Jugendkriminalität: Debatten auf Abwegen

Veröffentlicht auf von Methusalem

Es geht weiter... über Jugendkriminalität wird weiter debattiert. Interessant ist die Stellungnahme des Richterbundes

Führen härtere Strafen zu mehr Abschreckung und damit weniger Kriminalität? 

In den Diagnosekriterien zur dissozialen Persönlichkeitsstörung findet sich ein Hinweis auf die Fragwürdigkeit dieser These: "die Unfähigkeit zum Erleben von Schuldbewusstsein oder zum Lernen aus Erfahrung besonders aus Bestrafung" ist, wenn sie eine der zentralen Bedingungen wiederholter Straftaten ist, ein Argument für die Auffassung, dass Strafen eben nur dann "nützen", wenn sie aus Einsicht zu einer Verhaltensänderung führen. Wenn aber Strafen nicht als negativ erlebt werden, wenn die Einsicht in das eigene Verhalten nicht so weit geht, sich selbst als "schuldig" wahrnehmen und akzeptieren zu können, bringen härtere Strafen überhaupt nichts. 

Jugendliche Straftäter sollen zur Teilnahme an Präventionsprojekten verpflichtet werden, so steht es im
Zehn-Punkte-Katalog der Innenminister. Auch da fehlen Denkansätze... Prävention sollte früher ansetzen, was kein Einwand gegen die Präventionsprojekte für Jugendliche bedeutet, die bereits straffällig geworden sind. Dem Problem wirklich auf den Grund zu gehen, würde bedeuten, die Frage zu klären, wie dissoziale Einstellungen überhaupt entstehen - warum sie entstehen und vor allem: wie Lernprozesse möglich sind, die nicht auf dem Prinzip der Bestrafung beruhen. 
Die Ansätze sind früh erkennbar - Einfühlungsvemögen und soziale Kompetenz, die Fähigkeit, sich in eine Gruppe zu integrieren, fremdes Eigentum zu respektieren, den Sinn von Normen und Regeln zu verstehen: wenn solche Lernprozesse gelingen, ist der Weg zur Kriminalität weit. Bevor jemand rücksichtslos zuschlägt, sich mit Gewalt den Weg zu bahnen versucht, ist schon eine Menge geschehen. Die Gleichgültigkeit gegenüber anderen fällt nicht vom Himmel - sie ist irgendwann in der Lebensgeschichte entstanden, vielleicht aus Resignation gegenüber einer Welt, die eben nicht jedem einen Platz in der Gesellschaft zubilligt - sondern oft genug Forderungen stellt, die manche nicht erfüllen können, irgendwann dann auch nicht mehr erfüllen wollen. 
Wahlkampf hin, Wahlkampf her... es wäre wünschenswert, wenn sich in der Politik die Suche nach Lösungen gegenüber der Argumentation ad hominem durchsetzen würde. Sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen ist gerade beim Thema "Gewaltkriminalität" nicht gerade "vorbildlich" - auch wenn das Sich-Prügeln nicht mit Waffen vollzogen wird, so zeigt sich doch die Schwierigkeit, Konflikte vernünftig und argumentativ auszutragen... 
Der Kommentar in der Tagesschau: "Die sachliche Auseinandersetzung mit dem Problem tritt in den Hintergrund". Genau da liegt das Problem - Jugendliche schlagen zu, wenn sie sich anders nicht mehr zu helfen wissen, wenn die sachliche Auseinandersetzung am Ende ist oder nie wirklch gelernt wurde. Und was sagen wir ihnen, wenn es unsere Politiker auch nicht besser können?

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