Der Holzklotzwurf, der am Ostersonntag die Mutter zweier Kinder
tötete, ist aufgeklärt. 30 Jahre alt sei der Täter, heisst es im Bericht, und: drogenabhängig. Die Gruppe von Jugendlichen, zu denen es ein Phantombild
gibt, ist noch nicht gefunden - und hat mit dem Wurf gar nichts zu tun. Also, ein kurzer Blick zurück auf die Spekulationen: da gab es Vermutungen über die Hintergründe und Prozesse, die da im Spiel gewesen sein könnten. Was bleibt jetzt noch davon übrig? Entwicklungsdefizite und Gruppendynamik passen nicht mehr, wenn der Täter 30 Jahre alt ist, ebensowenig wie die Schlussfolgerungen, über eine
Verschärfung des Jugendstrafrechts nachzudenken. Dass Alkohol oder Drogen im Spiel gewesen sein könnten, hat sich nun aber bestätigt. Das Phänomen, dass Drogen das kurzfristige Denken fördern,
die Konsequenzen des eigenen Handelns damit schnell aus dem Blick geraten und Denkstörungen auftreten können, ist ja nicht neu. Gewalthandlungen können aus übermäßigem Alkoholkonsum, aber auch
aus dem Konsum von Drogen heraus entstehen. Entweder als instrumentelle Aggression, um an Geld für Drogen zu kommen, oder aus einer spontanen Aktion heraus, weil der Umgang mit Gefühlen
beeinträchtigt ist und Kontrollmechanismen fehlen. Soweit also lässt sich der Erklärungsansatz aufrecht erhalten. Der Tatverdächtige habe sich in Widersprüche verwickelt und gelte schon länger
als drogenabhängig. Konsequenterweise muss also Gewaltprävention auch Suchtprävention bedeuten - wäre der Betreffende zu einer Beratungsstelle gegangen, hätte er sich einer Entgiftung und einer
stationären Entwöhnungstherapie unterzogen, wäre der Holzklotz vielleicht geblieben, wo er war.
Dem Ruf nach dem "Strick um dem Hals", der in den Meinungen zum
Thema geäußert wird, kann ich mich als prinzipieller Gegner der Todesstrafe nicht anschließen. Neben dem Anliegen, die Öffentlichkeit zu schützen, bleibt das therapeutische Anliegen bestehen -
und es würde mich nicht wundern, wenn das Gericht zusätzlich zu einer Haftstrafe eine Therapie "dringend nahelegt" - und wenn es sein muss, eben im Rahmen des Massregelvollzugs. Das Problem ist
allerdings, dass Suchttherapie nur auf freiwilliger Basis wirklich funktioniert. Schwierig ist aber auch, dass Drogenabhängigkeit sehr lange "gelebt" werden kann, bis endlich der Gang zur
Beratungsstelle erfolgt. Entgiftungen werden häufig abgebrochen, und selbst dann, wenn eine Therapie begonnen wird, ist ein Abbruch nicht auszuschließen - auch dann nicht, wenn sie als
Alternative zur Haftstrafe nach §35 BtMG erfolgt.
Das System funktioniert, wenn es zu einer drastischen Straftat gekommen ist - die Tatsache einer hohen
Aufklärungswahrscheinlichkeit könnte aber auch ein Argument sein, früher an die möglichen Folgen des Drogenkonsums zu denken und deutlich zu machen, dass es nicht nur um eine individuelle
Krankheit, sondern auch um die Gefährdung anderer geht. Mechanismen zu entwickeln, die früher einsetzen und eine "Zwangstherapie" anordnen, ist ein fragwürdiger Ansatz. Zu den unverzichtbaren
Bemühungen gehört aber die Arbeit der Suchberatungsstellen, die sich darum bemühen, über Sozialberichte und Anträge einen Therapieplatz finanziert zu bekommen.
Nur - wer alkohol- oder drogenabhängig ist, muss dort eben erstmal hingehen. Die Einsicht "ich bin abhängig" muss erstmal da sein. Es genügt schon die Einsicht "ich habe ein
Problem mit Suchtmitteln". Bis es soweit ist, können Jahre vergehen - und oft sind Freunde und Angehörige eifrig damit beschäftigt, alles was schiefgeht irgendwie wieder "hinzubiegen" und
stabilisieren damit gewollt oder ungewollt die Suchtentwicklung.
Bei einem 30-Jährigen kann man nicht auf ein "Machtwort" der Eltern warten, es würde
wohl nicht angenommen. Was bleibt, ist Motivationsarbeit - möglichst überall dort, wo Auffälligkeiten auf starken Suchtmittelkonsum hinweisen. In Schulen, Ausbildungspätzen, im Betrieb. In der
Familie, im Freundeskreis. Das kann schwer sein: sich klar zu machen, dass "gut gemeint" und "gut gemacht" zwei verschiedene Dinge sind - und alles, was letzten Endes die Sucht unterstützt, sei
es das Leihen von Geld oder die Unterstützung in einer Notlage, die durch Suchtmittel entstanden ist, als falsch zu erkennen.
Abhängige brauchen ein
klares Signal, eine Wand, die signalisiert: hier geht es nicht weiter.
Niemand kann vorhersehen, was alles geschieht, wenn Alkohol und/oder Drogen
gefährliches Verhalten "erlaubt". Die Verkehrsstatistiken sprechen hier allerdings eine klare Sprache - nur bewirken sie eben nicht viel, denn Drogenkonsum ist oft schwer zu erkennen, Alkohol
wird eben toleriert, also...
Bleibt nur der Appell an die Vernunft?
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