Montag, 12. mai 2008

64 Prozent der Arbeitnehmer spulen am Arbeitsplatz einfach nur ihr Pflichtprogramm ab - schreibt das "manager magazin". Von Defiziten in der Personalführung ist da die Rede, der mangelnden Berücksichtigung von Bedürfnissen und Erwartungen der Arbeitnehmer. Wenn die Umfrageergebnisse auch nur annähernd repräsentativ sind, sind 88% der Arbeitnehmer unzufrieden und können sich mit ihrem Arbeitgeber nicht identifizieren. Es ist schwierig, Probleme über alle Branchen hinweg und nur auf der Grundlage statistischer Daten zu beschreiben und Antworten zu finden auf die Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen lassen.

Dienst nach Vorschrift: ist das schlecht?

Wenn die Vorschriften angemessen sind, muss "Dienst nach Vorschrift" nicht unbedingt schlecht sein. Genauer betrachtet drückt die Formulierung aber auch Resignation aus: "ich mache nur das, was ich muss, und keinen einzigen Schritt mehr. Und das, was ich muss, eher widerwillig..." Pünktlich Feierabend, auf keinen Fall eigene Ideen einbringen. Ein Blick auf die vielen Geschichten über die Probleme am Arbeitsplatz, die mir bisher zu Ohren gekommen sind, legt eine wichtige Schlussfolgerung nahe: in vielen Branchen ist nichts so unerwünscht wie neue Ideen. Wer irgendwo neu anfängt und eigene Vorstellungen mitbringt, wird zuerst "eingestiefelt", muss sich die betrieblichen Scheuklappen aufsetzen und das tun, was eben üblich ist und oft genug "schon immer so gemacht wurde". Und das gilt auch, wenn die "eigenen Vorstellungen" fachlich gut begründet sind, aus einem Qualifizierungslehrgang stammen und im Prinzip auf qualitativ hochwertige Arbeit ausgerichtet sind. Wer gezwungen ist, schlecht Arbeit zu leisten, weil es schnell gehen muss, und dabei die eigenen Qualitätsansprüche "in die Ecke stellen" soll, hat es schwer. Zwei Männer werde ich nicht vergessen, die mit einer solchen Situation konfrontiert waren - der eine hatte Tränen in den Augen, weil er nicht so schweissen durfte, wie er es gelernt hatte. Der andere bekam Magengeschwüre, weil er als Drucker jahrelang gezwungen war, giftige Substanzen ins Abwasser zu schütten. Beide hatten keine Möglichkeit, am Arbeitsplatz selbst ihre Konflikte zu besprechen, einer Lösung auch nur einen einzigen Schritt näher zu kommen.
"Dienst nach Vorschrift" lässt sich also verstehen als resignative "Lösung" eines inneren Konflikts, der zwischen Arbeitsanforderungen und eigenen, fachlich oder ethisch begründeten Ansprüchen besteht.

Identifikation fällt nicht vom Himmel

Corporate Identity, das Wir-Gefühl fördern... von solchen Ideen beflügelt erzählte mir einmal ein Betriebswirt, wie er die Identifikation mit dem Unternehmen entwickeln wollte. Ein Fortbildungsprogramm sollte es sein, sorgfältig geplant, als Zeichen, dass die Firma etwas für ihre Arbeitnehmer tut. Etwas enttäuschend waren für ihn dann die Fragen, die am häufigsten zu den Seminaren gestellt wurden. Was gibt's zu Essen? Und: wann kommen wir wieder nach Hause? Die Sache selbst... war für viele weit weg. Die Tradition des Arbeitnehmerdaseins besteht darin, Anweisungen auszuführen und die Haltung, "einfach nur seinen Job erledigen" macht das Arbeitsleben leichter. Wenn Führungskräfte also erwarten, dass sich Arbeitnehmer mit ihrer Arbeit und dem Unternehmen identifizieren, dann ist das schon sehr hoch gegriffen - und begründungspflichtig. Auf jeden Fall scheint es unangemessen, eine solche Identifikation als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen. Identifizieren kann ich mich dort, wo "etwas von mir" sichtbar und erfahrbar wird. Solange aber Mitarbeiterführung mit der Vorstellung verbunden ist, dass die Arbeitnehmer letzten Endes "nichts zu sagen" haben, als ausführende Instanz das zu tun haben, was man ihnen vorschreibt, steht es schlecht um die Identifikationsmöglichkeiten.
Der Schluss liegt nahe, dass Identifikation dort leichter gelingt, wo es Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten gibt. Die Frage ist aber auch, welche Arbeitnehmer in welcher Branche überhaupt das Bedürfnis haben, mitzugestalten und mitzubestimmen. Die geniale Variante, ein Leitbild zu entwickeln und im Betrieb aufzuhängen, verbunden mit dem Vermerk: "das sind unsere Grundlagen" löst nicht selten Kopfschütteln aus. Identifikation funktioniert eben nicht auf Kommando, entwickelt sich nicht "nach Vorschrift". Es ist ein Prozess, der Zeit benötigt und nicht zuletzt auf Freiwilligkeit beruht.

Berufsrollen, Arbeitnehmerrollen, Konflikte und Identifikationsmuster

Die Rolle des Arbeitnehmers geht nicht notwendigerweise mit der Berufsrolle konform - die Vermutung liegt nahe, dass "fachfremde" Tätigkeiten die Identifikation mit dem eigenen Arbeitsplatz erschweren. Zwingend ist diese Schlussfolgerung aber auch nicht - denn "Fachfremdes" kann sehr wohl interessant sein, das eigene Arbeitsfeld bereichern. Grundprobleme, die sich quer durch alle Branchen ziehen, ergeben sich allerdings recht häufig aus fachfremden Anweisungen. Wer als Kfz-Mechaniker in einer Werkstatt von einem Kfz-Mechanikermeister Anweisungen erhält, wird damit vermutlich im Prinzip wenig Probleme haben. Anweisungen werden aber häufig quer durch die Berufswelt gegeben - mit der Konsequenz, dass sich der eine oder die andere immer wieder mit Anweisungen konfrontiert sieht, die in das eigene Berufsbild eingreifen, sachlich und nüchtern betrachtet oft unsinnig sind.
Sich in der Rolle des Arbeitnehmers mit der eigenen Berufsrolle abzugrenzen - das ist eine Kunst, die in keiner Ausbildung und keinem Studiengang vermittelt wird. Der Handwerkerspruch "wie der Schreiner kann's keiner" nützt dem Tischler als Arbeitnehmer wenig, wenn die betriebliche Ökonomie den Einsatz von Sperrholzplatten fordert. Frage also: könnte es sein, dass diejenigen, die nur noch "Dienst nach Vorschrift" machen, ihr fachliches Denken einfach abschalten oder ausblenden, weil sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass sich "die da oben" ja doch nicht dafür interessieren?
Es bleibt eine mehr oder weniger plausible Vermutung, legt aber eine Spur: die Vorstellung, dass der "Dienst nach Vorschrift" in Deutschland nicht nur mit Führungsmängeln, sondern auch mit vielen unbewältigten Konflikten zusammenhängt, bringt die Fragestellung auf einen Punkt.

Kann ich mich mit dem, was ich an meinem Arbeitsplatz tue, identifizieren?
Kann ich die (Verwaltungs-?)Vorschriften mit meinen fachbezogenen und berufsbezogenen Erfahrungen und Kenntnissen in Einklang bringen?
Kann ich die Werte des Unternehmens mittragen?

Ich schätze, diejenigen, die "Dienst nach Vorschrift" ableisten, werden eher Nein sagen.
Und jene Führungskräfte, die ein aufrichtiges Interesse daran haben, den Mangel an Motivation und Identifikation aufzuklären, sind wohl gut beraten, Identifikation mit dem Unternehmen nicht einfach zu fordern, sondern nach den Bedingungen zu fragen, unter denen diese Identifikation möglich wird. Sofern diese Frage im betriebswirtschaftlichen Denken überhaupt eine Rolle spielt... 

Immerhin.... wenn alles "nach Vorschrift" läuft, ist doch auch alles in Ordnung, oder?

von Methusalem veröffentlicht in: Querbeet Community: Wellness und Gesundheit
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Kommentare

wie ist das bei einem psychologen? kann der auch seinen "dienst nach vorschrift" machen?
können sie sich mit ihrem beruf identifizieren? wenn ja, wieso?
viele menschen sind doch froh, überhaupt eine arbeit zu haben. da frägt man sich nicht oft, ob es eine arbeit ist mit der man sich identifizieren kann oder ob man mehr dazu beitragen könnte als man muss. ich finde das schade. ich finde, die menschen sollten einen beruf haben in dem sie aufgehen können. sie verbringen so viel zeit ihres lebens damit. sie werden von ihrem beruf geprägt und stark beeinflusst. also sollte es auch etwas sein, was spaß macht und was zu einem passt. wenn man nur "dienst nach vorschrift" leistet, stimmt etwas nicht. man muss es tun. fürs geld. aber man verbringt sein leben dann damit, mit tätigkeiten die einem nicht gefallen geld zu verdienen damit man leben und weiterarbeiten kann. teufelskreis. aber man muss. was soll man denn auch sonst tun?
Kommentarnr.: 1 Gepostet von: Miri^ am: 13.05.2008 16:30:14

Besten Dank für den Kommentar!

Zunächst zu den Fragen:

1. Können Psychologen Dienst nach Vorschrift machen?

Im Prinzip ja, würde ich sagen, im Bereich der öffentlichen Verwaltung ist das wohl auch die beste Strategie, nicht anzuecken... Meine persönliche Antwort ist: "Dienst nach Vorschrift" ist nicht mein Ding. Es gibt überall Vorgaben, an die man sich halten muss, das gilt wohl für alle Berufe und für selbständige Tätigkeiten auch. Die Frage ist, ob es Möglichkeiten gibt, eigene Anliegen einzubringen und damit auch Anerkennung zu finden.

2. Ob ich mich mit meinem Beruf identifizieren kann?

Ja. Mit Einschränkungen... Wenn mich jemand direkt fragt, ob ich ein Psychologe sei, antworte ich meist: ja, auch... Es gibt eben einige Anliegen, die sich aus Erfahrungen entwickelt haben, aber keinen Rahmen fanden, in dem sie sich entfalten konnten. Eines dieser Anliegen ist der Gedanke, "früher" anzusetzen - und nicht in der Rolle des Therapeuten hängenzubleiben, der erst dann eingreift, wenn schon eine Menge schiefgelaufen ist. Das Resultat ist eben dieser Blog.

3. Grundlagen der Identifikation

Eine sehr grundsätzliche Beobachtung in meinem Leben ist, dass ich mich mit sehr vielen unterschiedlichen Tätigkeiten identifizieren kann - solange sich ein Sinn darin erkennen lässt.

Etwas umfassender betrachtet kommen Werte ins Spiel - Begriffe wie "Entwicklung", "Gesundheit" und "Lebensqualität" werden dann wichtig.

Hauptsache Arbeit? Solange es viele Arbeitslose gibt, können Unternehmen wählen und immer mit dem Argument kommen, dass ja "draussen Hundert Andere" stehen. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, glaube ich nicht, dass die Haltung "Hauptsache Arbeit" langfristig glücklich machen kann. Das, was da "nicht stimmt", wenn jemand Dienst nach Vorschrift leistet, könnte auch in einer vorschnellen Entscheidung begründet liegen - zuwenig Klarheit über die eigenen Interessen, Neigungen und Fähigkeiten. Eine Berufswahl, die durch die Empfehlung der Eltern enstanden ist ("Lern was Vernünftiges"...), aber nicht den eigenen Interessen entspricht. Die andere Seite, das sind die Rahmenbedingungen, Umgangsformen und Veränderungen im Berufsleben, mit denen manche nicht mehr Schritt halten können. Gibt es Alternativen? Es kann kein Fehler sein, die Augen offen zu halten, wenn der Arbeitsplatz einfach nicht passt. Vielleicht lässt sich auch am Arbeitsplatz selbst etwas ändern - und sei es auch nur die eigene Haltung. Das sagt sich leicht, ich weiss, und ist schwer getan.

Kommentarnr.: 2 Gepostet von: Methusalem (Website) am: 13.05.2008 17:58:32

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Zitat von philosophenlexikon.de

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