Was ist Gesundheit?

Veröffentlicht auf von Methusalem

Gesundheit ist, wenn man nicht krank ist. So einfach könnte man es verstehen. Etwas anspruchsvoller ist die Definition der WHO vom "vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefinden". Gesund bin ich dann, wenn es mir gut geht, wenn ich mich wohl fühle. In der Enzyklopädie wikipedia finden sich noch mehr Hinweise auf die verschiedenen Aspekte der Gesundheit. Die Frage nach einer gesunden Lebensgestaltung findet damit viele Ansatzpunkte und verschiedene Aspekte. 
Prävention und Psychoedukation sind Themen, sich um Gesundheit zu bemühen und immer wieder der Frage nachzugehen, was denn nun eigentlich ein gesundes Leben ist. Ein grundsätzliches Problem dabei ist die Vorstellung, Gesundheit sei zunächst einmal körperliche Gesundheit und verantwortlich dafür sei eben der Arzt. Also: wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt und der macht mich wieder gesund. Die Haltung, selbst etwas für die eigene Gesundheit zu tun, für die körperliche und die psychische Gesundheit selbst verantwortlich zu sein, ist eher selten.  
Wie kann eine gesunde und selbstverantwortliche Lebensgestaltung aussehen? 
Die Definition der WHO aus dem Jahr 1946 hat ihre Stärken und Schwächen - sie ist bereits mehrfach kritisiert worden, gibt aber auch nicht mehr den aktuellen Stand wieder. 
Mit der Veröffentlichung der ICF (International Classification of Functioning) folgt die Weltgesundheitsorganisation einem anderen Gesundheitsbegriff, der an den Begriff der "fully functioning person" bei Carl Rogers erinnert. 
Gesundheit wird hier mit als Funktionsfähigkeit beschrieben:


"Der Begriff der Funktionsfähigkeit eines Menschen umfasst alle Aspekte der funktionalen Gesundheit.
Eine Person ist funktional gesund, wenn - vor dem Hintergrund ihrer Kontextfaktoren -

1. ihre körperlichen Funktionen (einschließlich des mentalen Bereichs) und Körperstrukturen denen
eines gesunden Menschen entsprechen (Konzepte der Körperfunktionen und -strukturen), 

2. sie all das tut oder tun kann, was von einem Menschen ohne Gesundheitsproblem (ICD) erwartet
wird (Konzept der Aktivitäten), 

3. sie ihr Dasein in allen Lebensbereichen, die ihr wichtig sind, in der Weise und dem Umfang
entfalten kann, wie es von einem Menschen ohne gesundheitsbedingte Beeinträchtigung der Körperfunktionen oder -strukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (Konzept der Partizipation [Teilhabe] an Lebensbereichen)."

(International Classification of Functioning, Disability and Health. Deutsche Fassung: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. Das Copyright für die deutsche Übersetzung der ICF liegt bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO): © World Health Organization 2005) 

Für die Überlegungen zur Prävention und Gesundheitsförderung liefert die ICF sehr konkrete Ansatzpunkte und hat noch dazu einen weiteren Vorteil: mit dem Begriff der Teilhabe oder Partizipation ist nicht nur der zwischenmenschliche Bereich angesprochen, es lassen sich auch Umweltfaktoren erfassen. 
Gesundheit lässt sich damit eher als ein Prozess verstehen - mit dem Begriff der "Teilhabe" und dem Konzept der Aktivitäten ist außerdem eine Betrachtungsweise angedeutet, die sich von einer stark individualisierenden Sichtweise ablösen kann. Bislang wir meist eine Störung oder eine Krankheit als etwas betrachtet, das ein Individuum "hat" - demzufolge muss auch das Individuum behandelt werden. Die Umwelt bleibt aussen vor. Einsichten aus familientherapeutischen Ansätzen, die darauf hinauslaufen, dass auch ein System krank sein kann, sind nicht umsetzbar, denn bezahlt wird immer nur die Therapie des Individuums, das eine "Störung mit Krankheitswert" hat. Die logische Konsequenz in der Psychotherapie ist die Aufforderung, für sich zu sorgen, bei sich zu bleiben, sich selbst zu ändern... und auf gar keinen Fall zuviel darüber nachzudenken, ob die Lebensumstände, die sozialen Beziehungen, das Geflecht der sozialen Zusammenhänge, die die Möglichkeiten der Teilhabe einschränken, vielleicht ein wesentlicher Bestandteil der "kranken Prozesse" sind... 
Über eine gesunde Lebensführung nachzudenken bedeutet dann konsequenterweise, das Individuum stets inmitten seiner Lebensumstände zu verstehen - und die Frage zu stellen, welche Entfaltungsmöglichkeiten denn überhaupt real verfügbar sind. Alles "Kranke" stets nur im Individuum zu suchen, ist falsch - wenn ich also nach dem frage, was Gesundheit bedeutet, muss ich auch nach den Zusammenhängen fragen, in denen ein Mensch lebt.

In Europa hat diese Denkweise bereits ihren Ausdruck gefunden:

"Eine gute psychische Gesundheit fördert Arbeitsleistung und Produktivität; schlechte Arbeitsbedingungen, einschließlich Mobbing durch Kollegen, verursachen psychische Störungen, Fehlzeiten und Krankheitskosten. Bis zu 28 % der Arbeitnehmer in Europa leiden unter Stress am Arbeitsplatz. Die Förderung der individuellen Leistungsfähigkeit und der Abbau von Stressoren im Arbeitsumfeld sind der Gesundheit und der Wirtschaftsentwicklung zuträglich." (aus dem Grünbuch der EU, 2005)

"Der Gesundheitszustand der Bevölkerung in der EU hängt häufig mit dem Gesundheitsverhalten des Einzelnen (Ernährung, sportliche Betätigung, Rauchen), den Lebensbedingungen (Wohnverhältnisse, Umwelt) und den sozioökonomischen und Arbeitsbedingungen zusammen."

Vielleicht sprechen die Zitate für sich. Mein Bitte an die Psychotherapeutenzunft ist schlicht: bitte nicht nur am Individuum herumbasteln und dabei die Lebensumstände ausser Acht lassen! Vor vielen Jahren erzählte ich einem Professor für Sozialpsychologie, dass ich mir über so etwas wie eine "klinische Organisationspsychologie" Gedanken machen würde. Seinen verständnislosen Blick habe ich noch deutlich vor mir. Wie auch immer: die ICF liefert viel Stoff zum Nachdenken...

 

Veröffentlicht in Prävention

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équilibriste 02/27/2008 07:08

Tja.... aber dabgesehen davon fehlt oft auch die Bereitschaft bei den Leuten (sowohl beim Betroffenen als auch beim Therapueuten, ob das jetzt ein Arzt, Ernährungsberater oder...ist), sich mit der - ich nenn es jetzt mal einfach so - Gesamtsituation zu befassen.In meinem Fall sieht das dann so aus: "Ich hab Bauchweh, das liegt am Essen, Frau Ökotrophloogin, mach mir eine Plan..." Fast so wie: Herr Doktor, stell mir ein Rezpt aus. Klar könnte ich das machen, funktioniert aber leider nicht... Und so frage ich halt nach dem ganzen Drumherum, Tagesablauf, Arbeit, Familie. etc. - und stoße damit oft auf Verständnislosigkeit, manchmal soar Ablehnung (ich soll doch einen Essensplan machen!!!).Bei denen, die sich darauf einlassen, macht es aber fast immer "klick", und sie erkennen, dass ihr eigentliches Problem keine Nahrungsmittelunverträglichkeit, Allergie oder böse Darmbewohner sind... Da muss ich sie dann "weiterschicken". Ob sie sich aber auch an einen Psychologen wenden??? Mehr als raten kann ich das ja nicht.lg, nicoleDas wäre direkt einen eigenen Artikel wert... mal sehen...

Methusalem 02/26/2008 22:45

Das ist ja nett! Aber der Weg von Bayern ist wirklich ein bisschen weit...lg Methusalem

équilibriste 02/26/2008 10:00

Wenn du nicht so weit weg wärst, würde ich dir glatt ein paar von meinen Klienten schicken...lg, nicole