Was scheinbar harmlos beginnt, endet meist im Abseits: Jugendliche, die anfangen, Drogen zu konsumieren, schließen sich bestimmten Gruppen an oder konsumieren, weil
die Bezugsgruppe konsumiert. Sich über die Folgen klar zu werden, dauert meist seine Zeit - und zuerst zeigt sich in der Suchttherapie eben auch das typische Szenenverhalten, das so
selbstverständlich wird, dass neben der Abstinenzentscheidung eine weitere Entscheidung notwendig wird. Ich nenne das die Integrationsentscheidung, sie bezieht sich darauf, in die Gesellschaft hineinfinden zu wollen.
Bei illegalen Drogen ist der Weg in die kriminelle Szene nicht weit - spätestens dann, wenn Beschaffungskriminalität notwendig wird, um den Drogenkonsum zu
finanzieren.
"Szene" bedeutet die Missachtung elementarster Regeln des menschlichen Zusammenlebens, gelegentlich mit den "drei grossen T" bezeichnet: Täuschen, Tarnen,
Tricksen. Ehrlich ist gefährlich, zugegeben wird nur das, was schon zweifelsfrei bewiesen ist, mit allen möglichen Tricks wird beschummelt und
gemogelt, bis die Vertrauenswürdigkeit so gründlich zerstört ist, dass sich auch Freunde und Verwandte abwenden.
Eltern leiden sehr stark darunter, wissen irgendwann nicht mehr, wie sie mit der gesamten Problematik umgehen sollen, müssen oft genug mit ansehen, wie der eigene
Sohn oder die eigene Tochter in Handschellen abgeführt wird. Das Szeneverhalten folgt sehr wohl bestimmten Regeln - ein typisches Muster dabei sind Schonverträge: "ich weiss was von Dir, Du
weisst was von mir, wir beide halten den Mund". Solche Muster werden dann auch munter im Rahmen der Suchttherapie praktiziert, mit der Konsequenz, dass Therapeuten und andere "Vertreter des
Systems" zu "natürlichen Feinden" werden, vor denen man sich hüten muss. Es könnte ja hier und da eine Regelverletzung bekannt werden, Sanktionen drohen, die wirklich wichtigen Dinge müssen also
immer "streng geheim" besprochen werden. Irgendwann gewöhnt man sich daran, dass eben "gezockt" wird, wo immer es geht.
Ärgerlich ist es trotzdem - all das bewusst zu machen, die Folgen aufzuzeigen und deutlich zu machen, wo das alles hinführt: in ein Leben am Rande der Gesellschaft,
in dem die "Gesellschaftsfähigkeit" zunehmend verloren geht. Man kann es drehen und wenden, wie man will - die Drogenszene zeigt mit aller Deutlichkeit, wie wichtig die elementaren Prozesse sind,
zu denen es eben auch gehört, den Sinn von Regeln zu verstehen, Verbindlichkeit einzuüben, für das eigene Verhalten Verantwortung zu übernehmen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche
Konsequenzen das je eigene Verhalten hat. Präventiv gedacht bedeutet es auch, dass die Unterstützung beim Hineinwachsen in die Gesellschaft Lernprozesse in Gang setzt, die der Suchtentstehung und
Suchtentwicklung entgegenwirken. Grenzen erkennen und respektieren, Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse anderer - was für viele "normale Menschen" selbstverständlich ist, gilt keineswegs für die
Drogenszene. Irgendwann wird alles einfach gleichgültig. Manchmal frage ich mich, wie Eltern das eigentlich aushalten können, wenn ihre Kinder sich nichts mehr sagen lassen, nichts mehr einsehen
wollen, als menschliches Gegenüber immer mehr entgleiten. Weiter gefragt: was läuft schief in unserer Gesellschaft, wenn solche Muster überhaupt entstehen und gedeihen können?
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