Realitätsbezug und Lebensgestaltung

Veröffentlicht auf von Methusalem


Jeder Lebensentwurf, der sich nicht an der Realität orientiert, ist zum Scheitern verurteilt.

Die Realität bietet für jeden jeweils konkrete, aber begrenzte Möglichkeiten. Die Beschränkung auf das real Fassbare entzieht dem Gedanken entwerfender Lebensgestaltung dabei den Boden - erst ein erweitertes Verständnis der Realität, in dem das Mögliche und Vorstellbare daraufhin überprüft wird, ob es wünschenswert, erstrebenswert ist, gibt dem Lebensentwurf Richtung und Inhalt.

Werte und Ideale als Ausgangspunkt zu wählen, wirft die Frage nach ihrer Verwirklichung in konkreten Lebenssituationen auf. Die Realität als Ausgangspunkt zu wählen, orientiert das Handeln an erkennbaren Ansatzpunkten für Entwicklungen, die wünschenswert erscheinen.

Zu den grössten Irrtümern des Alltagslebens gehört die Vorstellung, die eigene Wahrnehmung sei "die Realität": "wenn ich das so sehe, dann ist das auch so". Dann gibt es nur zwei Aufassungen: "meine" und "die Falsche". Noch brillianter ist der Spruch: "meine Meinung steht fest, bitte verwirren sie mich nicht mit Tatsachen". Damit wird jeder Auseinandersetzung mit der Realität, den ihr wohnenden Möglichkeiten und wünschenswerten Entwicklungen die Grundlage entzogen. Entwerfendes Denken scheitert dann an mangelnder Gesprächsbereitschaft - und so lassen sich jene Aspekte des Lebensentwurfs, die gemeinsames Handeln erfordern, nur in einem sozialen Kontext verwirklichen, der sich Ideen gegenüber offen zeigt und sich nicht mit dem Vorhandenen begnügt, so bewährt es auch erscheinen mag.

Realität ist: das Auge ist keine Kamera, das Ohr kein Mikrofon, die Sinne sind nicht passiv, nehmen nicht einfach irgendetwas auf - das Gehirn wählt aus und bildet ein Perzept, ein dynamisches Abbild. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung - und damit auch stets ein subjektiv geprägtes Bild der Realität.

Lebensgestaltung wird erst dann sinnvoll, wenn eigene Werte und Ideale immer wieder mit der Realität konfrontiert werden, sondern auch die eigene Wahrnehmung als begrenzt, von Täuschungen beeinträchtigt und damit als potentiell korrekturbedürftig erkannt und anerkannt wird. Die kritische Prüfung der eigenen Vorstellungen durch Beoachtung und intersubjektive Verständigung ist dann eine logische Konsequenz - und führt dazu, immer wieder zu überprüfen, ob die Lebenssituation, in die hinein ich mein Leben entwerfe, auch wirklich so ist, wie sie mir erscheint.

Nicht alles, was möglich ist, ist auch wahrscheinlich, aber auch das Unwahrscheinliche ist möglich - und selbst die Erweiterung der Möglichkeiten liegt im Bereich des Möglichen selbst.

Grundlegend für die Lebensgestaltung sollte deshalb sein, Möglichkeiten offen zu halten, nicht zu früh Türen zu verschliessen, die später nur mit grossem Aufwand (wenn überhaupt) zu öffnen sind. 

Schulverweigerung und Drogenkonsum sind Beispiele für drastische Einschränkungen der Möglichkeiten - berufliche Perspektiven werden reduziert und das eigene Potential zerstört. Dass es solche Phänomene gibt, zeigt die begrenzte Fähigkeit der Erwachsenen, Realitätsbezug zu fördern und Perspektiven zu schaffen, wo Erfahrung noch fehlt - gleichzeitig die Notwendigkeit langfristigen Denkens für eine realitätsbezogene Lebensgestaltung, die Entwicklung und Wachstum im Auge behält.

Erfahrung lässt sich oft sehr schwer "transportieren", vor allem dann, wenn junge Menschen sich "nichts sagen lassen wollen". Die Realität aber ist eine Autorität, die sich zwar verzerren, verkürzen und ausblenden lässt. Sie lässt sich auch verändern. Ignorieren aber lässt sie sich auf Dauer nicht.

Veröffentlicht in Lebensentwurfarbeit

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