Legitimationsversuche: Drogenkonsum als indirekter Trotz

Veröffentlicht auf von Methusalem

"Warum begehen viele Leute Selbstmord? Wegen der Gesellschaft. Wegen anderen Menschen. Es gibt wohl kaum Leute, die Selbstmord begehen, weil sie kein Stoff mehr haben. Aber Leute, die ihnen immer wieder versuchen klarzumachen, dass er krank, süchtig und total KAPUTT ist, sind dran Schuld!! Diese immense DUMMHEIT und INTOLERANZ ist auf der ganzen Welt, in der ganzen verfluchten Gesellschaft!
Jeder Mensch will nur seinen Spaß, doch die Menschheit gibt dieser Person nicht die Freiheit, den Spaß auszukosten, in dem Falle: Drogen. Aber nein, Alkohol und Nikotin sind keine Drogen. Das sind ja Nervengifte...
Es gibt auch Leute, die konsumieren, jedoch wissen, dass es gesundheitsschädlich ist. Aber es ist ihnen gleichgültig, weil sie keine Lust mehr haben. Vielleicht gehöre ich zu dieser Gruppe. Noch bevor ich das erste mal Kontakt zu Drogen hatte, hielt ich nichts vom Leben. Ich propagiere Selbstmord und habe auch kein Problem damit, das hier zu sagen. Und ich glaube, viele Leute sollten mal Selbstmord ausprobieren, da wäre die Welt wohl schöner. Bewusstseinserweiternd wirken Halluzinationen so, dass man anfängt Dinge zu verstehen oder sich über Dinge Gedanken zu machen. Aber es hat viel mit der Psychologie zu tun.
Das tat gut, hier zu sagen, dass ich jeden hasse...
Ein hoch auf diese Gesellschaft, die mehr Wert auf Klischees und Vorurteile setzt, als auf Fakten! Vielen Dank!"

(R.V. aus dem LdT)

"Jeder Mensch will nur seinen Spass." Wenn ich diesem Prinzip folgen würde, käme ich kaum auf die Idee, jetzt hier zu sitzen und darüber nachzudenken, wie der Fremde aus dem Land der Träume zu seinen Auffassungen kommt... "Nur an den eigenen Spass denken" ist ein weit verbreitetes Prinzip in der Drogenszene. Klar: ich bin wichtig, alles andere ist mir egal. Im Grunde ist der Träumer sich selbst ja nicht wichtig, wenn er "keine Lust mehr hat". Legale und illegale Drogen sind zugänglich, also werden sie auch konsumiert - denn das Verbot selbst ist, wenn man "keine Lust mehr hat", ja auch egal. "Die Menschheit gibt dieser Person nicht die Freiheit, den Spass auszukosten, in diesem Falle: Drogen." Vor ein paar Jahren sagte mal einer meiner Kollegen: "in Deutschland hat jeder das Recht, sich totzusaufen". Eine Aussage, über die man lange nachdenken kann... Alkohol ist eben eine legale Droge. Aber das ist ebenfalls ein Problem - denn dagegen werden sich ebenfalls viele Menschen wehren, die Alkohol als "Grundnahrungsmittel" betrachten. Oder eben (die russische Variante) als "Medizin" (mit Pfeffer etwa). Zunächst frage ich mich, was es denn bedeuten soll, "den Spass auszukosten" - wenn der Spass früher oder später zu Straftaten führt, weil die benötigten Mengen an "Stoff" immer größer werden und irgendwann einfach nicht mehr finanzierbar sind, dann hört der Spass auf - mit welchem Recht erwartet da irgend jemand von "der Menschheit", dass sie Diebstähle, Raubüberfälle und sonstige Straftaten toleriert, nur damit der Süchtige "seinen Spass haben" kann? Hinzu kommt die Frage, wie es denn um "den Spass" wirklich bestellt ist - wie blind muss man selbst im Land der Träume sein, wenn man nicht (mehr) zur Kenntnis nimmt, wie oft der Konsum von Halluzinogenen kräftig daneben geht? Spätestens dann, wenn eingesehen wird, dass Drogen gesundheitsschädlich sind (in unterschiedlichem Ausmass, je nach Substanz und Menge), wird Drogenkonsum zu einem Akt der Autoaggression. Das anschließende Plädoyer für den Suizid ist nur die logische Weiterführung dieser Haltung. So sehr dieser Mensch sein Bewusstsein auch "erweitert" haben mag, der Weg nach innen, die Klärung der eigenen Gefühle scheint dabei auf der Strecke geblieben zu sein. Vielleicht hat es Erleichterung gebracht, auszudrücken "dass ich jeden hasse". In Klammern: auch mich selbst. Was sich hier zeigt, ist Trotz, Wut, Enttäuschung, Ärger, Wut, Zorn. Auf "die Gesellschaft". Auf "die Menschen". Auf wen genau, erfahren wir nicht, nur eine Andeutung ist da: jene, die andere darauf aufmerksam machen, dass sie sich mit ihrem Leben in Richtung Mülltonne bewegen, die sind "schuld". Schuld woran?
Lasst mich doch alle in Ruhe, steht zwischen den Zeilen , und: niemand darf mir sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe... So ungefähr stelle ich mir die inneren Gedankengänge vor. Dass es eine Menge an Dummheit und Intoleranz auf der Welt gibt, möchte ich gar nicht bestreiten. Dass es Klischees und Vorurteile gibt, ist auch wahr. Aber zumindest, was mich betrifft: Fakten haben sehr wohl eine Bedeutung. Wer sich mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigt, wird oft an einen Punkt kommen, an dem das bisher für wahr Gehaltene fragwürdig wird - Wissenschaft eignet sich dazu, die eigenen Vorurteile kritisch zu hinterfragen, immer wieder zu erkennen, dass so manches anders ist, als es bei oberflächlicher Betrachtung erscheint. Das hat auch etwas mit "Bewusstseinserweiterung" zu tun. Die bedeutendsten wissenschaftlichen Fortschritte verdanken ihren Ursprung allerdings nicht besonders intensivem Drogenkonsum - dahinter stehen Menschen, die sich mit einem bestimmten Problem lange und intensiv auseinandersetzen, forschen, sich austauschen, immer wieder überprüfen, ob einzelne Aussagen stimmen, eine Idee haben und ausarbeiten. Der Weg zur Erkenntnis ist lange und mühsam, voller Irrwege und oft genug auch frustrierend. Albert Einstein sprach vom "jahrelangen Tappen im Dunkeln", bis ihm der "Durchbruch zur Wahrheit" gelang. Die Vorstellung, hier eine Abkürzung zu finden, zur Erkenntnis des Wahrheit oder des Seins zu gelangen, in dem man sich eben irgend etwas "einwirft" - ist trügerisch. Sollte es um Kreativität gehen... dafür gibt es weitaus bessere Methoden. Als Argument für den Drogenkonsum ist die Suche nach Erkenntnis nicht tragfähig - auch dann, wenn so manche Einsicht im Traum entsteht, das Unterbewusstsein also zweifellos eine grosse Rolle spielt. Aber ich denke, die tieferliegenden Motive aus dem "Land der Träume" sind eher Probleme mit sich selbst. Da ist jemand, der mit sich und seinem Leben nicht (mehr) klar kommt, seine ungeklärte Wut gegen sich und andere richtet - und dabei urteilt und verurteilt, ohne irgend etwas wirklich Konstuktives zu schaffen. Konflikte mit sich selbst und anderen - ungeklärt, nicht bewältigt, also belastend. Der Weg in das Land der Träume ist nichts anderes als Flucht aus dem unerträglichen Leben. "Noch bevor ich das erste mal Kontakt zu Drogen hatte, hielt ich nichts vom Leben", schreibt er. Und jetzt wohl auch nicht.
"Bewusstseinserweiternd wirken Halluzinationen so, dass man anfängt Dinge zu verstehen oder sich über Dinge Gedanken zu machen. Aber es hat viel mit der Psychologie zu tun." - Eine interessante Aussage. Nur, was er da verstanden hat, ist nicht klar. Zumindest scheint es nicht klar geworden zu sein, dass Halluzinationen nur Täuschungen sind - die Wahrnehmungspsychologie dagegen zeigt uns anschaulich, dass die Dinge eben oft nicht so sind, wie es scheint. Manche Täuschungen lösen sich nicht auf, so genau man auch hinschauen mag - die Wissenschaft bedient sich deshalb verschiedener Methoden, um herauszufinden, wie es denn nun wirklich ist. Das Experiment spielt dabei eine grosse Rolle, aber auch die kritische Auseinandersetzung mit dem je eigenen Erkenntnishorizont. Das Ziel dabei ist aber nicht "noch mehr Täuschungen" zu produzieren, sondern "hinter die Täuschungen" zu gelangen. Halluzinogene führen hier also gerade in die falsche Richtung - und es ist ein mühsames therapeutisches Unterfangen, den Blick für die Realität neu zu entwickeln, die vielen verzerrten Wahrnehmungsmuster wieder zu korrigieren, die sich durch den Drogenkonsum entwickelt haben. Sich Halluzinogene einzuwerfen ist leicht - sich davon wieder zu lösen setzt voraus, immer wieder kritisch zu überprüfen, ob die Spinne, die da auf dem Boden krabbelt, wirklich da ist, ob die Türklinke sich wirklich bewegt und die Ameise auf dem Bildschirm vielleicht nur eine optische Täuschung ist. -
Dem Vorschlag, "Selbstmord auszuprobieren" kann ich mich absolut nicht anschliessen. Was heisst denn hier "ausprobieren"? Wenn es gelingt, war es das. "Da wäre die Welt wohl schöner" - ganz bestimmt nicht. Alles, was auf der Welt schön ist, ist entweder natürlich oder von Menschen geschaffen, die sich eben nicht umgebracht haben, sondern einen Sinn in ihrem Leben sehen, sich für etwas einsetzen, etwas tun. "R.V." hat sicher noch keine Entscheidung getroffen, ob er wirklich leben will. Weit davon weg, zu erkennen, dass das Leben eben nicht nur aus Spass besteht, ist absehbar, dass die Probleme noch grösser werden müssen, bis ihm vielleicht die Einsicht dämmert, irgendwie in einer Sackgasse gelandet zu sein. Drogen werden ihm sicher nicht helfen, das Problem zu erkennen, denn sie SIND das Problem. Je länger es dauert, um so schwieriger wird es, damit wieder aufzuhören. Möglich ist es. Wer die Möglichkeit hat, Drogen zu konsumieren, aus Trotz gegen die Eltern, die Gesellschaft, oder aus anderen Motiven einen Weg beschreitet, sich selbst und immer mehr auch anderen Schaden zuzufügen, der hat auch die Möglichkeit, Nein zu sagen. Irgendwann hört der Spass auf - und wenn es soweit ist, entsteht vielleicht mit etwas Glück auch die Bereitschaft, endlich zur Besinnung zu kommen. Spass haben kann man auch ohne Drogen. Das ist eine Tatsache. Vielleicht muss irgend jemand das dem einen oder der anderen einfach mal sagen.

Veröffentlicht in Prävention

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