nicht zuletzt auf Freiwilligkeit beruht.
Berufsrollen, Arbeitnehmerrollen, Konflikte und Identifikationsmuster
Die Rolle des Arbeitnehmers geht nicht notwendigerweise mit der Berufsrolle konform - die Vermutung liegt nahe, dass "fachfremde" Tätigkeiten die Identifikation mit dem eigenen Arbeitsplatz
erschweren. Zwingend ist diese Schlussfolgerung aber auch nicht - denn "Fachfremdes" kann sehr wohl interessant sein, das eigene Arbeitsfeld bereichern. Grundprobleme, die sich quer durch alle
Branchen ziehen, ergeben sich allerdings recht häufig aus fachfremden Anweisungen. Wer als Kfz-Mechaniker in einer Werkstatt von einem Kfz-Mechanikermeister Anweisungen erhält, wird damit
vermutlich im Prinzip wenig Probleme haben. Anweisungen werden aber häufig quer durch die Berufswelt gegeben - mit der Konsequenz, dass sich der eine oder die andere immer wieder mit Anweisungen
konfrontiert sieht, die in das eigene Berufsbild eingreifen, sachlich und nüchtern betrachtet oft unsinnig sind.
Sich in der Rolle des
Arbeitnehmers mit der eigenen Berufsrolle abzugrenzen - das ist eine Kunst, die in keiner Ausbildung und keinem Studiengang vermittelt wird. Der Handwerkerspruch "wie der Schreiner kann's keiner"
nützt dem Tischler als Arbeitnehmer wenig, wenn die betriebliche Ökonomie den Einsatz von Sperrholzplatten fordert. Frage also: könnte es sein, dass diejenigen, die nur noch "Dienst nach
Vorschrift" machen, ihr fachliches Denken einfach abschalten oder ausblenden, weil sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass sich "die da oben" ja doch nicht dafür
interessieren?
Es bleibt eine mehr oder weniger plausible Vermutung, legt aber eine Spur: die Vorstellung, dass der "Dienst nach
Vorschrift" in Deutschland nicht nur mit Führungsmängeln, sondern auch mit vielen unbewältigten Konflikten zusammenhängt, bringt die Fragestellung auf einen Punkt.
Kann ich mich mit dem, was ich an meinem Arbeitsplatz tue, identifizieren?
Kann ich die
(Verwaltungs-?)Vorschriften mit meinen fachbezogenen und berufsbezogenen Erfahrungen und Kenntnissen in Einklang bringen?
Kann ich die Werte des Unternehmens mittragen?
Ich schätze, diejenigen, die "Dienst nach Vorschrift" ableisten, werden eher Nein sagen.
Und jene Führungskräfte, die ein aufrichtiges
Interesse daran haben, den Mangel an Motivation und Identifikation aufzuklären, sind wohl gut beraten, Identifikation mit dem Unternehmen nicht einfach zu fordern, sondern nach den Bedingungen zu
fragen, unter denen diese Identifikation möglich wird. Sofern diese Frage im betriebswirtschaftlichen Denken überhaupt eine Rolle spielt...
Immerhin.... wenn alles "nach Vorschrift" läuft, ist doch auch alles in Ordnung, oder?
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