Hoffnung - oder: die Vernunft des Unvernünftigen

Veröffentlicht auf von Methusalem

Es ist gar nicht so einfach, dem Gefühl der Hoffnung auf den Grund zu gehen... als Gegenstück zur Verzweiflung scheint sie manchmal einfach da zu sein, auch wenn nicht erkennbar ist, warum das so ist. Dem Zusammenhang von Denken und Fühlen nachzugehen führt dann bald zu der Einsicht, dass es wohl Gründe geben muss, wenn ein Mensch Hoffnung empfindet. Es gibt da etwas, auf das es sich zu hoffen lohnt, einen oder mehrere Gedanken, die Hoffnung als Gefühl vermitteln. Hoffnung ist auf die Zukunft gerichtet, erwartet ein wünschenswertes Ereignis. Während die Erwartung, dass etwas Schlimmes geschehen wird, Angst auslöst, begründet die Erwartung, dass etwas Angenehmes geschehen wird, die Hoffnung auf ein bestimmtes Ereignis. Hoffnung ist das tragende Gefühl der Optimisten - und hat immer einen Hauch des Unrealistischen, weil sie sich auf etwas bezieht, das noch nicht Gegenwart, noch nicht Realität geworden ist. Konsequenter Realismus, die radikale Umsetzung des Prinzips "ich glaube nur, was ich sehe", entzieht also dem Optimismus und der Hoffnung den Boden. Hoffnung ist ein Wagnis - sie geht über das konkret Erfahrbare stets hinaus. Historisch betrachtet ist sie geradezu ein Überlebensprinzip - und der Motor für Entwicklungen aller Art. Keine Erfindung, keine Institution, kein Unternehmen wäre entwickelt bzw. gegründet worden, wäre da nicht zumindest ein Hauch von Hoffnung gewesen, dass das Projekt von Erfolg gekrönt sein könnte - und in Zeiten, in denen der Erfolg fragwürdig wurde, blieb vielleicht kaum mehr als die Hoffnung auf den Durchbruch - der ohne die Hoffnung nie erfolgt wäre, wenn er schließlich gelang. So betrachtet ist Hoffnung nicht nur einfach ein Gefühl, sie ist eine Frage der Einstellung. Und sie trägt auch dort, wo wie viele Dinge einfach nicht gelingen wollen, gibt die Kraft, dort weiter zu machen, wo die gewünschten Ergebnisse noch nicht sichtbar sind. Hoffnung scheint etwas Unvernünftiges zu haben - aber sie gibt entscheidende Impulse zur Lebensgestaltung. Ohne Hoffnung macht das Leben wenig Sinn und wird wenig Sinnvolles finden - schon gar nicht entwickeln können. Hoffnung zu haben, hoffen zu können, ist damit etwas Elementares - Lebensnotwendiges.
Die Fähigkeit zu hoffen lässt sich lernen - sie beruht auf einer Erkenntnisentscheidung, die das Mögliche als wahrscheinlich annimmt und das Bessere erwartet. Verzweiflung hat eher damit zu tun, das Schlechtere zu erwarten, egal wie wahrscheinlich es objektiv betrachtet ist. Die Ungewissheit über das, was tatsächlich geschehen wird, ist beiden Gefühle eigen - der Unterschied liegt in der Perspektive.
Hoffnung hat auch dann ihre Rationalität, wenn sie irrational erscheint - einfach deshalb, weil sie das Wohlbefinden fördert. Die kritische Betrachtung fordert aber wenigstens eine minimale empirische Grundlage für die Behauptung, dass das Erhoffte auch wirklich eintreten kann. An etwas extrem Unwahrscheinliches zu glauben fällt schwer.
Hoffnung ist zunächst einmal etwas Natürliches und Gesundes - die Grenze zur problematischen Hoffnung und der Übergang zum Realitätsverlust ist schwer exakt zu benennen. Wer allerdings die Erfahrung gemacht hat, dass auch extrem unwahrscheinliche Ereignisse eintreten können, stösst auf ein seltsames Phänomen, das sich nur mit dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeihung erklären lässt. Wer darauf hinarbeitet, etwas sehr Unwahrscheinliches zu erreichen, kann damit durchaus Erfolg haben - solange die Hoffnung besteht, dass dieses Unwahrscheinliche tatsächlich eintreten wird. Vernünftig wird Hoffnung also durch das objektiv Mögliche - nicht durch das Wahrscheinliche.
Als motivierende Kraft gewinnt Hoffnung vor allem dort an Bedeutung, wo das Wünschenswerte durch eigene Bemühungen wahrscheinlicher werden kann. Der Weg aus einer Gefühlslage, die von Verzweiflung geprägt ist, führt also am einfachsten über die Erkenntnis der eigenen Möglichkeiten, die Zukunft und das, was geschehen wird, im Sinne des Gewollten zu beeinflussen. Dort wird Hoffnung pragmatisch: aus der Frage "was kann ich hoffen?" wird dann die Frage "was kann ich tun, um das, was ich gerne erleben würde, warhscheinlicher zu machen?". Dass Entwicklungen, die wir nicht beeinflussen können, den eigenen Wünschen entgegen kommen, können wir nie ausschliessen - auch unter extrem ungünstigen Bedingungen gibt es also immer Grund zur Hoffnung. Und dort, wo wir etwas tun können, erst recht.

Veröffentlicht in Gefühle

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Methusalem 04/14/2008 20:49

Tja, von nichts kommt nichts... über Hoffnung, Kausalität, Verantwortung und Handlungsfähigkeit könnte ein wahrer Philosoph bestimmt einen dicken Wälzer schreiben... zunächst einmal ist es ja schon ein Schritt, das möglicherweise verschüttete Gefühl der Hoffnung durch das Aufzeigen von Möglichkeiten und Perspektiven wieder lebendig werden zu lassen.. und auch in schwierigen Zeiten den Mut zum Träumen nicht zu verlieren. Dann findet sich auch die Kraft zum Handeln... hoffe ich.lg Rolf

équilibriste 04/14/2008 20:35

Dann muss man das, was man tun kann aber auch tun (s. deine powepoint-präsentation), ist für viele gar nicht so leicht... schon wieder Eigenverantwortung...lg, nicole