Gewalt in der Familie - Neues im Familienhandbuch

Veröffentlicht auf von Methusalem

"Ich bin ein ganz besonderer Türke", sagte mal einer zu mir. "Inwiefern?", wollte ich wissen. Und seine Antwort: "ich schlage keine Frauen". Also - dass Männer Frauen und Kinder schlagen, das gibt es in Deutschland auch. Die Hilfslosigkeit dahinter ist ein Thema für sich, die Legitimation der Gewalt ein Phänomen, das ein dunkles Licht auf die männliche Psyche schlechthin wirft. Jener junge Mann, dessen Vater aus der Türkei nach Deutschland kam, hat für sich die Notwendigkeit erkannt, sein Verhältnis zu Frauen neu zu überdenken und dabei in der kritischen Distanz zu seinen kulturellen Prägungen ein neues Verständnis seiner Männlichkeit und seiner Rollengestaltung zu entwickeln.

"Frauen und Kinder werden in vielen Haushalten von Ehemännern/Partnern geschlagen, vergewaltigt und unterdrückt. Rund 25 % aller Frauen in Deutschland haben körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Beziehungspartner erlebt." - Dieses Zitat stammt aus dem Online-Familienhandbuch, das in letzter Zeit ergänzt worden ist. Eine neue Boschüre beschäftigt sich mit dem Thema häusliche Gewalt in deutscher und türkischer Sprache. Die Broschüre heisst "Mehr Mut zum Reden - von misshandelten Frauen und ihren Kindern."

Was ist mit den Männern los? Als Denkanstoss und Ergänzung zur Hilfe für Frauen und Kinder möchte ich kurz ein Modell aus dem "Duluth-Programm zur Unterbindung häuslicher Gewalt" skizzieren. 



Macht und Kontrolle - Männliche Strategien in der Beziehung zu Frauen


Einschüchterung

Er macht ihr Angst durch Blicke, Handlungen und Gesten, indem er 
- Dinge zertrümmert, 
- ihre Sachen zerstört,  
- Haustiere schlägt, 
- mit Waffen herumspielt (da genügt auch ein Messer)


Emotionale Erpressung

Er macht sie fertig, indem er 
- ihr einredet, sie sei schlecht
- sie beschimpft,
- sie glauben macht, sie sei verrückt
- Psychospielchen treibt
- sie erniedrigt
- ihr Schuldgefühle einredet


Isolation

Er bestimmt, was sie tut, mit wem sie spricht, was sie liest und wohin sie geht. 
Er beschränkt ihren Kontakt zur Aussenwelt. 
Er rechtfertigt sein Tun mit Eifersucht.


Minimalisieren, verleugnen und beschimpfen

Er spielt das Fertigmachen der Partnerin herunter,
leugnet die Herabwürdigung, wälzt die Verantwortung für den Missbrauch ab, 
behauptet, sie sei dafür verantwortlich.


Instrumentalisierung der Kinder

Er verursacht ihr Schuldgefühle wegen der Kinder, 
benutzt die Kinder als Zwischenträger,
benutzt Besuch der Kinder, um Ex-Frau zu belästigen,
droht die Kinder wegzunehmen


Beharren auf männlichem Vorrang

Er behandelt sie wie eine Bedienstete. 
Er trifft alle wichtigen Entscheidungen.
Er spielt sich als Hausherr auf. 
Er masst sich an, die Rolle des Mannes und der Frau zu definieren.


Ökonomischer Druck

Er hindert sie daran, einen Job anzunehmen oder zu behalten, 
lässt sie um Geld bitten,
gibt ihr einen monatlichen Fixbetrag, 
nimmt ihr Geld an sich,
verweigert Auskunft über das Familieneinkommen,
verweigert den Zugang zum Familieneinkommen.


Nötigung und Drohungen

Er stößt Drohungen gegen sie aus (oder setzt sie in die Tat um), 
droht, sie im Stich zu lassen,
Selbstmord zu begehen, 
sie bei den Behörden anzuzeigen.
Er zwingt sie, Vorwürfe zurückzunehmen und ungesetzliche Dinge zu tun

Soweit die Sammlung von Beispielen, welche Formen häusliche Gewalt annehmen kann. Das Duluth-Modell ist damit aber nicht vollständig erklärt, denn es gibt auch ein Gegenstück, das Ansatzpunkte für gewaltlose Umgangsformen aufzeigt.   


Gleichberechtigung
 


Nichtbedrohliches Verhalten

Er spricht und handelt so, dass sie sich sicher und wohl fühlt, sich frei ausdrücken und handeln kann. 


Achtung

Er hört ihr vorurteilsfrei zu.
Er verhält sich ihr gegenüber konstruktiv und verständnisvoll.
Er lässt ihre Meinung gelten.


Vertrauen und Unterstützung

Er unterstützt ihre Lebensziele.
Er respektiert ihr Recht auf eigene Gefühle, Feunde und Freundinnen, Aktivitäten und Meinungen


Ehrlichkeit und Verantwortlichkeit

Er übernimmt Verantwortung für sein Tun,
räumt vergangenes Fehlverhalten ein,
räumt Schwächen ein,
kommuniziert offen und wahrheitsgemäss.


Verantwortungsvolle Elternschaft

Eheliche Pflichten werden geteilt.
Er nimmt die Rolle an, Verhaltensvorbild für die Kinder zu sein.


Gemeinsame Verantwortung

Beide Partner treffen eine Vereinbarung über die gerechte Aufteilung anfallender Arbeiten.
Familienentscheidungen werden gemeinsam getroffen.


Wirtschaftliche Gleichberechtigung

Finanzielle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.
Beide Partner profitieren von finanziellen Arrangements gleichermassen.


Verhandlungsbereitschaft und Fairness

Für Konflikte werden für beide Seiten befriedigende Lösungen gesucht.
Veränderungen werden angenommen.
Kompromissbereitschaft wird von beiden Seiten ausgeübt.

 

Was kann man mit diesem Modell anfangen? Es kann ein Anfang sein, die Bedingungen und Hintergründe familiärer Gewalt genauer zu erkennen und damit nicht nur die einzelnen Problemfelder zu beschreiben, sondern auch Ansatzpunkte für ein neues Rollenverständnis zu entwickeln. Ich hoffe, dass immer mehr junge Männer (egal aus welcher Kultur sie stammen) den Mut finden, die Kette der Gewalt zu durchbrechen. Wer selbst mit Gewalt erzogen wurde, muss nicht notwendigerweise dasselbe mit den eigenen Kindern tun! Zum Schluss ein Literaturtipp zur weiterführenden Auseinandersetzung mit dem Thema Männlichkeit: Steve Biddulph (1996). Männer auf der Suche. München: Beust Verlag.  


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Veröffentlicht in Prävention

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