Mittwoch, 21. mai 2008

Der Holzklotzwurf, der am Ostersonntag die Mutter zweier Kinder tötete, ist aufgeklärt.  30 Jahre alt sei der Täter, heisst es im Bericht, und: drogenabhängig. Die Gruppe von Jugendlichen, zu denen es ein Phantombild gibt, ist noch nicht gefunden - und hat mit dem Wurf gar nichts zu tun. Also, ein kurzer Blick zurück auf die Spekulationen: da gab es Vermutungen über die Hintergründe und Prozesse, die da im Spiel gewesen sein könnten. Was bleibt jetzt noch davon übrig? Entwicklungsdefizite und Gruppendynamik passen nicht mehr, wenn der Täter 30 Jahre alt ist, ebensowenig wie die Schlussfolgerungen, über eine Verschärfung des Jugendstrafrechts nachzudenken. Dass Alkohol oder Drogen im Spiel gewesen sein könnten, hat sich nun aber bestätigt. Das Phänomen, dass Drogen das kurzfristige Denken fördern, die Konsequenzen des eigenen Handelns damit schnell aus dem Blick geraten und Denkstörungen auftreten können, ist ja nicht neu. Gewalthandlungen können aus übermäßigem Alkoholkonsum, aber auch aus dem Konsum von Drogen heraus entstehen. Entweder als instrumentelle Aggression, um an Geld für Drogen zu kommen, oder aus einer spontanen Aktion heraus, weil der Umgang mit Gefühlen beeinträchtigt ist und Kontrollmechanismen fehlen. Soweit also lässt sich der Erklärungsansatz aufrecht erhalten. Der Tatverdächtige habe sich in Widersprüche verwickelt und gelte schon länger als drogenabhängig. Konsequenterweise muss also Gewaltprävention auch Suchtprävention bedeuten - wäre der Betreffende zu einer Beratungsstelle gegangen, hätte er sich einer Entgiftung und einer stationären Entwöhnungstherapie unterzogen, wäre der Holzklotz vielleicht geblieben, wo er war.
Dem Ruf nach dem "Strick um dem Hals", der in den Meinungen zum Thema geäußert wird, kann ich mich als prinzipieller Gegner der Todesstrafe nicht anschließen. Neben dem Anliegen, die Öffentlichkeit zu schützen, bleibt das therapeutische Anliegen bestehen - und es würde mich nicht wundern, wenn das Gericht zusätzlich zu einer Haftstrafe eine Therapie "dringend nahelegt" - und wenn es sein muss, eben im Rahmen des Massregelvollzugs. Das Problem ist allerdings, dass Suchttherapie nur auf freiwilliger Basis wirklich funktioniert. Schwierig ist aber auch, dass Drogenabhängigkeit sehr lange "gelebt" werden kann, bis endlich der Gang zur Beratungsstelle erfolgt. Entgiftungen werden häufig abgebrochen, und selbst dann, wenn eine Therapie begonnen wird, ist ein Abbruch nicht auszuschließen - auch dann nicht, wenn sie als Alternative zur Haftstrafe nach §35 BtMG erfolgt.
Das System funktioniert, wenn es zu einer drastischen Straftat gekommen ist - die Tatsache einer hohen Aufklärungswahrscheinlichkeit könnte aber auch ein Argument sein, früher an die möglichen Folgen des Drogenkonsums zu denken und deutlich zu machen, dass es nicht nur um eine individuelle Krankheit, sondern auch um die Gefährdung anderer geht. Mechanismen zu entwickeln, die früher einsetzen und eine "Zwangstherapie" anordnen, ist ein fragwürdiger Ansatz. Zu den unverzichtbaren Bemühungen gehört aber die Arbeit der Suchberatungsstellen, die sich darum bemühen, über Sozialberichte und Anträge einen Therapieplatz finanziert zu bekommen.
Nur - wer alkohol- oder drogenabhängig ist, muss dort eben erstmal hingehen. Die Einsicht "ich bin abhängig" muss erstmal da sein. Es genügt schon die Einsicht "ich habe ein Problem mit Suchtmitteln". Bis es soweit ist, können Jahre vergehen - und oft sind Freunde und Angehörige eifrig damit beschäftigt, alles was schiefgeht irgendwie wieder "hinzubiegen" und stabilisieren damit gewollt oder ungewollt die Suchtentwicklung.
Bei einem 30-Jährigen kann man nicht auf ein "Machtwort" der Eltern warten, es würde wohl nicht angenommen. Was bleibt, ist Motivationsarbeit - möglichst überall dort, wo Auffälligkeiten auf starken Suchtmittelkonsum hinweisen. In Schulen, Ausbildungspätzen, im Betrieb. In der Familie, im Freundeskreis. Das kann schwer sein: sich klar zu machen, dass "gut gemeint" und "gut gemacht" zwei verschiedene Dinge sind - und alles, was letzten Endes die Sucht unterstützt, sei es das Leihen von Geld oder die Unterstützung in einer Notlage, die durch Suchtmittel entstanden ist, als falsch zu erkennen.
Abhängige brauchen ein klares Signal, eine Wand, die signalisiert: hier geht es nicht weiter.
Niemand kann vorhersehen, was alles geschieht, wenn Alkohol und/oder Drogen gefährliches Verhalten "erlaubt". Die Verkehrsstatistiken sprechen hier allerdings eine klare Sprache - nur bewirken sie eben nicht viel, denn Drogenkonsum ist oft schwer zu erkennen, Alkohol wird eben toleriert, also...

Bleibt nur der Appell an die Vernunft?

von Methusalem veröffentlicht in: Prävention Community: Wellness und Gesundheit
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Dienstag, 20. mai 2008

Ursprünglich hatte ich bei diesem Stück eine Aggressionsübung im Sinn, die zu mehr Selbstkontrolle und Souveränität in Situationen führen soll, in denen Männer provoziert werden und zu Gewalthandlungen neigen. An einem entsprechenden Podcast bastle ich noch... auf jeden Fall ist das Wort "aggredere" als Begriff mit der Bedeutung, voranzuschreiten, auf jemanden zuzugehen, immer wieder ein Denkanstoss. Energie in sich zu spüren und zu entscheiden, wo und wie sie sich ausdrücken soll... es geht auch ohne Gewalt.

 

von Methusalem veröffentlicht in: Musik Community: Wellness und Gesundheit
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Dienstag, 20. mai 2008

Nachrichten, Statistiken und Umfragen: Deutschland ist ein reiches und ein armes Land. An einer Umfrage bei GMX haben sich mehr als 10000 Menschen beteiligt. Die Frage war: "Haben Sie weniger Geld in der Tasche?" - und 80 Prozent sagen JA. Kurz gefasst: die Schere geht auseinander, die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, es gibt mehr von ihnen und ohne staatliche Hilfe wäre es ein Viertel der Bevölkerung, das unter der definierten Armutsgrenze lebt.

Schlicht und einfach gesagt: da stimmt etwas nicht. Vor allem dann nicht, wenn Erwerbstätigkeit keine Garantie mehr dafür darstellt, ausreichend Geld zum Leben zu haben. Soziale Ungerechtigkeit: wenn die Reichen reicher werden, die Wirtschaft gut läuft, das Ganze aber auf Kosten vieler Menschen geht, die wenig verdienen - dann bereichern sich einige Wenige an Vielen. Wirtschaft ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln, aber eines kann ich schwer nachvollziehen: was bringen uns denn viele Arbeitsplätze, wenn sie jenen, die sie besetzen, den Lebensunterhalt nicht ausreichend sichern können? Wirtschaftliche Interessen hin oder her - der Ansatz, Mindestlöhne einzuführen ist auf jeden Fall eine Diskussion wert. Die Politik ist gefragt: dass Reiche noch reicher werden, muss, soll und darf die Politik nicht unterstützen. Dass die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, darf die Politik nicht dulden. Die Mitte also gilt es zu stärken und die Chancen, durch Erwerbstätigkeit den Lebensunterhalt so zu bestreiten, dass es sich gut leben lässt. Gehen wir davon aus, dass Schulabschlüsse und Berufsausbildungen die Chancen auf einen Arbeitsplatz erhöhen, geht die Überlegung, mehr dafür zu tun, dass es weniger Schulabbrecher und Schulversager gibt, schon in die richtige Richtung. Die Statistiken zeigen ja schon lange, dass vor allem die Qualifikation einen entscheidenden Einfluss auf die Arbeitslosigkeit hat - wer keine Ausbildung hat, hat auch mehr Schwierigkeiten, eine Beschäftigung zu finden.

Stellen wir uns vor: da ist jemand, der mit seinem Einkommen nicht zufrieden ist. Stellen wir uns vor, es gäbe die Möglichkeit, Zeiten der Arbeitslosigkeit unmittelbar zu nutzen, um einen Schulabschluss nachzuholen oder eine Ausbildung zu machen. Stellen wir uns vor, es wäre möglich, sich berufsbegleitend weiterzubilden, und damit die Chance zu haben, eine qualifiziertere Tätigkeit mit höherem Einkommen auszuüben. Die Schere würde sich langsam schliessen. Bestehende Unterschiede sind akzeptabel, wenn jene, die sich höher qualifiziert haben, mehr Verantwortung tragen oder auf irgendeine Art mehr leisten, auch mehr verdienen.

Im Prinzip bestehen solche Möglichkeiten ja - in der Praxis aber sind sie für viele nicht zu verwirklichen. Und irgendwo da liegen die Wurzeln, die Alltagsprobleme, die man sich genauer ansehen muss, um herauszufinden, warum diese Idee nicht funktioniert. Klar, Bildung kostet Geld. Staatliche Hilfen aber auch. Die Frage ist also, wo sinnvollerweise gestützt und finanziert werden soll, wo sinnvollerweise gespart wird. Wenn es politische Ursachen gibt, die für die Entwicklung verantwortlich sind, dann sind dort auch die Fehler zu suchen, die es zu korrigieren gilt.

Mehr Sozialstaat? Eine bessere Bildungspolitik? DIe Reichen stärker zur Kasse bitten? Wenn die Probleme kompliziert sind, stellen sich auch viele Fragen. Dort aber, wo die Demokratie in Gefahr gerät, weil die Ungerechtigkeit im Land wächst, muss es auch darum gehen, Wege aus der Armut auszuarbeiten, aufzuzeigen und politisch umzusetzen. Auch dann, wenn Armut "relativ" ist - das Konfliktpotential in der Gesellschaft wächst. Zugleich wächst vielleicht aber auch die Bereitschaft, der Politik mehr auf die Finger zu schauen, mitzudenken, politische Anliegen zu formulieren - und sich zu äussern, wo es etwas zu sagen gibt.

Soweit die Fakten transparent sind, kann man nicht behaupten, dass Deutschland insgesamt ein armes Land ist. Das Problem scheint eher die fehlende Verteilungsgerechtigkeit zu sein. Dann aber hilft es nichts, sich ins Koma zu saufen... eher, den Anspruch zu stellen, dass sich die Politik insgesamt bitteschön um mehr Gerechtigkeit bemüht.

Mehr Hintergrundinfos zum Thema Armut gibt es hier.

von Methusalem veröffentlicht in: Querbeet Community: Wellness und Gesundheit
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Montag, 19. mai 2008

Ärzte kennen das Phänomen, Psychotherapeuten auch. Eltern kennen es, Freunde und Angehörige auch. Immer wieder einmal lässt sich beobachten, dass da jemand ist, der nicht mehr weiter weiss, Hilfe braucht oder brauchen könnte, aber keine Hilfe annehmen kann. Dabei kann die Ablehnung von Hilfe auch etwas Gesundes sein: wenn Kinder etwas allein machen wollen, dann zeigt sich darin auch der Ehrgeiz, etwas allein zu schaffen, selbständiger zu werden. Ich bin schon gross, ich kann das allein. Wenn es gelingt: umso besser. Der Lerneffekt dabei ist die Erkenntnis, dass die eigenen Fähigkeiten wachsen. Hilfe zu unterlassen, wo sie möglich wäre, kann sinnvoll sein, um Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu fördern - zu viel Hilfe stützt die Entwicklung abhängiger Strukturen und stört die gesunde Entfaltung des Selbstbilds. Genauer gesagt geht es dabei um das Selbstkonzept der Fähigkeiten.

Problematisch aber wird es, wenn Hilfsbedürftigkeit generell als etwas Schlechtes, Unangemessenes und Verwerfliches betrachtet wird. Hilfsbedürftigkeit kann in mehrfacher Hinsicht peinlich sein, Hilfsbedürftigkeit verletzt den eigenen Stolz. Im Laufe der Zeit entwickeln wir bestimmte Muster, wann und wo in welcher Situation es angemessen ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Manchmal ist Hilfsbedürftigkeit "in Ordnung", versehen mit dem Etikett "das kann ja jedem mal passieren". Sich zu erkälten, ein Rezept zu holen, in der Apotheke ein Medikament abzuholen, das ist eben etwas Normales. Geräte zur Reparatur zu bringen, die nicht mehr funktionieren. Oder zum Arzt zu gehen, wenn man sich schwerer verletzt hat. Hilfsbedürftigkeit scheint vor allem dann akzeptabel zu sein, wenn sie nicht durch eigenes Verschulden zustande gekommen ist, wenn es um Krankheiten geht, die man eben bekommen kann.

Anders sieht es aus, wenn es um persönliche Probleme geht, um psychische Störungen, denn daran haftet immer noch das Etikett: "ich hab' ne Macke". Klar, wer ne Macke hat, muss zum Psychiater und vielleicht in die Klapse. Dass es einen Unterschied zwischen Psychiatern und Psychologen gibt, dass Psychotherapie und Psychiatrie verschiedene Dinge sind und nicht jede psychische Störung gleich in eine Klinik führen muss, kann man immer wieder erklären - im Alltagsverständnis kommt es schwer, bestenfalls ganz langsam an.

Merkwürdigerweise treten die Schwierigkeiten, Unterstützung anzunehmen, auch in der Psychotherapie auf. Ein Grund dafür können Autoritätsprobleme sein, denn Hilfe annehmen bedeutet meist ja auch, "sich etwas sagen lassen". Gerade in der Psychotherapie, in der es darum geht, sich immer in gewisser Weise lenken zu lassen, kann das ein grosses Problem sein. Und dann machen die Ratlosen, die keinen Rat annehmen wollen, schnell auch die anderen, die helfen wollen, ratlos...

Kleine Denkpause: heisst Unterstützung eigentlich "einen Rat geben"? Oder sind es vielleicht gerade die vielen Rat-Schläge, die so manche(n) Ratlose(n) fürchten? Gehen wir einmal von der Annahme aus, dass Hilfsbedürftigkeit konfliktbesetzt sein kann - der Wunsch nach Unterstützung also gekoppelt ist an den Stolz, vielleicht auch den Anspruch an sich selbst, mit bestimmten Dingen auch allein zurechtkommen zu müssen oder zu sollen. Wer auch immer dann in welcher Rolle auch immer Hilfe aufdrängen möchte, wird nichts anderes tun als von aussen gegen eine Tür zu rennen, die sich nicht nach innen öffnen lässt. Manche Türen gehen eben nur nach aussen auf... was ich damit meine ist, dass Unterstützung oft überhaupt keinen Sinn hat, wenn sie nicht angenommen wird, vielleicht nicht angenommen werden kann. Anbieten, das geht immer. Abwarten, bis der oder die Betreffende von sich aus den Wunsch äussert, hier und da in irgendeiner Form unterstützt zu werden. Dem Stolz oder was auch immer der Annahme von Hilfe im Wege steht, muss dabei allerdings Rechnung getragen werden. Vielleicht lässt sich eine Annäherung an eine Lösung erreichen, wenn die vielen Formen bedacht werden, die Unterstützung annehmen kann - die direkte Empfehlung als "Rat" lässt Einwände gegen das Sichhelfenlassen schneller aktiv werden als zurückhaltende Formen, die mehr auf Klärung, auf vage Hinweise setzen. Damit wird Ratlosigkeit reduziert durch die Chance, selbst einen Weg zu finden. Sich einfach verschiedene Möglichkeiten durch den Kopfe gehen zu lassen, wie sich die eine oder andere Situation aus einer anderen Perspektive betrachten lässt, das ist ein Gedanke, der sich vielleicht eher mit dem Stolz des Sichnichthelfenlassenwollens vereinbaren lässt. Dann zeigt sich die Ablehnung von Hilfe als Stärke - und kann zu der Einsicht führen, dass es manchmal einfach nur darum geht, den Zugang zu eigenen Ressourcen zu finden, die zu eigenständigen passenden Lösungen führen. Manchmal ist der beste Rat, keinen Rat zu geben, sondern die Fähigkeit zu stützen, selbst Antworten und Wege zu finden. Hinter der Konfliktsituation, Hilfe zu benötigen, sie gleichzeitig aber auch abzulehnen, kann also ein Konzept stehen, das die Absicht verfolgt, autonome Strategien zu entwickeln. Anders formuliert: manche Menschen möchten niemanden haben, der ihnen den Weg weist - sondern bestenfalls Hinweise bekommen, wie sie ihren Weg selbst finden können. Es ist erlaubt, ein Problem zu haben und es ist akzeptabel, dass erwachsene Menschen ihr eigenes Leben leben wollen. Vielleicht ist es die unangenehme Erfahrung, dass die Bitte um Hilfe auch dazu führen kann, ein Problem gewissermassen zu "verlieren". Da kommt jemand und nimmt mir mein Problem weg. Bestimmt über mich. Sagt mir, was ich tun soll, und das will ich nicht. Die korrigierende Erfahrung, die dieses Muster langsam aufzulösen vermag, ist ein Angebot, das nicht entmündigt und bevormundet, sondern zur Selbsthilfe ermuntert. Langfristig ist diese Hilfe zur Selbsthilfe wesentlich stabiler - und löst den Konflikt von seiner Grundlage her auf.

von Methusalem veröffentlicht in: Psychotherapie Community: Wellness und Gesundheit
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Samstag, 17. mai 2008

Tapetenwechsel braucht der Mensch. Allen Unkenrufen zum Trotz, die davon ausgehen, dass das menschliche Gehirn letzten Endes Sklave der eigenen Nervenbahnen ist, Freiheit somit eine Illusion des Bewusstseins darstellt, bleibt eine gewisse Flexibilität des Verhaltens nicht zu leugnen. Aktives Denken hält fit. Immer wieder, Tag für Tag, alles genau gleich zu machen, das ist der sicherste Weg, einzurosten. Stumpf zu werden. Unbeweglich zu werden. Routine braucht der Mensch. Routine entlastet, nimmt uns Denkarbeit ab. Es geht nicht ohne eingefahrene Muster, ohne das Alltägliche, immer gleiche, Vertraute und Sichere. Diese Routine führt aber auch dazu, dass manche Dinge kaum noch anders vorzustellen sind, es geht irgendwie nicht anders, scheint nicht anders zu gehen. Die Denkpsychologie beschreibt ein interessantes Phänomen - wenn man Versuchspersonen Aufgaben stellt, die nur durch eine bestimmte Berechnung zu lösen sind, ihnen dann schließlich eine Aufgabe vorsetzt, die im Prinzip viel einfacher zu lösen wäre, wählen die meisten den umständlichen Weg. Einfach deshalb, weil sie sich daran gewöhnt haben. Gewohnheitsfalle, so kann man es auch nennen. Mal was anderes - vielleicht bietet sich das Wochenende an, einmal darüber nachzudenken, wo Dinge im Alltag eingefahren sind, so automatisch laufen, dass es eintönig und langweilig geworden ist. Ganz einfach, ganz schlicht, lässt sich die Frage stellen, wo etwas Abwechslung neuen Schwung bringen könnte. Was ist, und schon lange so war, muss nicht notwendigerweise für immer so bleiben. So manches geht auch anders, und das - wäre mal was anderes.

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