Donnerstag, 15. mai 2008

Ein Satz. Ein Spruch. Ein Zugeständnis. Da ist eine Grenze erreicht, irgend etwas ist geschehen, das einfach nicht so stehen bleiben kann. Damit komme ich nicht klar, das kann bedeuten: ich weiss nicht weiter. Ist es dann, wenn es ein Nichtweiterwissen beschreibt, eine Frage des Wissens?
Damit komme ich nicht klar: was ist dieses Etwas, mit dem da jemand nicht klar kommt? Und was heisst überhaupt "mit etwas klar kommen?". Mit etwas nicht klar kommen, das kann bedeuten, dass etwas unklar ist. Dann aber geht es nicht um Wissen, sondern um Klärung.
Was wie Wortklauberei anmuten mag, hat den Sinn, nach einer angemessenen Antwort zu fragen, denn die Aussage "damit komme ich nicht klar" enthält mehr oder weniger deutlich eine Frage, vielleicht einen Hilferuf, der da heisst: ich brauche jemanden, einen Hinweis, einen Weg, wie ich mit dem, womit ich jetzt nicht klar komme, klar kommen kann. Ob nun dieser Weg darin besteht, eine neue Strategie zu finden oder zunächst Klarheit zu bekommen über das ungeklärte Etwas - bevor eine sinnvolle Antwort auf diese Zustandsbeschreibung erfolgen kann, stellt sich die Frage, was dieses Etwas ist, mit dem jemand nicht klar kommt.
Es kann ein Ereignis sein, ein Vorfall, ein Unfall, eine Tragödie, ein Drama, ein schreckliches Erlebnis, aber auch etwas scheinbar Unbedeutendes, eine beiläufige Bemerkung, die jemand fallen gelassen hat, ein Spruch, der verletzt. Ob das, was da fallen gelassen wurde, aufgehoben werden sollte, das ist die Frage, der es nachzugehen gilt, wenn sich jemand aufgehoben fühlen soll mit der Aussage: damit komme ich nicht klar.
Die Wege gehen auseinander, je nachdem, wie die Antwort lautet. Das Anleiten als Methode, "zu zeigen, wie es geht" kann helfen, mit einer konkreten Aufgabenstellung klar zu kommen, die Wissen und Fertigkeiten erfordert. Für die Bewältigung traumatischer Erfahrungen dagegen ist das Anleiten im pädagogischen Sinne völlig fehl am Platz.
Ich komme damit nicht klar, das kann bedeuten: da gibt es etwas, das kann ich einfach nicht akzeptieren, ich kann mich nicht damit abfinden, es ist nicht auszuhalten, unerträglich und gleichzeitig nicht zu verändern. Da erfährt vielleicht ein Junge im Alter von 10 Jahren, dass seine Eltern nicht wirklich seine Eltern sind, dass die leibliche Mutter in weggegeben hat, den Wunsch hat, dass ihr Sohn niemals ihren Namen erfährt. Viele Jahre später beginnt er zu fragen, wer die leiblichen Eltern sind, bekommt keine Antwort und sagt: damit komme ich nicht klar. Eine andere Szene: gut gelaunt im Auto unterwegs öffnet einer auf dem Rücksitz eine Dose Bier, lässt den Knall direkt am Ohr des Fahrers erschallen, es war ja nur Spass, aber der erschrockene Fahrer reisst das Steuer herum, es kommt zu einem Unfall, drei Tote, der einzige Überlebende hält mit schweren Verletzungen seine Dose noch in der Hand. Jahrelang erfährt niemand den genauen Ablauf des Unfalls, Alkohol und Drogen helfen nur scheinbar, das Ganze zu vergessen, aber immer wieder dringt der Gedanke durch: ich bin schuld. Und damit komme ich nicht klar.
Es sind unterschiedliche Situationen, deren Grundmuster in vielfältigen Varianten täglich geschehen. Mit dem klar zu kommen, was mir selbst widerfahren ist, was andere mir angetan haben - oder damit klar zu kommen, was ich anderen angetan habe. Nicht klar kommen bedeutet: da ist etwas nicht in Ordnung, nicht zu akzeptieren, nicht annehmbar. Erinnern und Durcharbeiten mag jenen durch den Kopf gehen, denen die Psychoanalyse vertraut ist, und die kritische Stellungnahme klingt als Nachsatz vielleicht schon an. Was soll es denn nützen, in der Vergangenheit zu bohren, wenn sich daran nichts ändern lässt?
Als Erstes geht es um Anerkennung: wir alle müssen damit rechnen, eines Tages Zeuge eines Unfalls zu sein, vielleicht schreckliche Dinge zu erleben, die wir nicht so einfach "wegstecken" können. Situationen, die wir nicht unmittelbar verarbeiten können, sind Realität. Sprüche wie "denk nicht darüber nach" helfen nicht, sie wirken wie ein Schlag ins Gesicht, wenn sich jemand wirklich Nacht für Nacht hin und her wälzt, weil es da etwas gibt, das einfach nicht in Ordnung ist. Beruhigungsmittel, Alkohol und Drogen helfen nicht. Im Gegenteil, sie machen das Ganze noch schlimmer.
Mit etwas klar kommen, das bedeutet, eine Haltung zu finden, mit der es sich leben lässt.
Mit etwas klar kommen lernen, das bedeutet, einen Prozess wieder in Gang zu setzen, der stehen geblieben, hängen geblieben, unverdaut geblieben ist. So schlimm es auch sein mag, es ist vorbei und ich kann es nicht ändern. Ändern lässt sich die eigene Haltung, ändern lässt sich das eigene Verhalten, und vielleicht gibt es Konsequenzen, die sich aus der Erfahrung ableiten lassen, die zunächst die eigenen Grenzen spüren lässt und die Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt. Manches lässt sich vielleicht verstehen, klären, aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und damit besser verarbeiten. Manches lässt sich vielleicht verändern und sei es auch nur durch ein höheres Mass an Aufmerksamkeit aus der Erfahrung heraus, wie schnell ein Unfall geschehen kann. 
Mit etwas klar kommen lernen, das ist vielleicht ein mühsamer Weg, schwere Brocken zu verdauen. Nicht, um lange Zeit an der Frage nach dem Warum? zu bohren. Auch nicht: platte Sprüche umzusetzen, die da lauten: "Kopf hoch, wird schon wieder" oder "mach Dir keine Gedanken". Erfahrungen, mit etwas nicht klar zu kommen, sind Lehrmeister im eigenen Leben - sie zeigen Verwundbarkeit, Grenzen, Notwendigkeiten, Gefahren und Zusammenhänge auf. Die Antwort auf die Frage "WIE komme ich damit klar?" ist stets eine persönliche. Vielleicht ist sie für den einen oder die andere ohne Hilfe von aussen nicht zu finden. Vielleicht gibt es auch immer wieder neue Antworten, tiefere Einsichten, grundlegendere Impulse, an irgend einer Stelle im eigenen Leben Veränderungen einzuleiten. Vielleicht bedeutet es auch, das Beunruhigende zur Ruhe kommen zu lassen, eine Haltung zu finden, in der die Vergangenheit der Zukunft nicht mehr im Weg steht.
Damit komme ich nicht klar. Trauma, Störung, Krankheit - so kann man sich dieser Aussage nähern.
Es gibt Krankheit, Hunger, Gewalt und Krieg auf der Welt. Und es gäbe noch viel mehr davon, wenn es nicht Menschen gäbe, die damit nicht klar kommen und sich deshalb immer wieder für Veränderungen einsetzen würden. Menschen, die immer und überall mit allem "klar kommen", die alles "cool und locker" sehen, die "immer gut drauf" sind, haben keinen Anlass, sich für irgend etwas einzusetzen. Damit komme ich nicht klar. Sollte ich? Vielleicht ist Lebenskunst ja auch die Fähigkeit, damit klar zu kommen, dass wir manchmal mit manchen Dingen nicht klar kommen.

von Methusalem veröffentlicht in: Psychotherapie Community: Wellness und Gesundheit
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Donnerstag, 15. mai 2008

Klopf an... manchmal muss man irgendwo anklopfen, wenn man hinein will. Ungefähr so etwas hatte ich im Sinn, als "klopf an" im Januar 2007 entstand.

 

 

von Methusalem veröffentlicht in: Musik Community: Wellness und Gesundheit
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Mittwoch, 14. mai 2008

Manchmal ist es schon verzwickt: die Erfahrung, dass manche Dinge einfach nicht gelingen wollen, ist eine Erfahrung, die nicht nur bei Depressiven zu beobachten ist. Das Thema Realisierungsprobleme bezieht sich auf eine Erfahrung, die einen Konflikt beschreibt. Eine feste Absicht ist da, ein Ziel ist klar, aber der Weg dahin scheint unerreichbar. Die klassische Situation eines Problems also - zwischen Ausgangszustand und Ziel befindet sich eine Barriere.

Auf die vielen Dinge, die vielleicht als Erklärung dienen können (die Sterne, die Hormone, der Biorhythmus...) aber für die Praxis nicht hilfreich sind, möchte ich hier nicht eingehen. Um der Ehrlichkeit genüge zu tun: ein Patentrezept habe ich auch nicht anzubieten. Es geht um eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt: was geschieht mit einem Impuls auf dem Weg durchs Gehirn?

Es geht um ein Modell, das helfen soll, Realisierungsprobleme genauer einzugrenzen.

Die ideale Variante ist so ideal, dass es sich kaum zu lohnen scheint, darüber nachzudenken. Absicht und Realisierung ergeben sich gewissermassen automatisch, die subjektive Erfahrung zeigt den unmittelbaren Erfolg: "ich nehme mir etwas vor und tue es einfach". Nachdem es bereits ein Buch über die "Logik des Misslingens" gibt, fehlt noch das Gegenstück: die Logik des Gelingens.

Also fragen wir einmal: was geschieht denn, wenn etwas gelingt?

In einer bestimmten Situation entwickelt sich eine bestimmte Absicht, die zu einer konkreten Handlung führt. Die Situation verändert sich nach Wunsch. Ein Erfolgserlebnis also, kurz: "ich kann".

Wieviele Voraussetzungen dabei bereits enthalten sind, wird auf den ersten Blick kaum nachvollziehbar, also betrachten wir die Angelegenheit etwas näher...

Die "Situation an sich" haben wir nie "im Kopf", immer nur ein Abbild. Oder: eine Situationseinschätzung. Schätzung bedeutet dabei, dass es manchmal nicht so klar ist, wie die Situation nun wirklich ist.

Wenn also irgend etwas nicht gelingt, dann könnte es daran liegen, dass die Einschätzung der Situation nicht ganz korrekt war - Täuschungen können dazu führen, dass die Absicht "ins Leere" geht, weil sie einfach nicht "passt". Einsichten, die diese Fehleinschätzung korrigieren, erhöhen damit (ganz vorsichtig ausgedrückt) die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Versuch ein Treffer wird.

Genauer hinsehen? Nochmal nachdenken? Auch das kann zum Problem werden, wenn die Lageorientierung zu stark wird.

"Ich kann nichts tun, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, darüber nachzudenken, in welcher Lage ich mich befinde und was ich jetzt wohl am besten tun könnte"

Logisch: manchmal denken wir, bevor wir handeln. Manchmal steht das Denken dem Handeln aber auch im Weg (sagt ein Akademiker aus eigener Erfahrung).

Das ist noch lange nicht genug... Situationen können unangenehm und belastend sein und trotzdem keinen Handlungsimpuls auslösen. Es macht eben einen Unterschied, ob sich da jemand sagt "das passt mir nicht, da ändere ich etwas" oder: "das passt mir zwar nicht, aber ich kann es ja nicht ändern". So gelangen wir zu einem ersten "Knoten", der recht zuverlässig verhindern kann, auch nur einen Schritt weiter zu kommen.

"Ich will ja etwas erreichen, aber Ich kann es nicht erreichen, weil ich davon überzeugt bin, dass ich sowieso nichts ändern kann."

Ob es gelingt, Ziele zu erreichen, Absichten zu verwirklichen und in einer bestimmten Situation etwas zu verändern, hängt also auch von den inneren Überzeugungen ab, die mit der Wahrnehmung der Situation verbunden sind. Im allgemeinen wird dieser Zusammenhang mit dem Begriff "Selbstwirksamkeitserwartungen" bezeichnet. Indirekt steckt aber auch die Überzeugung dahinter, dass Situationen verändert werden können - eine Erfahrung, die so selbstverständlich wohl nicht ist.

Auch das ist noch nicht alles... so mancher würde ja gern wollen, mag aber nicht.

Löst die Situation oder die Absicht, die sich aus ihrer Einschätzung ergibt, unangenehme Gefühle aus, haben wir einen weiteren möglichen Stolperstein vor uns. Die klassische Situation dazu wurde von Kurt Lewin als Appetenz-Aversions-Konflikt beschrieben. Seiner Tochter war ihr Ball am Meer ins Wasser gefallen. Natürlich hätte sie den Ball gern wieder gehabt, aber jedesmal, wenn sie sich ins Meer wagte, kamen Wellen... und mit den Wellen die Angst. Emotionale Konflikte sind auch Zielkonflikte: wenn es nicht gelingt, eine bestimmte Absicht zu realisieren, dann sind möglicherweise gleichzeitig Zielvorstellungen entstanden, die ebenjene Absicht wieder sabotieren. Vermeidungsziele, der Wunsch, der Situation auszuweichen, weil sie unangenehm, bedrohlich oder beängstigend ist.

Ein König weiss sich hier zu helfen und schickt seine Soldaten an die Front. Das Mädchen am Strand könnte auf die Idee kommen, ihren Papa zu rufen: soll er doch bitte den Ball holen. Dumme Sache, wenn man niemanden hat, der die Kohlen aus dem Feuer holt, niemand da ist, dem man die unangenehme Aufgabe einfach delegieren kann. Manches muss man eben selbst erledigen - und das Gelingen hängt davon ab, ob die unangenehmen Gefühle überwunden werden können. Wenn es dabei "nur" um Angst geht, ist die Situation immer noch relativ einfach...

Kompliziert wird es, wenn nicht nur ein Konflikt zwischen Verstand und Gefühl das Handeln blockiert ("ich weiss ja, was ich tun müsste, aber meine Gefühle stehen mir im Weg"). sondern das Gefühlsleben selbst "verknotet" ist. Um zu erläutern, was ich damit meine, muss ich eine kleine Geschichte erzählen...

Es geht dabei um eine Frau, die von ihrem Mann seit Jahren geschlagen wurde, damit verständlicherweise keinesfalls einverstanden ist. Sie will ihn verlassen, kann es aber nicht. Vernünftig wäre es schon, zumal ihr Mann auch noch fremd geht. Aber - allein zu sein, diese Vorstellung ist furchtbar und ausserdem sagt sie, dass sie ihn liebt. Nach längerem Nachdenken versuche ich also, diesen "Knoten" in Worte zu fassen:

"Ich bin unglücklich, weil ich Angst habe, etwas zu verlieren, das ich brauche, um glücklich zu sein."

Rein rational betrachtet ist das irgendwie unlogisch, aber Gefühle haben eben manchmal ihre eigene Logik. So ein "emotionaler Knoten" hat aber immer auch einen Schwachpunkt (behaupte ich jetzt einfach mal) und hier ist es das Wort "brauche". Solange diese Frau davon überzeugt ist, dass sie ohne ihren Mann nicht glücklich werden kann, wird sie alles erdulden - so schmerzhaft es auch sein mag. Die Absicht, sich zu trennen, so vernünftig sie auch erscheinen mag, wird sie nicht realisieren können.

Was sich hier schon andeutet, beschreibt ein weiteres mögliches Problem: die Frage nach Motiven nämlich, die ebenfalls Konflikte, Verwicklungen und Knoten aufweisen können. Versuchsweise formuliert:

"Ich kann das eine nicht erreichen, weil ich auch etwas anderes will, das sich aber mit dem einen nicht vereinbaren lässt"

Sind beide Tendenzen gleich stark, finden wir wieder eine klassische Situation. Buridans Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll. HIlfreich könnte es sein, wenn uns unsere Motive mit allen Verwicklungen und Konflikten vollständig präsent wären - möglich wäre aber auch, dass wir dann vor lauter Heuhaufen überhaupt nichts mehr erkennen. Wer etwas unterlässt, das er sich "eigentlich" vorgenommen hatte und hinterher sagen kann: "das war mir dann wohl doch nicht so wichtig", hat dann zwar sein Ziel nicht erreicht, aber eine Lösung gefunden, mit der es sich leben lässt. Wenn es aber um wirklich wichtige Dinge geht, die Absicht vielleicht so klar ist, dass andere Dinge zurückstehen müssen, und trotzdem noch irgend etwas im Wege steht, dann müssen wir weiterfragen. Vielleicht gibt es noch mehr mögliche Hindernisse auf dem Weg von A nach B?

Eine beliebte Frage Fremder an unbekannten Orten: "wo bitte geht's zum Bahnhof?" Mit neuen Kenntnissen versorgt können wir antworten. Sie haben wohl ein Realisierungsproblem? Sind möglicherweise davon überzeugt, dass Sie den Weg zum Bahnhof allein nicht finden? Vielleicht einen emotionalen Knoten im Kopf? Kenner der Methode "Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte" ergänzen vielleicht: das macht Sie jetzt ganz schön unsicher. Sie haben keine Ahnung, wie es weiter gehen soll...

Der Ortskundige hat eine Landkarte im Kopf. Und die hilfreiche Wegbeschreibung (wirklich eine Kunst!) gibt Hinweise, wie der Fremde von A nach B kommt. Daran kann es also auch liegen:

"Ich kann nicht, weil ich nicht weiss wie"

Vielleicht fehlt eine Landkarte. Vielleicht aber auch eine Methode, eine Fertigkeit, ein Hinweis, der angibt, wie das angestrebte Ziel erreicht werden kann. Leider ist damit das Universum potentieller Realisierungsprobleme noch keinesfalls erschöpfend behandelt...

Stellen wir uns vor: der Weg zum Bahnhof führt über abgesperrtes Gelände. Grosse Schilder hängen vor der Absperrung: "Kinder haften für ihre Eltern" - oder so.

"Ich will, ich möchte, ich weiss auch wie - aber das kann ich doch nicht machen!"

Innere oder äussere Verbote also können ebenfalls den Weg versperren. Wertgrenzen, der "innere Kritiker", reale oder vorgestellte Personen, die die geplante Absicht nicht erlauben - auch das kann ein Grund sein, warum so manches zwar gedacht und geplant, aber nicht realisiert wird. Manchmal ist das ja auch gut so... Aber manchmal stehen uns diese inneren Verbote auch wirklich im Weg.

Okay - vielleicht gibt es einen Umweg zum Bahnhof.

Auch da möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen... als ich wirklich einmal den Bahnhof suchte und dank hilfreicher Hinweise der Ortskundigen auch fand. Toll, dachte ich, jetzt habe ich den Bahnhof gefunden. Nur - es gab keine Gleise. Logischerweise gab es auch keinen Zug, mit dem ich hätte fahren können. So ist das nun mal im Leben - hinter jedem gelösten Problem kann sich ein neues zeigen. Das Leben ist eben wirklich nicht einfach!

 

von Methusalem veröffentlicht in: Psychotherapie Community: Wellness und Gesundheit
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Dienstag, 13. mai 2008

Das Thema "psychologisch gesunder Arbeitsplatz" hat viele Aspekte - als Gegenstück zum "Dienst nach Vorschrift" bietet sich die Frage an, was Gesundheit mit Engagement im Beruf zu tun hat.

Als Denkanstoss auf die Seiten zum Psycholgy Healthy Workplace Program zu verweisen, ist vielleicht nützlich für diejenigen, die einen englischen Text verstehen können. Zumindest einige Grundgedanken möchte ich ins Deutsche übersetzen. Der Grundgedanke besteht darin, Mitarbeiter stärker in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, ihnen mehr Autonomie am Arbeitsplatz zu gewähren. Hier ist vielleicht schon eine kleine Denkpause angebracht - für jene, die hier zu der Einsicht gelangen, dass am Arbeitsplatz oft "über ihren Kopf hinweg" entschieden wird. Wenn der Gedankengang handfest werden soll, muss es schon etwas präziser werden...

Wer entscheidet wann wo wie was in welcher Frage mit wem warum und wozu?
Wer entscheidet, wer wann wo wie was in welcher Frage
mit wem warum und wozu entscheiden darf, kann, soll oder muss?

Um den Knoten im Kopf zu entwirren... die Vorstellung, dass in irgendeinem Unternehmen alles mit allen entschieden werden könnte oder müsste, bringt uns kaum weiter. Aber das Bedürfnis, bei ganz bestimmten Entscheidungen beteiligt zu werden, könnte durchaus ein Punkt sein, der dem einen oder der anderen schwer im Magen liegt - und über Identifikation oder nicht eben auch entscheidet. Die Lösungsrichtung ist im Prinzip einfach - Entscheidungsräume zu klären und über ihren Sinn und ihre Angemessenheit nachzudenken, könnte nicht nur entlastend sein, sondern auch den beklagten Mangel an Engagement reduzieren.

Eine These also als Denkanstoss:
es arbeitet sich leichter, wenn die individuellen Entscheidungsräume geklärt sind
.
Belastend kann es sein, wenn er "zu klein" ist, belastend kann es aber auch sein, wenn er "zu gross" ist.

Eine Richtung, in die man diesen Gedankengang weiterführen kann, ist das Management.
Also googeln wir mal los... beim Stichwort "Mitarbeiterzufriedenheit" ergibt sich unter anderem eine Anzeige mit dem Titel "7 Tools, wie Sie Ihre Mitarbeiter 2008 zur Höchstleistung treiben!". Aha, treiben muss man sie also. Damit kommen wir dem Problem bereits auf die Schliche... Mitarbeiter, die sich mit dem, was sie tun, identifizieren können, muss man nicht treiben. Wer seine Arbeit gern erledigt, weil er sich dabei wohl fühlt, muss nicht angetrieben werden. Und die "Tools" können dann getrost bleiben wo sie sind.

Die andere Denkrichtung ist eine persönliche Frage, die nur jeder und jede für sich beantworten kann.

Was brauche ich, um an meinem Arbeitsplatz zufrieden zu sein?
Was sind meine Arbeitsbedürfnisse?
Was motiviert mich? Was sind meine Anliegen?

Lebensgestaltung ist Rollengestaltung - die Rolle(n) im Arbeits- und Berufsleben gehören dazu. Wenn es Möglichkeiten gibt, etwas neu zu gestalten, um mit sich und dem eigenen Berufsleben zufriedener zu sein, dann ist das sicher auch ein Beitrag zur Gesundheit.

von Methusalem veröffentlicht in: Arbeitsleben Community: Wellness und Gesundheit
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Montag, 12. mai 2008

64 Prozent der Arbeitnehmer spulen am Arbeitsplatz einfach nur ihr Pflichtprogramm ab - schreibt das "manager magazin". Von Defiziten in der Personalführung ist da die Rede, der mangelnden Berücksichtigung von Bedürfnissen und Erwartungen der Arbeitnehmer. Wenn die Umfrageergebnisse auch nur annähernd repräsentativ sind, sind 88% der Arbeitnehmer unzufrieden und können sich mit ihrem Arbeitgeber nicht identifizieren. Es ist schwierig, Probleme über alle Branchen hinweg und nur auf der Grundlage statistischer Daten zu beschreiben und Antworten zu finden auf die Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen lassen.

Dienst nach Vorschrift: ist das schlecht?

Wenn die Vorschriften angemessen sind, muss "Dienst nach Vorschrift" nicht unbedingt schlecht sein. Genauer betrachtet drückt die Formulierung aber auch Resignation aus: "ich mache nur das, was ich muss, und keinen einzigen Schritt mehr. Und das, was ich muss, eher widerwillig..." Pünktlich Feierabend, auf keinen Fall eigene Ideen einbringen. Ein Blick auf die vielen Geschichten über die Probleme am Arbeitsplatz, die mir bisher zu Ohren gekommen sind, legt eine wichtige Schlussfolgerung nahe: in vielen Branchen ist nichts so unerwünscht wie neue Ideen. Wer irgendwo neu anfängt und eigene Vorstellungen mitbringt, wird zuerst "eingestiefelt", muss sich die betrieblichen Scheuklappen aufsetzen und das tun, was eben üblich ist und oft genug "schon immer so gemacht wurde". Und das gilt auch, wenn die "eigenen Vorstellungen" fachlich gut begründet sind, aus einem Qualifizierungslehrgang stammen und im Prinzip auf qualitativ hochwertige Arbeit ausgerichtet sind. Wer gezwungen ist, schlecht Arbeit zu leisten, weil es schnell gehen muss, und dabei die eigenen Qualitätsansprüche "in die Ecke stellen" soll, hat es schwer. Zwei Männer werde ich nicht vergessen, die mit einer solchen Situation konfrontiert waren - der eine hatte Tränen in den Augen, weil er nicht so schweissen durfte, wie er es gelernt hatte. Der andere bekam Magengeschwüre, weil er als Drucker jahrelang gezwungen war, giftige Substanzen ins Abwasser zu schütten. Beide hatten keine Möglichkeit, am Arbeitsplatz selbst ihre Konflikte zu besprechen, einer Lösung auch nur einen einzigen Schritt näher zu kommen.
"Dienst nach Vorschrift" lässt sich also verstehen als resignative "Lösung" eines inneren Konflikts, der zwischen Arbeitsanforderungen und eigenen, fachlich oder ethisch begründeten Ansprüchen besteht.

Identifikation fällt nicht vom Himmel

Corporate Identity, das Wir-Gefühl fördern... von solchen Ideen beflügelt erzählte mir einmal ein Betriebswirt, wie er die Identifikation mit dem Unternehmen entwickeln wollte. Ein Fortbildungsprogramm sollte es sein, sorgfältig geplant, als Zeichen, dass die Firma etwas für ihre Arbeitnehmer tut. Etwas enttäuschend waren für ihn dann die Fragen, die am häufigsten zu den Seminaren gestellt wurden. Was gibt's zu Essen? Und: wann kommen wir wieder nach Hause? Die Sache selbst... war für viele weit weg. Die Tradition des Arbeitnehmerdaseins besteht darin, Anweisungen auszuführen und die Haltung, "einfach nur seinen Job erledigen" macht das Arbeitsleben leichter. Wenn Führungskräfte also erwarten, dass sich Arbeitnehmer mit ihrer Arbeit und dem Unternehmen identifizieren, dann ist das schon sehr hoch gegriffen - und begründungspflichtig. Auf jeden Fall scheint es unangemessen, eine solche Identifikation als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen. Identifizieren kann ich mich dort, wo "etwas von mir" sichtbar und erfahrbar wird. Solange aber Mitarbeiterführung mit der Vorstellung verbunden ist, dass die Arbeitnehmer letzten Endes "nichts zu sagen" haben, als ausführende Instanz das zu tun haben, was man ihnen vorschreibt, steht es schlecht um die Identifikationsmöglichkeiten.
Der Schluss liegt nahe, dass Identifikation dort leichter gelingt, wo es Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten gibt. Die Frage ist aber auch, welche Arbeitnehmer in welcher Branche überhaupt das Bedürfnis haben, mitzugestalten und mitzubestimmen. Die geniale Variante, ein Leitbild zu entwickeln und im Betrieb aufzuhängen, verbunden mit dem Vermerk: "das sind unsere Grundlagen" löst nicht selten Kopfschütteln aus. Identifikation funktioniert eben nicht auf Kommando, entwickelt sich nicht "nach Vorschrift". Es ist ein Prozess, der Zeit benötigt und nicht zuletzt auf Freiwilligkeit beruht.

Berufsrollen, Arbeitnehmerrollen, Konflikte und Identifikationsmuster

Die Rolle des Arbeitnehmers geht nicht notwendigerweise mit der Berufsrolle konform - die Vermutung liegt nahe, dass "fachfremde" Tätigkeiten die Identifikation mit dem eigenen Arbeitsplatz erschweren. Zwingend ist diese Schlussfolgerung aber auch nicht - denn "Fachfremdes" kann sehr wohl interessant sein, das eigene Arbeitsfeld bereichern. Grundprobleme, die sich quer durch alle Branchen ziehen, ergeben sich allerdings recht häufig aus fachfremden Anweisungen. Wer als Kfz-Mechaniker in einer Werkstatt von einem Kfz-Mechanikermeister Anweisungen erhält, wird damit vermutlich im Prinzip wenig Probleme haben. Anweisungen werden aber häufig quer durch die Berufswelt gegeben - mit der Konsequenz, dass sich der eine oder die andere immer wieder mit Anweisungen konfrontiert sieht, die in das eigene Berufsbild eingreifen, sachlich und nüchtern betrachtet oft unsinnig sind.
Sich in der Rolle des Arbeitnehmers mit der eigenen Berufsrolle abzugrenzen - das ist eine Kunst, die in keiner Ausbildung und keinem Studiengang vermittelt wird. Der Handwerkerspruch "wie der Schreiner kann's keiner" nützt dem Tischler als Arbeitnehmer wenig, wenn die betriebliche Ökonomie den Einsatz von Sperrholzplatten fordert. Frage also: könnte es sein, dass diejenigen, die nur noch "Dienst nach Vorschrift" machen, ihr fachliches Denken einfach abschalten oder ausblenden, weil sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass sich "die da oben" ja doch nicht dafür interessieren?
Es bleibt eine mehr oder weniger plausible Vermutung, legt aber eine Spur: die Vorstellung, dass der "Dienst nach Vorschrift" in Deutschland nicht nur mit Führungsmängeln, sondern auch mit vielen unbewältigten Konflikten zusammenhängt, bringt die Fragestellung auf einen Punkt.

Kann ich mich mit dem, was ich an meinem Arbeitsplatz tue, identifizieren?
Kann ich die (Verwaltungs-?)Vorschriften mit meinen fachbezogenen und berufsbezogenen Erfahrungen und Kenntnissen in Einklang bringen?
Kann ich die Werte des Unternehmens mittragen?

Ich schätze, diejenigen, die "Dienst nach Vorschrift" ableisten, werden eher Nein sagen.
Und jene Führungskräfte, die ein aufrichtiges Interesse daran haben, den Mangel an Motivation und Identifikation aufzuklären, sind wohl gut beraten, Identifikation mit dem Unternehmen nicht einfach zu fordern, sondern nach den Bedingungen zu fragen, unter denen diese Identifikation möglich wird. Sofern diese Frage im betriebswirtschaftlichen Denken überhaupt eine Rolle spielt... 

Immerhin.... wenn alles "nach Vorschrift" läuft, ist doch auch alles in Ordnung, oder?

von Methusalem veröffentlicht in: Querbeet Community: Wellness und Gesundheit
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