Sich selbst verstehen - sich ändern lernen

Veröffentlicht auf von Methusalem

Einfache Fragen können sehr nachdenklich machen... wenn mich jemand fragt: "muss ich mich nicht erst selbst verstehen, bevor ich mich ändern kann?" - dann könnte ich einfach "ja" sagen. 

Kurz darauf bin ich dann auch schon unzufrieden, denn... was bedeutet es eigentlich, "sich selbst zu verstehen"? Ganz ehrlich - manchmal verstehe ich mich selbst nicht, habe den Anspruch, mich selbst voll und ganz verstehen zu können, längst aufgegeben. Aber... im Laufe der Zeit etwas mehr über mich zu erfahren, schrittweise mehr zu erkennen, damit auch die Möglichkeit zu haben, hier und da etwas zu ändern - das ist möglich. 

Eine seltsame Erfahrung ist die Beobachtung, dass Menschen sich ändern können, die gleichzeitig von sich behaupten, sich selbst überhaupt nicht zu verstehen. Dadurch aber verstehen, dass sie sich ändern können - und im Verstehen des Sichändernwollens und Sichändernkönnens eben auch etwas über sich erfahren. Also - Menschen können über sich selbst nachdenken und dabei kann es geschehen, dass ihnen etwas bewusst wird. Dort, wo etwas klarer wird, vertieft sich auch das Verständnis des eigenen Selbst. Selbsterkenntnis - kann auch durch Rückmeldungen entstehen, durch das, was andere Menschen wahrnehmen. Mit Rückmeldung ist dabei nicht Kritik gemeint, leider werden diese beiden Begriffe zu oft in einen Topf geworfen... Kritik vermittelt dem Kritisierten, was anderen misfällt - aber selten das konkret Beobachtbare, um das es in einer Rückmeldung gehen sollte. Das Wissen über die eigene Wirkung auf andere Menschen ist aber auch nur EIN Aspekt unter vielen. Ob es gelingt, die eigenen Absichten zu vermitteln, ob das Selbstbild mit dem Fremdbild übereinstimmt - solche Dinge sind zu erfahren.   

Die Frage nach dem Selbst-Verständnis ist oft eine Frage, die sich als identitätsstiftend zeigt. Wer bin ich? Was bin ich für ein Mensch? Warum bin ich so wie ich bin und nicht anders? Vielleicht auch: was kann aus mir werden?  

Die Frage nach dem Warum ist dabei die Schwierigste, sowohl inhaltlich als auch methodisch. Im Bemühen um das Verständnis des je eigenen Selbst spiegeln sich oft die Kommunikationsmuster, die ein Mensch in seiner Geschichte erlebt hat. Muster, die dem Verstehen oft alles andere als dienlich sind: warum hast Du das schon wieder gemacht? Wie konntest Du nur...? Und so weiter. Die Frage nach dem Warum kann bedrängen und beschämen, wer hier tiefer eindringen möchte, möge sich mit Aron Ronald Bodenheimer beschäftigen ("Warum? Von der Obszönität des Fragens"). 

Zurück zur Ausgangsfrage: wenn ich etwas ändern will, dann kann ich zunächst einmal versuchen, irgend etwas irgendwie anders zu tun. Bei solchen Versuchen kann sich durchaus etwas Neues, Besseres zeigen. Wirksamer wird das Bemühen um Veränderung allerdings durch das Verständnis konkreter Zusammenhänge - und die Verhaltensanalyse, so begrenzt sie dem einen oder der anderen auch erscheinen mag, leistet hier gute Dienste. Der Impuls bei der Geschichte: die Frage nach dem Warum geht nach innen - verständlich wird aber so manches Verhalten erst, wenn man der Frage nachgeht, wodurch es verstärkt, damit aufrechterhalten und "belohnt" wird. Verstärker in diesem Sinne können andere Menschen sein, die auf dieses Verhalten reagieren. 

Und so kommt es, dass manche Menschen den grössten Blödsinn anstellen - in der Erwartung, dass irgend jemand dafür Beifall spendet. 

Sich selbst verstehen - das kann auch bedeuten, der Frage nachzugehen, welche Mechanismen dem je eigenen Tun zugrunde liegen. Wenn sich dann die Antwort abzeichnet, dass bestimmte Verhaltensmuster nur dazu dienen, anderen zu gefallen - dann könnte der Impuls zur Veränderung schon zum Greifen nahe sein.  

Wenn ich mich selbst verstehe als einen Menschen, der sich an anderen orientiert und dabei so manches tut, das den eigenen Absichten nicht entspricht - dann ist die Einsicht in die eigenen Absichten ein Weg, in dieser Orientierung Stellung zu beziehen. Ist das sinnvoll, was ich da tue? Will ich das wirklich? Sich selbst verstehen heisst also, etwas über die eigenen Absichten und Neigungen zu erfahren - und dabei ist zunächst offen, ob diese Absichten und Neigungen nun gut oder schlecht sind. Die Klarheit über diese Dinge ermöglicht es aber, sich dazu wählend zu verhalten - zu entscheiden, ob das, was bisher im eigenen Leben prägend war, auch im weiteren Lebensverlauf "Programm" sein soll. Sich in der Möglichkeit des Andersseins wählend zu verhalten könnte bedeuten, sich selbst näher zu kommen.

"Also, ich habe jetzt verstanden, dass ich in meinem Leben eine Menge Sachen gemacht habe, die ich eigentlich gar nicht will. Und jetzt - will ich das tun, was ich wirklich will."

Das könnte eine Antwort sein. Oder - ganz bescheiden - der Beginn einer Antwort.

Veröffentlicht in Querbeet

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