Neu entdeckt und als Denkanstoss empfohlen: der philosophische Gesundheitstest. Was sich dabei zeigen kann, sind inkonsistente Einstellungen, also innere Widersprüche,
Einstellungen, die nicht so recht zusammenpassen. So ganz nebenbei - hat Gesundheit etwas mit Philosophie zu tun? Kognitive Therapieansätze beschäftigen sich mit Denkmustern, mit der Art und
Weise, wie wir Ereignisse erklären, bewerten und dementsprechend auf sie reagieren. Der Gedanke liegt also nahe, dass es "gesunde" und "kranke" Einstellungen gibt. Etwas allgemeiner formuliert:
es gibt Gedankengänge, die der Gesundheit förderlich sind und andere, die zumindest problematisch, wenn nicht gar Bestandteil einer psychischen Störung mit Krankheitswert sind. Im
Wissenschaftsbetrieb wird in der Regel von einer Theorie gefordert, dass sie widerspruchsfrei ist. Widerspruchsfreiheit bedeutet dabei auch, dass sie mit empirischen Forschungsergebnissen
übereinstimmen muss - auch wenn diese Beobachtungen nicht der Alltagserfahrung zugänglich sind. Wenn die Beobachtungen nicht mehr mit der Vorstellung vereinbar sind, dass sich die Sonne um die
Erde dreht, muss irgend etwas faul sein...
Wissenschaft hin oder her - der Gedanke, dass auch "ganz normale Menschen" Theorien
entwickeln, ist in der wissenschaftlichen Psychologie ja nicht mehr neu. Wenn man die Erkenntnis bestimmter Regelmässigkeiten als Grundbausteine der Theoriebildung akzeptiert, handelt es sich um
einen Prozess, der bereits in frühester Kindheit beginnt. "Wenn ich lange genug und laut genug schreie, kommt jemand und kümmert sich um mich" - so könnte die Formulierung einer frühen Theorie
lauten, die noch nicht einmal in Worte gefasst, nicht sprachlich ausgedrückt ist. Wenn sich solche Theoriebildungen mehr oder weniger automatisch entwickeln, ist es nicht verwunderlich, dass sich
hier und da Widersprüche einschleichen. Der gesunde Verlauf der kognitiven Entwicklung müsste dann darin bestehen, neue Erfahrungen zu integrieren, das je eigene subjektive Theoriegebäude immer
wieder zu überprüfen und anzupassen. Widersprüche, die Unsicherheiten und Zweifel auslösen, fordern also zum Nachdenken auf - mit dem Ziel, Dissonanz zu reduzieren.
Dort, wo es gelingt, innere Widersprüche aufzulösen, findet sich die alltagssprachliche Formulierung wieder, "mit sich selbst im Reinen zu sein". Innere
Harmonie also ergibt sich aus Erkenntnissen, die Erfahrungen und subjektive Theorien schlüssig integrieren. Wahrheit und Gesundheit scheinen in gewisser Weise nahe beieinander zu liegen - wer dem
Prinzip folgt, regelmässig Nahrung zu sich zu nehmen, verhält sich "gesund", weil damit ein natürliches menschliches Bedürfnis berücksichtigt wird. Die Entstehung "kranker" Einstellungen müsste
also auf logische Widersprüche, auf problematische oder dysfunktionale Denkprozesse zurückzuführen sein. Das ist kein neuer Gedanke - in kognitiven Therapieansätzen sind typische Denkfehler im Zusammenhang mit Depressionen bereits ausgearbeitet
worden. Methoden, die innere Widersprüche aufdecken können, sind also eine praktische Hilfe, die subjektiven Denkmuster abzuklopfen und
vernünftig zu organisieren. Vernunft im Dienste der Gesundheit führt dann zu einer Lebensphilosophie, die sich der Suche nach Wahrheit verpflichtet und immer wieder neu Erfahrungen, Erkenntnisse
und Beobachtungen integriert. Abzuschliessen ist dieser Prozess nicht - ein Ende der Wissenschaft ist nicht abzusehen. Weder im akademischen Bereich noch im nur scheinbar unwissenschaftlichen
Alltag der "ganz normalen Menschen". Widersprüchlichkeit als existenzielles Phänomen abzuschaffen wird uns nicht gelingen - es bleibt die Aufgabe und Notwendigkeit, mit Widersprüchen in uns
selbst, im Miteinander und in der Gesellschaft leben zu lernen. Ab und zu wird es recht angenehm sein, hier und da den einen oder anderen Widerspruch zu beseitigen - und sei es auch nur durch
Toleranz, durch die Einsicht, dass man viele Dinge eben aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann.
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