Wer bin ich?

Veröffentlicht auf von Methusalem

Wolfgang Ambros? "I bin´s net", sang er mal. Und erläuterte dazu: oft wissen wir eher, wer wir nicht sind. Das aber ist auch ein Stück Selbsterkenntnis. Wer nicht irgendwann in seinem Leben über diese Frage stolpert und ernsthaft nach einer Antwort sucht, hat irgendwie etwas verpasst. Und wer eine klare kurze Antwort gefunden hat, wird bald feststellen, dass diese Antwort nicht viel nützt. 
Daten, Zahlen, Fakten. Name, Geburtsdatum, Geburtsort und so weiter - biographische Daten also dienen der Feststellung der Identität, aber was ist damit wirklich ausgesagt? Äußerlichkeiten... aber kaum etwas von dem, was man Identität nennen kann. 
Und so machen sich also manche auf die Suche nach sich selbst, reisen vielleicht um die ganze Welt, spazieren barfuss durch Ägypten, klettern auf einen Berg oder lernen Aikido, um sich selbst zu finden. Einen traf ich, der die drei elementaren Gegenstände erkannte, die er zum Leben brauchte, und in diesen drei Gegenständen bestand dann auch sein ganzes Gepäck. Ein Schlafsack, eine Zahnbürste und - eine Tafel Schokolade. Immerhin hat dieses Experiment zur Beschränkung auf das Wesentliche etwas für sich, denn die Frage dahinter lautet: was brauche ich wirklich zum Leben?

Der Gegenpol zu dieser Lebenweise hat in der Psychologie einen netten Begriff gefunden: symbolische Selbstergänzung. Wer sich selbst also irgendwie unvollständig fühlt, meint etwas zu brauchen, lässt sich eben neben einem noblen Auto fotografieren - auch wenn es nur geliehen ist oder zufällig mehr oder weniger unbeaufsichtigt auf einem Parkplatz steht. Andere schmücken sich mit Titeln, bis man die vielen Dokotorgrade nicht mehr zählen kann, wieder andere schmücken sich mit Tattoos und Piercings bis zur Unkenntlichkeit. Im Zeitalter immenser Möglichkeiten zur Individualisierung sind die Lebensstile sehr vielfältig, die Frage "wer bin ich" ist also sehr direkt verknüpft mit der Frage "wie will ich leben?". 
Orientierungsmöglichkeiten, Wahlmöglichkeiten, erkennbare Vielfalt, das "wer bin ich" wird begleitet von der Frage "wie will ich sein?". Vielleicht ist schon deutlich geworden, dass Selbsterkenntnis auch etwas mit Selbstbestimmung zu tun hat - wer ich bin, was ich werde und wie ich mein Leben gestalte, das ist nicht vorherbestimmt, sondern in vielen Bereichen offen. Die Möglichkeiten nehmen eine Zeit lang zu, um dann wieder enger zu werden - irgendwann im Leben zeigt es sich, dass es ziemlich schwierig wird, noch einmal "ganz von vorn anzufangen". Wie es so schön heisst... Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi. Über das bereits Gezeichnete lässt sich dann so manche Erkenntnis gewinnen - die biographische Selbstreflexion, das Nachdenken über das eigene Leben bietet eine Fülle möglicher Einsichten über das Selbst. So zumindest, wie es sich bisher entwickelt hat, mehr oder weniger bewusst gestaltet, mehr oder weniger durch andere Menschen, die Gesellschaft und die Umstände geprägt. Interessen, Neigungen, Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge, das Gelungene und das Scheitern, die ergriffenen wie die verpassten Chancen, Menschen, die mir begegnet sind und die Orte, an denen ich mich bewegte, alles zusammen formt immer stärker eine Gestalt, genannt "mein Leben". Die "innere Geschichtsschreibung" ist dabei nie abgeschlossen, das Selbst als Sammlung aller Antworten auf die Frage, wer ich bin, ist stets ein Entwurf, der sich immer wieder erneuert und verändert. Das, was konstant bleibt, was sich wie ein roter Faden durch das Leben zieht, berührt und verdeutlicht den Kern der Persönlichkeit - manche Persönlichkeitsmerkmale verändern sich über einen langen Zeitraum so wenig, dass wir uns selbst und einander in ihnen erkennen. Es wäre auch ziemlich anstrengend, wenn sich die Menschen um uns herum ständig "von Grund auf" ändern würden. Die anderen - im Vergleich zeigt sich das Besondere, das Einmalige, aber auch das Gemeinsame, das Allgemeinmenschliche. "Ich" bin immer in gewisser Weise so wie alle anderen Menschen auch, und doch bin "ich" immer auch "anders", so wie niemand sonst auf der Welt. Vieles von dem, was ich über mich selbst in Erfahrung bringen kann, bleibt anderen Menschen verborgen - und vieles von dem, was andere in mir erkennen, bleibt mir verborgen. Die Frage "wer bin ich" lässt sich also auch ergänzen als "wer bin ich für wen?" und auch hier lässt sich weiterfragen: "wer will ich für wen sein?". 
Zu sich selbst zu finden ist ein Weg, sich im Leben zurechtzufinden - ändern können wir uns und werden wir uns, mehr oder weniger bestimmt durch die eigenen Absichten, Ziele und Handlungen. Aber ein anderer, eine andere zu sein - das geht nur als Schauspiel, als Rolle, als Maske. 
Das Echte, Authentische, bleibt bei allem, was ich über mich selbst herausfinden kann, ein Geheimnis.

Veröffentlicht in Lebenskunst

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