Drogenkonsum als gesellschaftliche Normalität

Veröffentlicht auf von Methusalem

Merkwürdig mag der Titel klingen, bezeichnet aber die Realität. In Deutschland (und nicht nur dort) ist der Konsum von Drogen in der Gesellschaft völlig normal. Mit Drogen meine ich dabei Substanzen, die Suchtpotential haben, Alkohol, Nikotin und Koffein gehören also konsequenterweise auch dazu.
Rund um den Artikel über DHM als Modedroge hat sich eine rege Diskussion entwickelt. Das ist erfreulich auf der einen Seite, wirft aber auch Fragen auf. Offen gestanden habe ich nicht auf alle Aspekte eine Antwort - die schwierigste ist vielleicht, zu erklären, warum manche Drogen verboten sind und andere nicht.
Vielleicht kommen wir einer Antwort näher, wenn wir berücksichtigen, dass es eben gewisse Unterschiede gibt, was die Gefährlichkeit und das Ausmass des Suchtpotentials betrifft. Allzu weit allerdings auch nicht, denn das Suchtpotential von Alkohol und Nikotin ist sehr hoch - und trotzdem sind sie legal.
Mein Eindruck ist, dass sich in der Diskussion um DHM stellenweise auch Generationenkonflikte widerspiegeln. In den späten 70er Jahren hatte ich das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gelesen. Die beschriebene Realität der Heroinszene in Berlin war für mich abschreckend genug, um mit Drogen nichts zu tun haben zu wollen. Dass es irgendwo Leute gab, die auf Rockkonzerten Haschisch konsumierten, interessierte mich nicht besonders.
Heute aber leben wir in einer anderen Welt - es gibt Designerdrogen, eine wesentlich höhere Wirkstoffkonzentration der Cannabisvarianten, die man in Coffeeshops "à la carte" auswählen kann und neue Medikamente, die es früher nicht gab. Der Kontakt zu Suchtmitteln findet immer früher statt, und eines kann man sicher sagen: es macht einen Unterschied, in welchem Alter, in welchem Entwicklungsstand eine bestimmte Substanz konsumiert wird. Und - nicht jeder Mensch reagiert auf eine bestimmte Substanz auf dieselbe Art und Weise. Es gibt Menschen, die bis ins hohe Lebensalter hinein regelmäßig geringe Mengen Alkohol trinken und sich dabei sehr wohl fühlen. Andere sind schon mit 17 Jahren so abhängig, dass sie eine Entgiftung und eine anschließende stationäre Entwöhnungstherapie dringend brauchen. Ich zweifle daran, dass ein vollständiges Alkoholverbot politisch durchsetzbar wäre. Die Schwierigkeiten beginnen ja schon dort, wo es um Alkohol am Steuer geht. Immer wieder wird in den Nachrichten von Unfällen berichtet, die durch Alkohol verursacht werden. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass das Gesichtsfeld durch Alkohol eingeschränkt wird, die Reaktionszeiten länger sind. Abbau von Hemmungen, erhöhte Risikobereitschaft, Leichtsinn... erzählen kann man viel, belegen auch, aber selbst ein prominenter Unfalltoter wie Falco ändert nichts daran, dass immer wieder mehr konsumiert wird als erlaubt. Was bringen also Verbote?
Verbote schrecken manche ab, die ihren Führerschein nicht verlieren wollen, Strafen dienen dazu, unserem Gefühl für Gerechtigkeit genüge zu tun. Trotzdem sterben immer wieder Menschen, weil das Bedürfnis nach Alkohol und/oder Drogen stärker ist als der Sinn für Verantwortung, stärker als die Vernunft.
Die soziale Realität zeigt mehr als deutlich, dass Verbote die Sucht nicht verhindern können - wäre es anders, dürfte es keine Abhängigkeit von illegalen Drogen geben. Ob es jemals gelingen wird, das Phänomen Sucht "in den Griff" zu bekommen, ist mehr als zweifelhaft. Im Grunde wissen wir viel zu wenig über die Zusammenhänge, die Wirkmechanismen und die innere Dynamik der einzelnen Stoffe. Vor allem, wenn mehrere Substanzen zusammentreffen, sind die Folgen oft schwer abzuschätzen.
Ein wichtiger Aspekt in der Diskussion um Drogenkonsum ist die Frage nach Motiven.
Ich möchte deshalb hier einen Auszug aus den Kommentaren im Blog von Winfried Schley zitieren:

"Seit Anbeginn der Menschheit gehörten Rauschmittel immer zu unserem Leben. Das Spirituelle, die Öffnung zur einer höheren Sphäre oder einfach dieses Gefühl, für einen kurzen Augenblick das wirklich Wichtige zu sehen ist für viele Personen von großer Bedeutung. So auch für mich. Ich konsumiere selbst diverse psychoaktive Substanzen schon seit längerer Zeit. Und nein, ich bin kein körperliches und psychisches Wrack. Nein, ich nehme diese Substanzen nicht um dieser Welt zu entfliehen oder mir eine schönere zu erschaffen. Nein, ich bin nicht arbeitslos, arm und/oder asozial. Genauso wenig fühle ich mich durch den Konsum cool oder ähnliches. Rauschmittel sind für mich Schlüssel, die mir die Welt aus einem anderen Blickwinkel zeigen. Sie öffnen Tore in Dimensionen, die unserem rationalen Verstand verschlossen bleiben. Wie viele andere auch - habe ich Dinge gesehen, Gefühle gefühlt, Emotionen gespürt, grundlegende Wahrheiten erfahren die mich in meinem Leben, meiner Entwicklung als Mensch, enorm weitergebracht haben."

Hinweise auf schamanistische Rituale, in denen Fliegenpilze, Hexensalben und ähnliche Mittel eingesetzt wurden, gehen mehr als 50000 Jahre zurück - die Gewinnung von Alkohol hat eine Tradition von etwa 10000 Jahren. Rauschmittel im weitesten Sinne gibt es also wirklich schon sehr lange. Die Diagnose "Abhängigkeitserkrankung", die Anerkennung von Alkoholabhängigkeit als Krankheit dagegen ist erst wenige Jahrzehnte alt. Neuere Formen wie die Internetabhängigkeit als Beispiel für "nicht stoffgebundene Süchte" werden noch wenig berücksichtigt - in Diagnosesystemen und im therapeutischen Kontext spielen sie (noch) eine sehr geringe Rolle.
Das Zitat zeigt mit der Betonung des Spirituellen eines der ältesten Motive für den Konsum von Drogen überhaupt. Wenn man dem Gedanken folgen mag, dass hinter jeder Sucht eine Sehnsucht steckt, stellt die Frage nach der Transzendenz ein wichtiges Motiv dar. Dort, wo wir aus verständlichen Gründen vor dem Konsum von Drogen warnen, bleibt die Frage stehen, welche Alternativen es denn gibt, dieses urmenschliche Bedürfnis abzudecken. Das Argument an sich ist für nicht neu - auch dann wenn sich massive Probleme durch den Drogenkonsum ergeben haben, erzählen manche von Erfahrungen unter Drogeneinfluss, die sie nicht missen möchten. Verlockend mag es sein, das alles selbst zu erleben, verständlich zunächst die Begeisterung, die Sigmund Freud empfand, als er mit Kokain in Berührung kam. DIe Begeisterung hielt nich lange an und die spätere Variante, sich für einen kontrollierten Konsum von Drogen einzusetzen, ist längst Geschichte. Timothy Leary verteilte Drogen an seine Studenten, um ihnen außergewöhnliche Erfahrungen zu ermöglichen - und wurde 1970 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Halten Drogen, was sie versprechen? Bringen sie wirklich jene Bewusstseinserweiterung, die sich manche von ihr versprechen?
Im Jahr 2005 wurde auf ARTE die Sendereihe "Gehirn unter Drogen" ausgestrahlt. Auszüge sind im Internet abufbar. Wenn man sich die gravierenden Folgen bestimmter Drogen vor Augen führt, über die heute wesentlich mehr bekannt ist, dann wird die Vorstellung "durch Drogen zur Bewusstseinserweiterung" mehr als fragwürdig. Der subjektive "Kick", der in der Anfangszeit als ein tolles Erlebnis erscheint, wird sehr schnell zur Falle. Auf einen kompletten Abriss der Neurobiologie verzichte ich hier - wissenschaftlich präzise zu sein erfordert eine längere Recherche und eine einigermassen exakte Darstellung wird notwendigerweise kompliziert. Ich nehme also zunächst einfach spontan Stellung - die angebliche Bewusstseinserweiterung durch psychoaktive Substanzen überzeugt mich nicht. Zuzulassen, dass irgendwelche Substanzen an meinen Synapsen herumbasteln und die Biochemie meines Gehirns durcheinanderbringen - dazu habe ich absolut keine Lust.
Der Umgang mit psychoaktiven Substanzen ist eine schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe - und es ist ein großer Unterschied, ob im Rahmen medizinischer Behandlung begrenzt und kontrolliert Medikamente verarbreicht werden oder "wild und unkontrolliert" mit scheinbar harmlosen Substanzen experimentiert wird.
Wenn sie wirklich harmlos sind, "bringen" sie nicht viel - wenn sie aber etwas bringen, also wirklich massiv in das Erlebnisvermögen eingreifen, dann sind sie mit Sicherheit auch gefährlich. Selbst dann, wenn nicht alle durch den Konsum von Cannabis in eine drogeninduzierte Psychose rutschen - die Gefahr ist einfach da.
Wer selbst für sich den Eindruck hat, seinen eigenen Drogenkonsum "im Griff" zu haben, handelt trotzdem fahrlässig, wenn er Drogen an andere weitergibt, sie zum Konsum animiert. Denn was dadurch im Einzelfall wirklich ausgelöst wird, ist nie abzusehen. Zugestanden - das Klischee vom Drogenkonsumenten als "Fixer an der Nadel" ist schon lange nicht mehr zeitgemäss. Wenn man sich aber mit Dutzenden von Drogenkarrieren wirklich beschäftigt hat, zeigt sich doch immer wieder dasselbe Bild. Meistens fängt es "ganz harmlos" an. Und so harmlos der Konsum von Cannabis auch erscheinen mag (die meisten hören ja von selbst wieder damit auf) - der Schritt in die Illegalität ist getan und in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen. Das Motiv, intensiver zu erleben, Wahrheit zu finden, sich zu entwickeln, das ist menschlich, verständlich und unterstützenswert. Es gibt aber auch andere, bessere Wege, den Horizont zu erweitern. Reisen. Sich mit anderen Kulturen beschäftigen, Menschen kennen lernen, die in einer ganz anderen Welt leben. Philosophie. Kunst. Literatur. Musik. Das Bedürfnis, sich zu entwickeln... sehr menschlich. Die Frage ist: wohin? Der typische Effekt bei Suchtmitteln ist die nachlassende Wirkung - deshalb entsteht ja erst das Bedürfnis, immer häufiger und immer mehr zu konsumieren. Die angenehme Hauptwirkung lässt nach, die unangenehmen Nebenwirkungen treten immer schneller auf und werden immer gravierender. Bis eben der Stoff nötig wird, um einfach nur das Leben auszuhalten - der Preis ist einfach zu hoch für einen zweifelhaften Gewinn. Solche Erfahrungen haben vielleicht wenig Überzeugungskraft für Menschen, die "noch am Anfang" stehen, die tatsächlich noch etwas spüren, wenn sie sich irgend etwas einwerfen. Eine Zeit lang, ein paar Jahre vielleicht, kann es wirklich Spass machen. Aus der Erfahrung als Suchttherapeut kann ich allerdings die entwicklungsfördernde Wirkung absolut nicht bestätigen. Im Gegenteil - vor allem das Gefühlsleben verflacht enorm. Und dann kommen Einsichten wie "ich muss mich selbst erst mal kennen lernen", "ich muss mich erst wieder daran gewöhnen, dass ich überhaupt etwas empfinde". Wenn sich 25-Jährige, die ja "nur Cannabis" konsumiert haben, verhalten wie 13-Jährige, scheint die Schlussfolgerung, dass sie durch den Drogenkonsum in ihrer Entwicklung geradezu stehen geblieben sind, weitaus zutreffender. 
Einen Aspekt möchte ich noch ansprechen, der sich auf das Thema "Bewusstseinserweiterung" bezieht.
Die "Pforten der Wahrnehmung", die sich unter Drogeneinfluss "öffnen", Dinge erfahrbar machen, die sonst nicht erfahrbar sind... öffnen sich gern in das psychotische Erleben hinein. Das mag witzig sein, in der Überzeugung zu leben, wie ein Vogel durch die Lüfte zu schweben oder durch die Macht der Gedanken die Lichter einer Großstadt bewegen zu können. Die Kippe in den Albtraum ist allerdings nicht weit.
Und der Sprung des Vogels aus dem Fenster setzt der Bewusstseinserweiterung dann doch ein jähes und unter Umständen endgültiges Ende.

"Mit ausreichend Informationen und dem nötigen Respekt kann man die Gefahren minimieren und so einen größtenteils unbedenklichen Rausch genießen. Vorausgesetzt der Konsum bleibt in einem gewissen Rahmen."

Das war ein weiteres Zitat aus den Kommentaren zum Thema DHM. Damit wird ein schwieriges Thema angesprochen - die Frage nach dem kontrollierten Konsum. Am Beispiel Alkohol lässt sich vielleicht zeigen, wo das Problem liegt: je nach Körpergewicht verändert sich die Menge, die nötig ist, um einen Rauschzustand überhaupt zu erreichen. Dazu kommt, das nicht jeder Körper auf Alkohol in derselben Weise reagiert - und die Toleranzsteigerung leistet ein Übriges. Insgesamt müsste ich also eine Menge wissen, um den "gewissen Rahmen" genau abstecken zu können, in dem ein "unbedenklicher Rausch" möglich ist.
Und gerade weil das so ist, weil ich nie genau wissen kann, wie welche Substanz bei welchem Menschen mit welchem Körper, welchem Körpergewicht, welchem Mageninhalt und welcher psychischen Verfassung, welchen vorgangegangenen möglicherweise traumatischen Erlebnissen wirkt, genau deshalb vertrete ich die Auffassung, dass es einen "unbedenklichen Rausch" einfach nicht gibt.

"Nicht alle Rauschmittel sind gleichzeitig Suchtstoffe, warum auch? Basiert wieder auf Unwissen. Des weiteren wird davon ausgegangen, dass jegliche Einnahme psychotroper Substanzen fast schon zwangsläufig eine Abhängigkeit hervorruft." - das ist noch ein Zitat aus den Kommentaren, das ich nicht wirklich beantworten kann. Welche Rauschmittel sind keine Suchtmittel? Ohne ein konkretes Beispiel kann ich dazu nichts sagen. Es gibt Unterschiede zwischen den einzelnen Substanzen. Nicht jeder, der ein Glas Bier trinkt, ist damit schon alkoholabhängig. Bei Heroin sieht das schon anders aus. Nicht jede Substanz erzeugt psychische UND körperliche Abhängigkeit. Für eine fundierte Diskussion bleibt also nur, die Substanz genau zu benennen, um die es jeweils geht.

Ich hoffe, dass die Auseinandersetzung weiter geht...

 

Veröffentlicht in Suchttherapie

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Methusalem 05/01/2008 22:00

Ich will auch nicht "so werden". Mir drängt sich aber auch immer wieder die Frage auf, wie trist der Alltag sein muss, wie schwer die subjektive Realität auszuhalten sein muss, wenn der Wunsch nach psychotischen Erlebnissen so stark wird, dass erhebliche Risiken dafür in Kauf genommen werden. Dort, wo die Realtität nicht mehr auszuhalten ist, das Leben nicht mehr lebenswert ist, sollte ein unterstützendes Netzwerk da sein - und wenn es nur Gleichgesinnte gibt, die ebenfalls konsumieren, wird das Problem noch größer. Der Gang zu einer Beratungsstelle erfolgt meist sehr spät - wenn es wirklich nicht mehr geht. Im Grunde zeigt sich hier das Versagen einer Gesellschaftsordnung, die Jugendliche in einer kritischen Phase letzten Endes doch allein lässt.So lange, bis sie wirklich ein ernstes Problem haben, straffällig geworden und erwischt worden sind, eine Störung mit Krankheitswert entwickelt haben.

madame federkiel 05/01/2008 18:55

Dem ist nichts hinzuzufügen! Das ist auch meine Erkenntnis. Wenn ich die Leute im Stadium der "Bewußtseinserweiterung" erlebt habe, habe ich immer gedacht, dass ich so nie werden möchte!  ;o)

Methusalem 05/01/2008 15:09

Das hoffe ich auch, Herr Schley, nachdem ich über die Substanz nachgeforscht habe, kann ich ihr überhaupt nichts mehr abgewinnen. Wenn irgendein nennenswerter Effekt auftreten soll, muss die Dosierung entsprechend hoch sein. Und die Gefahr, dabei in einer Psychose hängen zu bleiben, steht einer wertlosen Sinnestäuschung gegenüber, die häufig zu einer deutlich unangenehmen Erfahrung wird...

Winfried Schley 05/01/2008 06:51

Danke! Hoffentlich liest das auch der eine oder andere Schüler unserer Schule, wo ja gerade heiß über meinen Artikel Modedroge DHM  debattiert wird.