Virginia Satir ist schon beinahe 20 Jahre tot. Ihr Geist jedoch wirkt weiter - folgt man dem Text, den Marianne Krüll über sie verfasst hat. Die "Deklaration der Selbstachtung" ist eine Zusammenstellung von Gedanken, die es wirklich wert ist, immer wieder neu gedacht zu werden.
"In der ganzen Welt gibt es niemanden genau wie mich. Alles, was von mir kommt, ist nur von mir, denn ich allein habe es ausgewählt. Mir gehört alles, was ich bin: mein Körper, meine Gefühle, mein Mund, meine Stimme, alle meine Handlungen, ob sie sich auf andere oder auf mich selbst beziehen. Mir gehören alle meine Triumph-Erlebnisse und Erfolge, alle meine Versagenserfahrungen und Fehler. Da ich mir ganz gehöre, kann ich mit mir sehr genau vertraut werden."
So selbstverständlich ist diese Art des Erlebens nicht - psychotische Erfahrungen können sich auch darauf beziehen, sich selbst als getrennt vom eigenen Körper zu erleben, die eigenen Gedanken
eben nicht als zu sich selbst gehörend wahrzunehmen. Das "Ich", das Virginia Satir beschreibt, ist ein bewusstes, körperliches "Ich", das sich selbst die eigenen Erfahrungen anzueignen
vermag.
"Dabei kann ich mich lieben und mit allen meinen Teilen freundlich umgehen. Ich weiß, dass ich Aspekte habe, die unklar sind, andere, die ich nicht kenne. Aber wenn ich freundlich und liebevoll
mit mir bin, kann ich voller Mut und Hoffnung nach Lösungen für die Unklarheiten suchen und nach Wegen, mehr über mich zu erfahren."
Alle meine Teile... Selbstachtung also bedeutet nicht, sich selbst "teilweise" anzunehmen und dabei so manches auszuklammern - auch das Unbekannte nicht, das sich als Unklarheit zeigt. Virginia
Satir ist 72 Jahre alt geworden - und wenn sie diese Aussagen auch auf sich bezogen hat, dann bedeutet es, sie hat nicht alles über sich selbst in Erfahrung gebracht. Sie ist sich selbst bis zu
ihrem Tod auch ein Geheimnis geblieben.
"Was ich sage und tue, sehe und höre, bin ich. Und was ich in einem bestimmten Moment denke und fühle, ist unverwechselbar Ich. Wenn sich später einzelne Teile
als unpassend erweisen, wie ich mal aussah, mich anhörte, gedacht und gefühlt habe, kann ich das, was unpassend war, ablegen und den Rest bewahren, und ich kann etwas Neues erfinden für das, was
ich abgelegt habe."
Entwicklung und Veränderung - Unpassendes ablegen, Neues erfinden. Ich kann mich verändern und bleibe doch "Ich". Veränderung bricht nicht mit der Kontinuität, und sie hat etwas Kreatives an
sich. Das "Ich" wird hier nicht als etwas Festes, Unwandelbares gedacht, sondern als beweglich. Wenn jemand von sich sagt "ich habe mich verändert" - ist das dann etwas Passives oder ein aktiver
Prozess?
"Ich kann sehen, hören, fühlen, denken, reden und tun. Ich habe Mittel, um zu überleben, um anderen nahe zu sein, um produktiv zu sein. Und ich kann die Welt
der Menschen und Dinge außerhalb von mir verstehen und einordnen. Ich gehöre mir und deshalb kann ich mich steuern."
Fähigkeiten, Möglichkeiten. Ich kann, ich habe und schließlich: ich kann mich steuern.
Einfach gesagt, vielleicht erst nach längerem und häufigem Nachdenken in seiner Bedeutung wirklich erfahrbar... genauso wie der Schluss der Deklaration:
"Ich bin ich und ich bin okay."
Wie würde die Welt wohl aussehen, wenn es mehr Menschen gäbe, die genau dieses von sich sagen können?
Literatur:
KRUELL, M. (1992). Virginia Satirs Geist wirkt weiter. In: BOSCH, M. u. ULLRICH, W. (Hrsg.). Die entwicklungsorientierte Familientherapie nach Virginia Satir. 2. Auflage. Paderborn: Junfermannsche Verlagsbuchhaltung. S.37-41.
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