"Ich darf gar nicht daran denken!" - Problemangst und ihre Bewältigung

Veröffentlicht auf von Methusalem

Angst lähmt, Angst blockiert. 
Es gibt im Sammelsurium des therapeutischen Inventars eine Reihe von bekannten und verbreiteten Strategien: systematische Desensibilisierung, Entspannungsübungen, Entkatastrophisierung und so weiter... 

Eine spezifische Form der Angst, die nicht so leicht zu erkennen ist, ist die Problemangst

Mit Problemangst ist die Angst vor einem Problem bzw. die Angst vor der Auseinandersetzung mit einem Problem gemeint. Entsprechende Gedanken sind dabei häufig: "damit werde ich sowieso nicht fertig" oder "ich darf gar nicht daran denken...". 

Angst lähmt, Angst blockiert, Angst zieht aber auch - in diesem Fall von einem Problem, genauer der Beschäftigung mit einem Problem weg. Kurzfristig ist das natürlich angenehmer, aber langfristig verhindert die Angst vor einem Problem die Auseinandersetzung und steht damit einer Bearbeitung und Lösung im Weg. Verdichtet sich das Gedankengebäude rund um die Angst dann zur "Unlösbarkeitskonstruktion" (vgl. dazu Rainer Sachse), dann ist die Problembearbeitung ziemlich effektiv blockiert - dann "geht gar nichts mehr". Es mag keinen grossen Schaden bedeuten, wenn ein eher unerhebliches, nebensächliches Problem auf diese Weise zur Seite geschoben wird. Wenn es aber um elementare Lebensprobleme geht, ist die Angst vor einem Problem ein Hindernis, das sehr belastend sein kann - wenn sie überhaupt als solche erkannt wird. 

Gehen wir also davon aus, dass sich jemand erfolgreich und angstmotiviert um die Auseinandersetzung mit einem bestimmten Problem drückt, weil es eben einfach unangenehm ist. Mit Entspannungsübungen allein ist dann vermutlich nicht viel zu erreichen - wenn Angst aber auch ziehen kann, also eine Richtung hat, dann lässt sie sich vielleicht auch umlenken. Und damit für die Auseinandersetzung mit besagtem Problem nutzbar machen. Das Sprachspiel mit Formulierungen kann hier ein Anstoss sein, verschiedene Wirkungen zu durchdenken und zu durchfühlen... 

"Ich habe Angst vor einem (bestimmten) Problem" oder "dieses (bestimmte) Problem macht mir Angst" ist etwas anderes als "ich habe Angst, dieses Problem nicht lösen zu können". Die letzte Formulierung öffnet schneller den Weg zu einer weiterführenden Frage. Welche Strategien zur Problemlösung habe ich bisher entwickelt und welche davon sind für die Lösung meines konkreten Problems nützlich? 

Die Verschiebung der Aufmerksamkeit hin zu eher rationalen Überlegungen lässt bereits eine gewisse Distanz entstehen. Gehen wird davon aus, dass Angst auch Energie bedeutet, könnte eine weitere Formulierung ein Denkanstoss sein: "ich habe Angst, das Problem nicht zu lösen". 

Diese Reinterpretation könnte (es bleibt vorerst eine Hypothese) die Richtung der Angst verändern, nicht mehr von der Problembearbeitung weg, sondern vielmehr zu ihr hin führen. Gehen wir noch einen Schritt weiter und sagen: "ich habe Angst, dieses Problem und die Auseinandersetzung mit diesem Problem zu vermeiden", stellt sich die Angst gewissermassen als treibende Kraft "hinter das Subjekt" und motiviert zur Annäherung an das bisher vermiedene Problem. Wird sie dann zum Signal, das als wichtig erkannte Problem nun wirklich zu bearbeiten und nach einer Lösung zu suchen, hat sie in ihrer motivierenden Kraft ihre Funktion erfüllt.

Veröffentlicht in Psychotherapie

Kommentiere diesen Post